Bedrohte Meeresschildkröten aus dem Mittelmeer und eine fragwürdige Delikatesse: die Schildkrötensuppe

 

Meeresschützer und Biologen verwenden den Namen Suppenschildkröte für Chelonia mydas ungern – und zunehmend gar nicht. Stattdessen sagen sie Grüne Meeresschildkröte (engl. Green turtle). Ausgerechnet dieses Grün wurde der Art beinahe zum Verhängnis, wie dieser mare-mundi Artikel erklärt. Doch dürfte die direkte Bejagung im Mittelmeerraum derzeit eher eine untergeordnete Rolle spielen, viel dramatischer sind die Auswirkungen von globalen Faktoren: Überbevölkerung, Verlust von Küstenlebensräumen, Bedrohungen der Niststrände, Lichtverschmutzung, Zerstörung von Nistgebieten durch Tourismus und Landwirtschaft, Stranderosion, sichtbare und unsichtbare Verschmutzung des Mittelmeeres, Beifang von Suppenschildkröten in Fischnetzen, gezielte Ausbeutung, Nestplünderung, Klimawandel und andere.

IUCN Red List Category & Criteria:Endangered A2bd ver 3.1

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Eine grasende Suppenschildkröte (Chelonia mydas), die man nach englischem Vorbild lieber Grüne Meeresschildkröte nennen sollte. Sie ist die vegetarischste aller Meeresschildkröten – und auch eine besonders große: Der Panzer kann eine Länge von über einen Meter erreichen, das Gewicht 185 Kilogramm. Foto: P. Lindgren, Wikipedia

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Verbreitung der Grünen Meeresschildkröte (Chelonia mydas). Aus Wikipedia.

 

Trotz der intensiven Forschungen an Meeresschildkröten im Mittelmeer ist unser Wissen über die Populationsgröße und die Populationsdynamik der Suppenschildkröte ungenügend, berichtet ein wissenschaftlicher Artikel. Eine Nistpopulation von 115 bis 580 Weibchen wird im Mittelmeer angenommen, doch der Populationstrend ist laut IUCN abnehmend. Die meisten Quallen geben 300 bis 400 eierlegende Weibchen an. 99% aller Nester finden sich auf Zypern und in der Türkei, der Rest verteilt sich auf den Libanon, Israel und Ägypten. Alle Niststrände befinden sich in der nordöstlichsten Ecke des Levantinischen Beckens.

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Nur noch selten verirren sich Meeresschildkröten bis in die Nordadria und in die Kvarner Bucht. Diese Teile eines Schildkrötenpanzers hat das mare-mundi Team am Strand der Insel Plavnik im Juni 2016 entdeckt. Das juvenile Tier von vielleicht 30 cm Länge ist aus natürlichen (Krankheiten, Infektionen, kalte und stürmische Winter, Haie u.a.) oder anthropogenen (Plastik, Vergiftungen, Fischernetze, geschwächtes Immunsystem durch schädliche Umwelteinflüsse u.a.) Gründen verendet, das ließ sich nachträglich nicht mehr feststellen. Foto: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu.

Grünliches Fett wurde der Schildkröte beinahe zum Verhängnis

Ihren Namen erhielt die Art aufgrund der grünlichen Färbung des Fettes unterhalb ihres Panzers. Sie kommt durch die rein pflanzliche Ernährungsweise der adulten Tiere zustande, die vorzugsweise Seegras und Algen fressen. Chelonia mydas ist die herbivorste Meeresschildkröte überhaupt. Im Mittelmeer hat für sie immer schon Posidonia oceanica (Neptungras) eine Schlüsselrolle gespielt.
Den Namen Suppenschildkröte brachte Chelonia die hohe Qualität ihres Fleisches ein und die daraus resultierende Beliebtheit als Hauptzutat der Schildkrötensuppe. Das Fleisch enthält keine Toxine wie das mancher anderen Meeresschildkröten. Die Delikatesse erlangte vor allem bei den Briten im 18. Jahrhundert große Beliebtheit, und bald nahm die Jagd auf die Suppenschildkröte enorme Ausmaße an. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts drohte die Art auszusterben, bis sie schließlich 1975 durch das Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen (CITES, Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora) unter internationalen Schutz gestellt wurde. Seitdem ist zwar Schildkrötensuppe illegal, doch hindert es viele Asiaten nicht sie weiterhin als Delikatesse zu konsumieren. Im asiatischen und karibischen Raum hat die Suppe einen beinahe so hohen Stellenwert wie die berüchtigte Haiflossensuppe. Im Jahr 1996 wurden allein nach Hongkong unfassbare 7,7 Millionen Pfund Schildkrötenfleisch für den Verzehr importiert.

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Verletzte oder kranke Meeresschildkröten werden an der Station von ARCHELON bei Athen wieder gesund gepflegt und ins Mittelmeer zurück gebracht. Ein hoffnungslos erscheinender, aber sehr wichtiger Kampf mit hoher symbolischer Bedeutung. Foto: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu.

 

Der Raubbau an Meeresschildkröten wurde lange auch von Deutschland vorangetrieben

Weltweit größter Hersteller von Schildkrötensuppe war nach dem Zweiten Weltkrieg die Firma Eugen Lacroix in Frankfurt am Main. 1959 wurden dort 250 Tonnen Schildkröten verarbeitet. 1979 wurde die Firma von der Campbell Soup Company übernommen. Im Jahre 1984 wurde die Herstellung von Schildkrötensuppe aufgegeben (informativer Artikel). Am 27. Juli 1996 wurde das Werk in Niederrad geschlossen.

 

Bis heute findet man im Mittelmeerraum mancherorts Meeresschildkröten auf Märkten

Im Mittelmeerraum war die Tradition des Verzehrs von Meeresschildkröten regional unterschiedlich. In Zakynthos etwa, wo es die bekannte große Nistpopulation von Caretta caretta gibt, haben die Einheimischen keine Schildkröten gegessen. Jedoch kamen Italiener über das Meer herüber und legten die Schildkröten nachts auf den Rücken, um sie am nächsten Tag aufzusammeln. Die Schildkröten wurden dann lebend nach Italien gebracht und dort verzehrt. Hinweise zu diesem Thema liefert der in Vergessenheit geratene mediterrane Forscher Erzherzog Ludwig Salvator (siehe auch) in seinem Buch über Zante. Auf den Balearen wurden Unechte Karetten hingegen gegessen. In Ägypten wird Caretta gelegentlich immer noch auf Märkten zum Essen verkauft. Gelegentlich kann der Verzehr von Meeresschildkröten (anderen Arten als der vegetarischen Grünen Schildkröte) zu schweren Vergiftungen und sogar zu Todesfällen führen, je nach dem, was sie vorher gefressen haben.

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Selten verirren sich Echte Karetten (Eretmochelys imbricata) ins Mittelmeer, Niststrände dieser Art gibt es im Mediterran keine mehr. Die am häufigsten vorkommende Meeresschildkröte des Mittelmeeres ist die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), deren Vorkommen rund um die ionische Insel Zakynthos allgemein bekannt ist. Sie ist die wohl bekannteste und am besten untersuchte Meeresschildkröte. Foto: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu.

 

Literatur

  • ARCHELON
  • Seminoff, J.A. (Southwest Fisheries Science Center, U.S.). 2004.  Chelonia mydas. The IUCN Red List of Threatened Species 2004: e.T4615A11037468.
  • Bjorndal KA (1980) Nutrition and grazing behavior of the green turtle Chelonia mydas. Marine Biology, Volume 56, Issue 2, pp 147-154.
  • Dharmananda S (2005) Endangered Species Issues Affecting Turtles And Tortoises Used In Chinese Medicine. Institute for Traditional Medicine, Portland, Oregon, 8 S.
  • Salvator L (1904) Zante. Heinrich Mercy, Prag und Leo Woerl, Würzburg und Wien
  • ftp://ftp.fao.org/docrep/fao/007/y5750e/Y5750E01.pdf

 

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