Aristoteles und die Mittelmeer-Mönchsrobbe: die einzige Robbe des Mediterrans

In der letzten Zeit hat MareMundi öfters auf das neue Kinder- und Jugendbuch von Robert Hofrichter Entdecke die Robben aufmerksam gemacht, z. B. in diesem Beitrag: mare-mundi heißt Leser in der Welt der Robben willkommen! Nun ist das attraktive und informative Buch für jüngere Leser zwischen 9 und 99 nach einigen Verzögerungen erschienen.

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Wie andere Tierarten und Meeresbewohner allgemein auch, verlieren viele Robbenarten durch negative Aktivitäten der Menschen, Umweltverschmutzung und den globalen Klimawandel ihre Lebensgrundlage. Im Mittelmeer steht die einzige mediterrane Robbe, die Mönchsrobbe (Monachus monachus), am Rand der Ausrottung. Foto: Gerald Roger Hau, Mittelmeer- und Naturschutzexperte

Phokä – Bereits Aristoteles widmete sich der Mittelmeer-Mönchsrobbe

Der berühmteste aller antiken, griechischen Naturphilosophen war zweifellos Aristoteles, der im 4. Jahrhundert vor Christus lebte. Er beobachtete die Tiere nahezu wie ein moderner Wissenschaftler, sezierte sie und schrieb seine Erkenntnisse nieder.

Griechenland liegt am Mittelmeer und im Mittelmeer lebt nur eine Robbenart – die Mönchsrobbe. Heute ist die Art vom Aussterben bedroht, doch in den Tagen von Aristoteles war sie noch wesentlich häufiger. So wurde die Mönchsrobbe zum Studienobjekt von Aristoteles und zu jener Robbenart, die überhaupt als erste in Büchern beschrieben wurde. Die Schriften von Aristoteles wurden Jahrhunderte lang abgeschrieben, in andere Sprachen übersetzt, und die Mönchsrobbe – Aristoteles nannte sie Phokä – wurde für lange Zeit sozusagen zur berühmtesten Robbe der Welt. Das war lange vor den Seereisen der Europäer, bei denen sie schließlich viele andere Robbenarten entdeckt haben.

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Aristoteles (* 384 v. Chr.  † 322 v. Chr.), der bekannteste und einflussreichste (Natur)Philosoph der Geschichte, man kann durchaus auch behaupten, dass er der erste mediterrane Meeresbiologe war.  Sein Lehrer war Platon, doch hat Aristoteles zahlreiche Disziplinen maßgeblich beeinflusst bzw. entwickelt oder weiter entwickelt, speziell die Biologie und Physik.

Zugegeben, der nachfolgend zitierte Text von Aristoteles klingt nicht ganz wie ein Lehrbuch der modernen Zeit. Doch ist es auch mehr als 2.300 Jahre alt und damit absolut einzigartig! Es ist unterhaltsam darin zu lesen und wir bieten Dir dazu nachfolgend die Gelegenheit. Hier also einige Zeilen aus der ältesten Beschreibung einer Robbe der Welt! Aristoteles war wahrlich ein genauer Beobachter, der unsere Bewunderung verdient.

Die Phokä ist eine Art verstümmelter Vierfüßler … die Vorderfüße, sehen jedoch wie Fischschwänze aus … Die Phokä gehört zu den Tieren, die am Lande und im Wasser leben können. Sie nimmt … das Wasser nicht auf, sondern atmet und schläft … am Lande, freilich am Strande, wie ein Tier, das zwar Landtier ist, aber sich die meiste Zeit im Meere aufhält und sich aus ihm nährt. Daher ist bei den Wassertieren über sie zu sprechen. Sie entwickelt … in sich lebende Junge, gebiert sie lebend … Sie hat ein oder zwei Junge … und besitzt zwei Zitzen, an denen die Jungen saugen, wie bei den Säugetieren … Sind die Kleinen zwölf Tage alt, führt sie sie oft am Tage ins Wasser, um sie allmählich daran zu gewöhnen. Abhänge rutscht sie hinab ohne zu laufen, weil sie sich mit den Füßen nicht gegen etwas zu stemmen vermag.

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Verbreitung der Mittelmeer-Mönchsrobbe nach Wikipedia.  Es ist eine vom Aussterben bedrohte Robbenart aus der Familie der Hundsrobben. Mit geschätzten 350 bis 450 Individuen ist sie eines der seltensten Säugetiere Europas.

 

Die Menschen des Mediterrans haben die Mönchsrobbe seit Urzeiten bejagt

Die Mönchsrobbe wurde schon seit Urzeiten bejagt, denn die Mittelmeerregion gehört zu den am längsten besiedelten Gebieten der Erde. Archäologen haben herausgefunden, dass bereits Steinzeitmenschen Jagd auf Robben machten. Im Jahr 1991 wurden in der Cosquer-Grotte in Südfrankreich mehr als 20.000 Jahre alte Höhlenmalereien und Höhlenzeichnungen entdeckt, auf denen neben anderen Tieren auch Robben dargestellt sind. Dabei kann es sich nur um die Mönchsrobbe handeln.

 

Eine der am stärksten bedrohten Robben- und Säugetierarten der Welt

Das Mittelmeer ist eines der am meisten verschmutzten Meere der Welt. Die wenigen Mönchsrobben, die hier leben, haben es wahrlich nicht leicht. Das Wasser und die Nahrung sind durch Gifte belastet, es gibt nicht mehr ausreichend Fische, die Robben werden mancherorts von den Fischern gehasst, weil diese die wenigen Fische nicht mit den Robben teilen wollen, und es gibt kaum mehr ein abgelegenes Plätzchen, wo die Robben in Ruhe ihre Jungen aufziehen könnten. Touristen, Motorboote und Taucher verunsichern selbst die verstecktesten Meereshöhlen. Langleinen, Fischernetze, Plastik, Kollisionen mit Booten, der Lärm – all das setzt den Tieren zu.

Früher haben Mönchsrobben, wie andere Robben auch, an Stränden geruht. Doch flüchteten sie sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter in abgelegene, schwer zugängliche, zerklüftete Küsten und Höhlen. Dass sich der Lebensraum, ohne Druck der Menschen, wieder ändern könnte, zeigen Beobachtungen von den streng geschützten Islas Desertas bei Madeira im Atlantischen Ozean: Muttertiere kehren mit ihren Kälbern zunehmend auf Sandstrände zurück. Das passiert zum ersten Mal nach langer Zeit. Ähnliche Beobachtungen gibt es aus der Türkei und aus Griechenland. Vielleicht gibt es also für die Mönchsrobben doch eine Hoffnung?

Denn auch in den Höhlen sind die Tiere heute nicht mehr vor uns Menschen sicher. Als die Portugiesen 1463 die Atlantikküste Afrikas entlangsegelten, fanden sie noch auf Sandbänken Kolonien von geschätzten 5.000 Tieren. Das zeigt, dass die Mönchsrobbe von Natur aus kein Einzelgänger und kein Höhlenbewohner ist, wie man fälschlich annimmt. Heute ist die Mittelmeer-Mönchsrobbe die seltenste Robbe und eines der seltensten Säugetiere der Erde. Ihre Gesamtpopulation wird auf nur mehr 400 bis 500 Individuen geschätzt. Die genaue Zahl kennt aber niemand.

 

Eine empfehlenswerte Publikation: Monk seals in antiquity: the Mediterranean monk seal (Monachus monachus) in ancient history and literature

Im Rahmen der Recherchen über die Mönchsrobbe wurde für das neue Buch auch die Kulturgeschichte der Art genau analysiert. Dies ist heute keine große Kunst mehr, dank zwei unglaublich faszinierenden Publikationen: Seit 1999 (Frühzeit, Antike) bzw. 2004 (postantike Zeit bis in die Gegenwart) kann man die faszinierenden Spuren der Mönchsrobben in der mediterranen Gedankenwelt und Kultur in den exzellenten Zusammenfassungen von William M. Johnson und David M. Lavigne nachlesen – eine besonders empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich mit Mönchsrobben beschäftigen, aber auch für jeden bibliophilen Liebhaber der Mittelmeerregion.

Meerbischof

Die Mönchsrobben haben als die einzige Robbenart des Mittelmeeres bemerkenswerte und zum Teil skurrile Spuren in der Kulturgeschichte, in der Gedankenwelt und in den Bestiarien der Jahrhunderte hinterlassen – sie reichen bis zu Belons See-Mönchen (Monachus marinus) und zum Gessners Meer-Bischof (Episcopus marinus), die auch in Illustrationen wie der hier dargestellten erhalten sind.

 

Ansonsten sind aber bildliche Darstellungen, speziell aus der Antike, rar. Wie verwirrend und aus wissenschaftlicher Sicht völlig irrelevant die Vorstellungen von der Mönchsrobbe noch im Jahr 18. Jahrhundert waren, zeigt ein Blick auf das Stichwort Meer-Kalb in Zedlers Lexikon, ein Beitrag mit einem hohen wissenschaftshistorischen Unterhaltungswert.
Bis in die heutige Zeit waren die Literaturangaben zum Thema – wie auch die zur Biologie der Mönchsrobbe – recht ungenau und widersprüchlich. So behauptete man, dass die mediterrane Welt trotz der Beschreibung von Aristoteles insgesamt relativ wenig Berührung mit Robben hatte, da sie wahrscheinlich schon damals eher selten waren. Doch nach den zitierten gründlichen Analysen der Quellen, scheint es anders gewesen zu sein: Mönchsrobben haben seit „Urzeiten“ über die Antike und die darauf folgende Jahrhunderte für Menschen eine wichtige wirtschaftliche Rolle gespielt, wurden medizinisch genutzt, ihre Haut wurde zu Leder verarbeitet, sie wurden von Fischern schon damals als Konkurrenten gehasst und getötet und waren die Grundlage für die Ausbildung von Mythen und Legenden, wodurch sie die Gedankenwelt der Menschen geprägt haben …

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Mehr über die faszinierende und stark bedrohte Mittelmeer-Mönchsrobbe können Sie (oder auch ganze Klassen im Rahmen von meeresbiologischen Projektwochen in Kroatien) bei MareMundi erfahren. Oder Sie lesen das neue Buch von Robert Hofrichter durch – Sie wissen, es ist für Kinder zwischen 9 und 99 bestimmt!

Bericht: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu

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