Die Pilze sind die zweitartenreichste Organismengruppe und auch im Meer von enormer Bedeutung

Über Pilze hat MareMundi in der letzten Zeit öfters berichtet, da es schließlich auch marine Pilze gibt, und diese spielen im Ökosystem der Ozeane eine enorme Rolle (ein wenig bekanntes Faktum, zur tiefen Biosphäre der Ozeane siehe weiter unten), und das neue Buch von Robert Hofrichter auf ihre globale Bedeutung aktuell hingeweisen hat. 

  • Robert Hofrichter: Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt
  • mehr Infos hier.

 

 

Pilze sind aber wohl noch bedeutender …

Doch neuere Publikationen liefern noch beeindruckendere Zahlen, und so müssen die Angaben in Das geheimnisvolle Leben der Pilze schon nach fünf Monaten wohl revidiert werden. Darin steht, dass es an die 150.000 beschriebene Pilzarten gibt – und vermutlich 1,5 Millionen insgesamt. Damit wären die Pilze nach den Insekten die artenreichste Organismengruppe überhaupt. Nun sagt ORF-science: Pilze stellen das zweitgrößte Organismenreich der Erde: Es könnte laut neuesten Schätzungen bis zu 3,8 Millionen Arten einhalten – die meisten davon sind allerdings noch unbekannt. Was besonders betroffen macht: „Viele Arten sterben auch durch Zerstörung ihres Lebensraums aus, bevor sie entdeckt werden.“

Die Originalpublikation zum spannenden Thema:

Hawksworth D, Lücking R. 2017. Fungal Diversity Revisited: 2.2 to 3.8 Million Species. Microbiol Spectrum 5(4)
FUNK-0052-2016. doi:10.1128/microbiolspec.FUNK-0052-2016.

„We conclude that the commonly cited estimate of 1.5 million species is conservative and that the actual range is properly estimated at 2.2 to 3.8 million. With 120,000 currently accepted species, it appears that at best just 8%, and in the worst case scenario just 3%, are named so far.“

 

 

Pilze im Meer und in der Tiefsee bzw. in der tiefen Biosphäre

Wie ein aktuelles Spektrum-Heft über die Tiefsee berichtet, stellt das neu gewonnene Wissen (manchmal sind es eher noch Vermutungen) alles auf den Kopf, was wir zu wissen glaubten: Da geht es um sehr genügsame Mikroben, deren Stoffwechsel bis zu 10.000 Mal langsamer ist als bei ihren oberirdischen Verwandten, da geht es um Zellen, die Millionen Jahre alt sein könnten und die sich nur alle 100 bis 1.000 Jahre teilen würden. Ein Leben und eine Evolution in Zeitlupe. Bis über 30 Prozent der globalen mikrobiellen Biomasse könnte in der tiefen Biosphäre stecken, so eine aktuelle und realistische Schätzung. Ein Drittel – das ist in Anbetracht des unvorstellbaren Volumens der Ozeane wirklich verblüffend.

Wie tief diese Tiefe Biosphäre reicht, lässt sich nicht vereinfacht sagen. Die ozeanische Kruste ist von Rissen durchzogen, durch die heißes Wasser strömen kann, alles wunderbare Lebensräume für Mikroben. Spekulationen reichen bis zu einer Stärke von vielen Kilometern, doch wirklich bewiesen ist Leben bis zu zwei Kilometern Tiefe unter dem Meeresgrund. Der limitierende Faktor ist die Temperatur und nicht der Sauerstoffmangel, mit dem anaerobe Organismen leicht klar kommen. Bei über 130 °C steigen selbst die widerstandsfähigsten Mikroben aus, da ihre Proteine zerstört werden.

Das aktuelle Buch über Pilze von Robert Hofrichter geht kurz auf dieses aktuelle Forschungsfeld ein. Denn immerhin weiß man heute, dass in dieser Unterwelt neben Bakterien und Archaeen, d.h. urtümliche einzellige Organis­men ohne Zellkern (Prokaryoten) sowie Viren gerade auch Pilze eine Schlüsselrolle spielen. „Die Präsenz von Pilzen im Basalt vom Ozeanboden widerlegt das gegenwärtige Verständnis der tiefen Biosphäre“, sagte Magnus Ivarsson, ein Experte auf diesem Gebiet. „Man dachte, hier können nur Bakterien und Archaeen gedeihen – das war ein Irrtum.“ Die Rolle der Pilze wurde völlig übersehen, davon sind auch andere Wissenschaftler überzeugt. Zumindest manche von ihnen sind nicht auf Sauerstoff angewiesen. Sie können sich durch Fermentation von abgestorbenem organischem Material ernähren. Mit einiger Wahrscheinlichkeit findet sich in der Unterwelt des Meeresgrundes genauso „Freundschaft“, wie auch in den anderen Bereichen des Meeres. Symbiosen mit Bakterien können selbst das Unmögliche möglich machen. Schließlich können Pilze auch parasitisch sein und lebende Mikroben befallen.

 

20 Millionen Jahre alte Pilzsporen erwachten zum Leben?

Übrigens begeisterte im Sommer 2017 eine wirklich unglaubliche Meldung die Medien: Japanische Bohrprogramme aus 2,5 Kilometern Tiefe brachten in den Proben Sporen von 69 unterschiedlichen Pilzarten zu Tage, allesamt landlebende Arten. Als das Forscherteam um Fumio Inagaki die geborgenen Pilzsporen im Labor einer Nährlösung aussetzten, begann einer von ihnen auszutreiben und zu einem rund einen Zentimeter großen Pilz heranzuwachsen. Sie können sich die Verblüffung der Wissenschaftler vorstellen: Wie konnten diese Pilzsporen über 20 Millionen Jahre unter widrigsten Umständen überleben? Wahrlich, ein wissenschaftliches Rätsel. Der Pilz soll mit der heute lebenden Gattung Schizophyllum verwandt sein.

Pilze sind wie Tiere und Pflanzen Eukaryoten – „höhere“ Lebewesen mit Zellkern. Wenn sie in der tiefen Biosphäre überleben, schaffen es womöglich auch Tiere? Tatsächlich stießen italienische Forscher in den tiefen Sedimentschichten auf die weniger als einen Millimeter großen Loricifera, einen geheimnisvollen Tierstamm, an den Körnchen des Sediments festhaftende Winzlinge, die auf Deutsch Korsetttierchen genannt werden. Sie wurden erst in den 1970ern entdeckt und 1983 wissenschaftlich beschrieben, bis heute wurden etwa 100 Arten bekannt. Trotz intensiver Forschung wird ihre Lebensweise nur wenig verstanden. Einzigartig im Tierreich ist, dass sie scheinbar selbst in sauerstofffreien Sedimenten überleben können, und das ihr ganzes Leben lang. Statt Mitochondrien für die sauerstoffabhängige Zellatmung verfügen sie über andere Zellorganellen, die es ihnen möglich machen mit Hilfe von Schwefelwasserstoffen Energie zu erzeugen. Unter den vielzelligen Tieren erwartet man auch Fadenwürmer (Nematoden) unter den Bewohnern der tiefen Biosphäre. Auf die Forscher wartet viel Arbeit in einem sehr schwer zugänglichen Lebensraum.

 

Was auch immer die Forschung künftig noch herausfinden wird: Pilze sollte man nicht unterschätzen. Ihre wahre Bedeutung ist viel größer als früher gedacht. Und sie zählen zu den beiden artenreichsten Organismengruppen des Planeten.

 

 

Bericht und Fotos: Robert Hofrichter, MareMundi