Byssus: Muschelseide aus dem Mittelmeer und das wahre Antlitz Gottes – das Schweißtuch Jesu in Manoppello

Ich legte meine Byssuskleider an und erklärte ihm,
dass der Stoff aus den seidenartigen Byssusfaden gemacht sei,
die die Schinkenmuschel,
eine an den Küsten des Mittelmeeres sehr häufige Muschelart,
an Felsen festhalten.

Jules Verne: 20.000 Meilen unter dem Meer

Nur wenige andere Stoffe aus dem Meer haben die Phantasie der Menschen dermaßen angeregt wie die so genannte Muschelseide. Was das genau ist und wie sie mit dem wahren Antlitz Gottes zusammenhängt, beschreibt dieser mare-mundi Artikel von Robert Hofrichter und Sophie Jaros. Auf wunderbare Weise wird bei diesem Thema die allgegenwärtige Verknüpfung von Meeresbiologie und Kulturgeschichte im Mittelmeerraum hervorgehoben – ein wahrlich mediterranistisches Thema. Wegen ihrer Haltbarkeit und der aufwändigen Gewinnung war Muschelseide/Byssus außerordentlich wertvoll und begehrt. Besonders hohe kirchliche Würdenträger und der Hochadel haben sich mit ihr geschmückt. Ihre Beliebtheit hielt bis ins Mittelalter und bis in die Neuzeit (Höhepunkt im 18. und 19. Jahrhundert; siehe einführendes Zitat von Jules Verne) an.

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Muschelseide ist der gereinigte und gekämmte Faserbart der Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis L.). Foto: Mit Erlaubnis von Felicias Marder, Naturhistorisches Museum Basel, http://www.muschelseide.ch

Warum sich mare-mundi für Mediterranistik interessiert?

mare-mundi.eu ist eine gemeinnützige Meeresschutzorganisation, die sich primär für (naturwissenschaftliche) Forschung, Bildung und Meeresschutz einsetzt, genauso aber ein ganzheitliches, mediterranistisches Verständnis des Mittelmeerraumes in den Mittelpunkt stellt. Dieser Ansatz der humanistischen Bildung wird auf Wunsch auch bei Schulprojektwochen von mare-mundi.eu auf Krk oder Kreta vermittelt: Um das Mittelmeer und den dazugehörigen Raum wirklich zu verstehen, braucht man mehr als bloß Meeresbiologie, nämlich eine ganze Reihe weiterer, der Biologie (nur scheinbar) fremder Disziplinen. Der Gründer von mare-mundi, Robert Hofrichter, widmet sich seit Jahren diesem Ansatz und hat an der Erstellung des ersten deutschsprachigen Sammelwerks dieser Art mitgearbeitet: Handbuch der Mediterranistik – Systematische Mittelmeerforschung und disziplinäre Zugänge, herausgegeben von Mihran Dabag, Dieter Haller, Nikolas Jaspert und , Achim Lichtenberger (mehr Infos zum Werk hier https://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-5743-1.html ).

NOTIZ: Mediterranistik – was ist das eigentlich? Welchen Beitrag können Mittelmeerstudien für den interdisziplinären Dialog der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften leisten? Was ist überhaupt ‚mediterran‘? – Ist meine Forschung ‚mediterran‘? Ob EUROMED oder ‚funktionaler Raum‘ – als ‚mediterran‘ können nicht nur übergreifende Perspektiven bezeichnet werden, die das Mittelmeer oder die mediterrane Region ‚als Ganzes‘ in den Blick nehmen, sondern auch Einzelstudien zu Geschichte, Politik, Kultur der Anrainerstaaten, lokaler Gruppen oder transnationaler Diasporen sowie ‚transmediterrane‘ Perspektiven, die ‚den Mediterran‘ mit anderen Regionen und Orten vergleichen oder in Beziehung setzen.

(Aus: http://www.zms.ruhr-uni-bochum.de/veranstaltungen/event00104.html.de )

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Fächerförmige Haftstellen der Byssusfaser der Pinna nobilis. REM-Aufnahme EMPA St. Gallen. Foto: Mit Erlaubnis von Felicias Marder, Naturhistorisches Museum Basel, http://www.muschelseide.ch

 

Ein konkretes Beispiel für Interdisziplinarität: Byssusfäden, Muschelseide und Kulturgeschichte

Das hier vorgestellte konkrete Beispiel unterstreicht, dass in Bezug auf das Mittelmeer „alles mit allem interdisziplinär zusammenhängt“ (das trifft freilich nicht nur auf diese Region zu, hier aber ganz besonders). Konkret: Viele Muschelarten produzieren mit speziellen Drüsen Sekrete aus phenolischen Proteiden, dich sich im Meerwasser zu Haftfäden vereinigen und erhärten – diese nennt die Meeresbiologie Byssus. Manche Muschelarten produzieren diese Fäden nur als Jungmuscheln, andere zeitlebens. Miesmuscheln (Gattung Mytilus) etwa brauchen diese Fäden um in der Brandungszone den enormen mechanischen Kräften des Meeres widerstehen zu können (die globalen Veränderungen und die Versauerung der Meere bedrohen die Byssus-Bildung der Muscheln, dazu am Schluss mehr).

Aus diesen Fasern der Muscheln, dem Byssus, wurde bereits seit der Antike die so genannte Muschelseide hergestellt – ein passendes Beispiel der hier behandelten Verknüpfung zwischen dem Meer, der Natur, der Biologie und den berühmtesten Zeugnissen der Kulturgeschichte. Die Faser bzw. die daraus gewonnene Seide ist goldglänzend, sehr dünn, fest und über lange Zeiträume haltbar. Sie ist mit modernen Nylonfäden vergleichbar.

Die berühmteste Muschelseide wurde nicht aus Miesmuscheln, sondern aus der Großen oder Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis, Pinnidae) gewonnen, der weitaus größten Muschel des Mittelmeers (und einer der größten der Welt), die bis zu einem Meter lang werden kann und mit ihrer Spitze aufrecht im Sediment steckt, besonders gern in Seegraswiesen.

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Die Edle Steckmuschel (Pinna nobilis L.) in ihrem Lebensraum, der Seegraswiese (Photo: de Gaulejac & Vicente 1995). Foto: Mit Erlaubnis von Felicias Marder, Naturhistorisches Museum Basel, http://www.muschelseide.ch

Byssus auch in der Bibel

Das Wort byssos war in der Antike weit verbreitet und bezog sich nicht nur auf Muschelseide, sondern auch auf andere Stoffe wie kostbares, feines Leinen oder Baumwolle. In dieser Verwendung kommt es auch im Neuen Testament vor (z. B. Lk 16,19).

Die aussterbende Kunst des Muschelseidenwebens

Das alte Handwerk des Seidenwebens aus den Muschelfasern, die einen Querschnitt von etwa 10 – 50 µm haben, ist im Mittelmeerraum nahezu ausgestorben. Es gibt nur noch eine Manufaktur, in der die alte Tradition bewahrt wird – auf der sardischen Insel Sant’Antioco https://de.wikipedia.org/wiki/Sant’Antioco , wo sich auch ein Byssus-Museum befindet. Für die Art ist es besser so, denn die große Muschel ist bedroht und in den meisten Ländern geschützt, so auch in der EU ( eur-lex.europa.eu.pdf ). Eine Muschel lieferte bis zu zwei Gramm Rohbyssus, etwa 20.000 sehr feine, bis 25 cm lange Fäden. Für ein Kilogramm reine Muschelseide war somit die Ernte von bis zu 4.000 Tieren nötig.

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Kragen a pelliccia (Verbleib unbekannt). Mastrocinque 1928. Foto: Mit Erlaubnis von Felicias Marder, Naturhistorisches Museum Basel, http://www.muschelseide.ch

Wo kann ich mehr über die Muschelseide erfahren?

Die hochinformative und gut recherchierte Internetseite http://www.muschelseide.ch von Felicitas Maeder (Naturhistorisches Museum Basel) beantwortet so gut wie jede Frage zum spannenden Thema Muschelseide. So etwa die Frage, ob sich Muschelseide färben lässt und ob sie je gefärbt wurde – diese wird in der Literatur kontrovers diskutiert. Tatsache ist, dass alle bis heute gefundenen Objekte aus ungefärbter, bzw. aufgehellter Muschelseide hergestellt wurden http://www.muschelseide.ch/de/projekt0.html . Denn wenn sie sich nicht färben ließe, müssten wir fast an ein Wunder glauben …

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Der Katalog zur Ausstellung 2004 in Basel: Muschelseide – Goldene Fäden vom Meeresgrund / Bisso marino – Fili d’oro dal fondo del mare. Maeder F., A. Hänggi & D. Wunderlin (eds.) Milano: 5 Continents Editions, 2004, 128 p. CHF 39.-/€ 25.-. 
Zu beziehen über Naturhistorisches Museum Basel: nmb@bs.ch. Foto: Mit Erlaubnis von Felicias Marder, Naturhistorisches Museum Basel, http://www.muschelseide.ch

Der Schleier oder das Schweißtuch von Manoppello

Auf italienisch Volto Santo (Heiliges Antlitz) von Manoppello genannt, ist dieses 17,5 cm breite und 24 cm hohe Stück Muschelseide, das seit Jahrhunderten nicht mehr aus dem Rahmen genommen wurde, welche „das Gesicht eines Mannes mit langen Haaren, Bart, geöffneten Augen und leicht geöffnetem Mund zeigt. Auf dem Gesicht sind rötliche Flecken sichtbar, die von einigen als Wunden durch Folterungen oder Geißelung interpretiert werden“. In den letzten Jahren ist der Schleier sehr berühmt geworden – aufgrund der Rätselhaftigkeit seiner Herkunft, seines Materials und des darauf befindlichen Gesichtes, das Jesus zeigen soll. Die Reliquie wird in der kleinen italienischen Stadt Manoppello in den Abruzzen innerhalb des Majella-Nationalparks verehrt. Zur Berühmtheit des Tuches hat vor allem Papst Benedikt XVI. bei seiner Pilgerreise nach Manoppello am 1. September 2006 beigetragen, der lange vor diesem betete und von seiner Ausstrahlung hingerissen war. Vier Jahre später übergab die Gemeinde dem Papst dafür die Schlüssel der Stadt. Per Dekret vom 22. September 2006 verlieh Benedikt XVI. „zur Ehre des Heiligen Antlitzes Unseres Herrn Jesus Christus“ der Kirche den Titel einer Basilica minor.

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Schleier von Manoppello. Foto aus Wikipedia.

Muschelseide gilt als nicht bemalbar (darum die Bereitschaft vieler Menschen in diesem Fall an ein Wunder zu glauben) und nicht leicht färbbar. Weitere Forschungen wären erforderlich, doch wollte die Kirche die kostbare Reliquie bisher bis auf einige elementare Methoden nicht genauer untersuchen lassen. Der Schleier von Manoppello scheint wie auch das Grabtuch von Turin einzigartig zu sein, die Kunstgeschichte kennt kein gleichartiges Bildnis. Der Forschungsstand zum Schleier von Manoppello ist allerdings nicht so fortgeschritten wie der zum Turiner Grabtuch.

Das von religiösen Kreisen präferierte passende Zitat zum diesem Tuch aus dem Neuen Testament:

„Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.“

Joh 20,3-7 Einheitsübersetzung

Alles hängt mit allem zusammen …

Während des Unterrichts mit Schulen und unserer Forschungen und Recherchen bestätigt es sich täglich: Am Mittelmeer gilt der oben zitierte (ansonsten aber wenig aussagekräftige) Spruch mehr als sonst irgendwo. Denn aus dem Mittelmeerraum stammt annähernd die gesamte europäische Zivilisation, und die Verknüpfungen zwischen Natur- und Kulturraum sind entsprechend mannigfaltig und allgegenwärtig. Wenn man beide Aspekte miteinander verbindet, ergibt sich die wunderbare mediterranistische Perspektive, ein schier endloses Forschungsfeld für alle, die sich für Natur, Geschichte und die Schicksale von Menschen am Mittelmeer interessieren.

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Das Buch Periplus Maris Erythraeiaus dem 1. Jh. nach Christus beschreibt Schiffsrouten und Hafenstädte zwischen Indien und Ostafrika. Foto: Mit Erlaubnis von Felicias Marder, Naturhistorisches Museum Basel, http://www.muschelseide.ch

Weiterführene Links und Literatur:

http://www.muschelseide.ch

https://de.wikipedia.org/wiki/Byssus

https://de.wikipedia.org/wiki/Schleier_von_Manoppello

https://de.wikipedia.org/wiki/Schweißtuch_der_Veronika

Klein J., 2008: Die große Steckmuschel. Franz Verlag, Köln.

McKinley D., 1998: Pinna and her silken beard: a foray into historical misappropriations. Ars Textrina 29, 9-223.

McKinley_Sea-Silk_1998.pdf

Notiz zum global change: Leider bleibt auch Byssus nicht verschont

http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-20358-2016-07-06.html

Klimawandel: Muscheln verlieren den Halt – Versauerung des Meeres schwächt die Haltefäden der Miesmuscheln

Haltlos im Ozean: Wird das Wasser der Meere nur ein wenig saurer, bekommen Miesmuscheln ernste Probleme. Denn ihre stabilen Haltefäden härten dann nicht mehr richtig aus, wie ein Experiment belegt. Als Folge reißen die Fäden und die Muscheln verlieren in der turbulenten Gezeitenzone den Halt. Den bisher als eher robust und unempfindlich geltenden Miesmuscheln könnten demnach schwere Zeiten bevorstehen.

 

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