Cyanidfischen: Fischereimethode mit verheerenden Folgen

Cyanidfischen mit Natriumcyanid (NaCN), einem Salz der Blausäure (HCN), ist in den meisten Staaten der Erde verboten. Das hat einen Grund: Natriumcyanid wirkt auf Lebewesen stark toxisch und darf auf keinen Fall über Abwässer in die Umwelt gelangen. Die EU-Gefahrstoffkennzeichnung spricht eine klare Sprache: Natriumcyanid ist „sehr giftig“ und „umweltgefährlich“. Der so genannte LD50-Wert liegt bei Menschen (oral) bei 2,8 mg·kg−1 (das bedeutet, dass diese Menge pro Kilogramm Lebendgewicht bei 50 % der Menschen letal ist). Ausgerechnet dieser Stoff wird in Südostasien in großen Mengen in die Korallenriffe ausgebracht, um Speise- und Zierfische für den internationalen Handel zu fangen.

 

 

 

Tropische Korallenriffe wie hier im Osten Indonesiens (Raja Ampat) zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Neben zahlreichen globalen Bedrohungen der hier angesiedelten Biodiversität kommt eine spezifische dazu: Die illegale Cyanidfischerei, die Teil eines millionenschweren Geschäfts mit Aquarienfischen für Meeresaquarianer in den reichen Ländern der Welt ist.

 

Natriumcyanid ist das Natriumsalz der Blausäure. Es wird durch Neutralisation von Blausäure mit Natronlauge (NaOH) gewonnen und liegt bei Raumtemperatur als farbloses, kristallines Pulver vor, das leicht nach bitteren Mandel riecht. Um eine Wirkung zu erzielen, muss die Substanz in großen Mengen in die Umwelt gebracht werden In aller Regel passiert es in Korallenriffen: Die Fischer spritzen das Gift zwischen die einzelnen Stöcke und warten anschließend, bis die vergifteten Fische im Wasser treiben. Dann wird die Beute eingesammelt. Jene, die als Speisefische verkauft werden sollen, werden bis zu zwei Wochen in sauberem Wasser gehalten, jedoch geht ein großer Teil der Beute während dieser Zeit ein. Die besonders auffälligen Rifffische werden in Plastiktüten abgepackt und für Meeresaquarianer in Asien und Übersee gehandelt. Auch bei dieser Gruppe verenden auf dem Transportweg bis zu zwei Drittel der Tiere.

 

 

Auch „Nemos“, Clown- oder Anemonenfische der Gattung Amphiprion (Familie Riffbarsche) sind dem mafiösen Geschäft mit Meeresbewohner zum Opfer gefallen. Doch zwischenzeitlich gibt es Hoffnung: Viele Arten aus dieser Gattung werden zwischenzeitlich nachgezüchtet. Das unterstreicht die Bedeutung der Forschung und auch der Aquaristik selbst. Diese zu verteufeln ist sinnlos, viel wichtiger ist es die Artenschutzbestimmungen strickt einzuhalten, den illegalen Handel zu stoppen und die biologische Forschung anzukurbeln. Wie man im Fall der griffbildenden Steinkorallen und auch der Clownfisch sieht, kann die künstliche Nachzucht zu einer massiven Entlastung der natürlichen Umwelt beitragen. Die Cyanidfischerei und der illegale Handel können zumindest eingedämmt werden. Siehe auch Zyanide fishing und National Geographic.

 

Der Grund für die hohen Verluste ist die häufige Überdosierung des Giftes. Bei den Einsätzen der oft primitiv ausgerüsteten Fischer kann die „richtige“ Dosis nur schwer genau getroffen werden. Wenn die Fische zu viel des Giftes ausgesetzt sind, sterben sie nachträglich durch Zellschädigungen. Im Meerwasser dissoziiert Natriumcyanid in Natrium- und Cyanid-Ionen. Die Letzteren behindern die Zellatmung, Sauerstoff kann zwischen dem Hämoglobin und den Zellen nicht mehr übertragen werden. Die tödliche Dosis ist zwar unterschiedlich, doch das Prinzip funktioniert bei Menschen und Fischen gleich.

 

Researchers estimate that more than a million kilograms of cyanide have been squirted onto Philippine reefs alone over the last half century. These days the practice is much more widespread, with some of the world’s most productive reefs being decimated. Scientific American

 

Wir konnten während unseres Thailandaufenthalts in den Medien die Verhaftung von Seenomaden verfolgen, die in der Andamanensee mit einer Ladung von Korallenfischen erwischt wurden. Solche Aktionen der Behörden werden in den Medien als großer Erfolg verkauft, doch die armen „Seezigeuner“ sind sicher nicht das Grundübel. Das große Geld machen die kriminell agierenden Händler, Zwischenhändler und die Auftraggeber, die die Ärmsten der Armen zu diesen Handlungen anstiften. Die Endkonsumenten im Westen und Asien müssen sich selbstkritisch fragen, ob die ausgefallenen Meeresbewohner aus Wildfängen wirklich sein müssen. Eine ökologische Mindestanforderung an den Handel und für die Konsumenten müsste die völlige Transparenz des Ursprungs der verkauften Fische und ein garantierter Ausschluss der Möglichkeit der Cyanidfischerei beim Fang sein.

 

Es sind vor allem plakativ gefärbte, schöne Rifffische, welche zum Objekt der Begierde für zerstörerischen und illegalen Fischfang und Aquaristikhandel werden.

 

Dabei geht es nicht darum die Tierhaltung grundsätzlich zu verteufeln. Man muss bedenken, dass die Einheimischen in den unendlichen Weiten der südostasiatischen Inselwelt der Fischerei so oder so nachgehen würden, da sie kaum andere Verdienstmöglichkeiten haben. Verantwortungsvoll ausgeübte Aquaristik kann genauso wie das Tauchen eine wertvolle Möglichkeit sein die Naturverbundenheit des modernen, zivilisierten Menschen zu fördern, Beiträge zur Forschung zu leisten (künftig wird man dadurch mehr Arten nachzüchten und Wildfänge reduzieren können) und Umweltbewusstsein einem breiten Publikum und auch Kindern und Jugendlichen näher zu bringen. Zugleich ist jede Art Tierhaltung immer auch mit Verantwortung verbunden. Speziell in Zeiten der kollabierenden Artenvielfalt und sterbender Riffe muss man als Naturliebhaber besonders sensibel sein. Selbstauferlegte und gesetzlich vorgeschriebene Beschränkungen sind wichtig: Es müssen nicht immer die ausgefallensten und womöglich bedrohten Arten sein, die sich eine Privatperson in den eigenen vier Wänden in der Großstadt hält! Als Meeresaquarianer sollte man sicher gehen, dass die eigenen Pfleglinge nicht auf diese verbrecherische Weise aus dem Riff geholt werden.

 

Cyanidfischer bei der „Arbeit“

 

Die ins Meer ausgebrachten Giftschwaden treiben oft tagelang durch die Riffe und vernichten alles, womit sie in Berührung kommen, nicht nur Fische, sondern auch Algen, Seegräser, Korallen und andere Wirbellose und letztlich alles, was das marine Ökosystem ausmacht. Nach einer Schätzung des World Resources Institute (WRI) wurden in den letzten Jahrzehnten allein in den Korallenriffen der Philippinen mehr als 1000 Tonnen Cyanid ins Meer ausgebracht. In Indonesien ist diese Belastung wohl noch größer.

 

Das alles fällt dem Cyanid zum Opfer, „verwendet“ wird davon fast nichts

 

Es ist pervers, dass auf diese Weise gefangene lebende Fische oft genug in den teuersten Restaurants der großen Städte Südostasiens landen. Die Nachfrage nach Lebendfisch steigt, und genauso der Trend, dass Neureiche ohne tieferen Bezug zur Natur ausgefallene Meeresbewohner als Statussymbole halten.

Was sind die Folgen für die Umwelt? Früher war die ebenso verheerende und verbotene Dynamitfischerei mehr verbreitet, durch die die Riffe auf Jahre hinaus zerstört wurden. Da man diese aber immer schwerer „diskret“ und vor den Behörden versteckt betreiben kann, sind viele Fischer auf die „leise“ Cyanidfischerei umgestiegen. Das heimtückische Gift dringt in die Hohlräume des Riffs und in seine letzten Ritzen ein, die ein Rückzugsgebiet für die Fischbrut und andere Meeresbewohner sind. So wird ein ganzes Ökosystem vernichtet. Die Menschen machen aus Unwissenheit und Kurzsichtigkeit ihre eigene Lebensgrundlage kaputt.

 

Bericht und Fotos: Robert Hofrichter, MareMundi

(Robert Hofrichter ist seit seinem achten Lebensjahr selbst Aquarianer, auch Meerwasseraquaristik hat er intensiv betrieben und dabei in jungen Jahren Clownfische gehalten, die zu jener Zeit sicher aus Wildfängen stammten. Doch bald schon reifte in ihm die Einsicht, dass Aquarianer eine enorme Mitverantwortung für die marine Umwelt irgendwo auf der anderen Seite der Welt tragen. Seit 30 Jahren engagiert er sich daher im Meeresschutz und Meeresforschung. Einer seriös und gut geführten Aquaristik steht heute nichts im Weg – doch müssen die Artenschutzbestimmungen streng respektiert werden. Wildfänge – speziell solche mit zerstörerischen Mitteln – sind streng abzulehnen und mit allen legalen Mitteln zu bekämpfen. Aquarianer sollten nicht zur Zerstörung jener Meereswelt beitragen, die sie angeblich lieben. Es ist für Privatpersonen wahrlich nicht erforderlich jede ausgefallene Art im Aquarium zu halten. Heute kann man auf jene Lebewesen zurückgreifen, die erfolgreich nachgezüchtet werden können.)