Der Grönlandhai und eine Langlebigkeit-Sensation aus dem Reich der Wirbeltiere

 

Erst vor wenigen Tagen hat mare-mundi über Haie berichtet und stellte die Frage: Warum der massive Rückgang von Haibeständen? Neben dem rücksichtslosen Raubbau an Populationen wird der Niedergang der Bestände durch biologische Besonderheiten der Haie verstärkt: Viele Arten haben sehr niedrige Reproduktionsraten: innere Befruchtung ist allen Haien (und Knorpelfischen) gemeinsam, vivipare oder ovovivipare Arten haben sehr lange Tragzeiten, die mehr als 12 Monate betragen können und sie haben im Vergleich zu Knochenfischen in der Regel viel weniger Nachkommen, die viele Jahre zum Erreichen der Geschlechtsreife brauchen. Als Extremfall wurde der Weiße Hai (Carcharodon carcharias) genannt, dessen Weibchen dafür mehr als 30 Jahre benötigen.

  NOAA Ocean Explorer: NOAA Ship Okeanos Explorer: Northeast U.S.

Foto: Wikipedia, NOAA Okeanos Explorer Program – http://oceanexplorer.noaa.gov/okeanos/explorations/ex1304/dailyupdates/media/aug16.html

 

Die Erkenntnis, dass Weibchen des Weißen Hais erst mit 33 Jahren geschlechtsreif werden, war vor wenigen Monaten geradezu schockierend. Denn für den Schutz dieser bedrohten oder vielleicht sogar biologisch ausgestorbenen (Alessandro de Maddalena, Harald Bänsch: Haie im Mittelmeer. Franckh-Kosmos Verlags-GmbH, Stuttgart 2005) Art wird durch diese Erkenntnis alles nur noch viel dramatischer. Doch das, was Forscher jetzt über Grönlandhaie (Somniosus microcephalus) herausgefunden haben, ist geradezu unfassbar: Sie werden erst mit 150 Jahren geschlechtsreif! Und das berichtet nicht etwa ein Boulevardmagazin, sondern eine der glaubwürdigsten wissenschaftlichen Quellen, nämlich Science.

 Somniosus

 

Die Originalstudie findet sich in der renommierten Zeitschrift Science

Julius Nielsen, Rasmus B. Hedeholm, Jan Heinemeier, Peter G. Bushnell, Jørgen S. Christiansen, Jesper Olsen, Christopher Bronk Ramsey, Richard W. Brill , Malene Simon, Kirstine F. Steffensen, John F. Steffensen: Eye lens radiocarbon reveals centuries of longevity in the Greenland shark (Somniosus microcephalus

 

Die Nachricht ging innerhalb von wenigen Tagen rund um den Globus, z. B.:

 

Wer langsam lebt, lebt offensichtlich länger

Biologen ist schon lange bekannt, dass Tiere kalter Gewässer mit langsamen Stoffwechselvorgängen oft länger leben. Da gibt es Schwämme in der Antarktis, die eine Lebensspanne von 10.000 Jahren erreichen sollen. Aber selbst Warmblüter aus kalten Gewässern können sehr alt werden, wie das Beispiel des Grönlandwals (Balaena mysticetus) zeigt. Dieser bis zu 18 Meter lange Wal der arktischen Meere soll über 200 Jahre alt werden, obwohl das Durchschnittsalter weit darunter im Bereich der uns vertrauten Normalität liegen kann. Verblüffend genug für ein Säugetier, tatsächlich wären sie damit die langlebigsten Säugetiere. Das derzeit längste verbriefte Menschenleben dauerte 122 Jahre.

Somniosus_microcephalus_Verbreitung

Die Verbreitung des Grönlandhais nach Wikipedia.

 

Ein Hai, der erst dann geschlechtsreif wird, wenn andere längst gestorben sind

Lange Zeit wusste man über den Eishai, wie man den Grönlandhai (Somniosus microcephalus) auch nennt, so gut wie nichts (mangelhafte Daten, data deficient, hieß es bei IUCN), was man aber über viele andere der 530 beschriebenen Haiarten genauso behaupten kann. Jene Tiere, die gelegentlich in den Netzen der Fische gelandet sind, waren um die drei bis fünf Meter lang, gelegentlich aber auch noch größer und dann etwa eine Tonne schwer. Man wusste, dass diese in arktischen Gewässern lebende Haie mehrere Tausend Meter tief tauchen können und damit wie auch der Sechskiemer Hexanchus zu den Rekordhaltern unter den Haien zählen.

Ebenso bekannt war, dass sich diese Haie sehr langsam fortbewegen, bloß 1,2 Kilometer pro Stunde wenn sie sich anstrengen. Das ist nahezu nur ein Hundertstel dessen, was ein Makohai bei Vorstößen erreicht. Wovon man hingegen nichts wusste, ist das extrem langsame Wachstum dieser Kaltwasserspezies: Die Forscher sprechen von nur einem Zentimeter pro Jahr. Der riesige Hai würde also 100 Jahre brauchen, um knapp zwei Meter Körperlänge zu erreichen. Wie alt wären dann die sechs Meter langen Exemplare?

Auf die Spur der biologischen Sensation brachten die Forscher die Linsen der Augen dieser Haie, wie der Titel der Science-Publikation Eye lens radiocarbon reveals centuries of longevity in the Greenland shark verrät. Mit der Radiokarbonmethode haben sie die Augenlinsen von 28 Weibchen untersucht, die als Beifang in die Netze der Fischer geraten waren. Julius Nielsen von der Universität Kopenhagen hat das Projekt geleitet. Das Ergebnis zählt als eine der großen Sensationen der biologischen Forschung der letzten Jahre: Das gemessene Durchschnittsalter lag bei 272 Jahren, doch ein 493 langes Haiweibchen war 335 +/- 75 Jahre alt, ein anderes mit 502 Zentimetern gar 392 +/- 120 Jahre.

Aus der Studie ergab sich auch die Schätzung des Alters beim Erreichen der Geschlechtsreife: Das werden Gröndlandhaie erst mit ungefähr 150 Jahren, in einem Alter, in dem andere Wirbeltiere bereits seit Generationen tot sind.

 

Einige Wirbellose können noch älter werden

Die Langlebigkeit mancher Schwämme wurde bereits eingangs erwähnt. Doch gibt es auch höher entwickelte Wirbellose, die ein verblüffendes Alter erreichen können. Den Rekord mit 507 Jahren hält nach derzeitigem Wissen die Islandmuschel (Arctica islandica). Muscheln wie auch die meisten Fische (und damit auch Haie) sind Kaltblütler; wenn sie in sehr kaltem Wasser leben, bleibt ihre Körpertemperatur ebenfalls recht niedrig. Doch wie der Mechanismus der Langlebigkeit genau funktioniert, wissen die Forscher noch nicht.

 

Eine ganz andere Geschichte zum Schluss: Wie ein Soundtrack, das DAM DAM – DAM DAM – DA DAM DA (so titulierte der Stern), Haien schadet

Sogar das ist Gegenstand von wissenschaftlichen Forschungen: Andrew P. Nosal , Elizabeth A. Keenan, Philip A. Hastings, Ayelet Gneezy: The Effect of Background Music in Shark Documentaries on Viewers’ Perceptions of Sharks

 

 

All die spannenden Erkenntnisse über Haie finden Einzug in den Unterricht von mare-mundi. Schüler, Studenten, Taucher und andere an den Geheimnissen des Meeres interessierte Naturfreunde können bei unserer Meeresschutzorganisation mehr über die bedrohten Herrscher der Ozeane lernen – und darüber, wie man sie effektiver schützen kann.

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Kurzvortrag über Haie: Fischer haben die kleinen Dornhaie (Squalus acanthias) einfach liegen gelassen, eine Möglichkeit den Schülern einige anatomische Details zu erklären.