Die Seychellen: ein bedrohtes Paradies par excellence

Wenn es um tropische Paradiese geht, werden die Seychellen gern unter den Top-Destinationen dieser Welt genannt, als Inbegriff von Naturschönheit über und unter Wasser, als luxuriöses Reiseziel, das seinen Preis hat und damit einen Hauch Exklusivität ausstrahlt. Wenn man manche der teuren Resorts auf den größeren Inseln oder gleich die exquisiten kleinen Insel-Resorts wie North Island unter die Lupe nimmt, dann trifft  diese Vorstellung auch weitgehend zu. Und dennoch sind diese kleinen Resorts nur Illusionen und kein realistisches Abbild der Wirklichkeit. Wie unser ganzer Globus, leidet auch die Inselwelt der Seychellen unter massiven Problemen als Folge der Überbevölkerung, des Tourismus, der Überfischung, des Klimawandels und der negativen Entwicklungen des Ozeans wie Versauerung der Meere und Sterben der Korallenriffe. Gerade in Bezug auf den Gesundheitszustand der Korallenriffe sind wir auf den Seychellen stellenweise Lichtjahre von einem „unberührten Paradies“ entfernt. Wie realistisch sind die Behauptungen der Eigenwerbung des Landes und der Tourismusindustrie als paradiesisch angepriesenen Inseln? Das fragen wir uns am Vorabend von zwei Naturexkursionen unter Beteiligung von MareMundi, die im September 2017 stattfinden.

 

Es liegt offenbar im Wesen von Paradiesen bedroht zu sein (auch schon kulturhistorisch). Die Seychellen sind keine Ausnahme. Die Natur der Inselgruppe ist äußerst fragil und verletzlich. Noch nicht einmal seit 250 Jahren siedeln Menschen auf diesem Stück Gondwanaland, einem Mikrokontinent, dessen größere Teile vom Meer bedeckt sind. Diese Eilande mitten im Ozean waren seit dem definitiven Zerfall Gondwanas, seit dem Ende der Kreide vor 65 Mio. Jahren, isoliert im Ozean, seit einer Zeit, in der gerade die Dinosaurier von der Erdoberfläche verschwanden. Ein Nachbar-Bruchstück des Mikrokontinents Seychellea blieb als große Insel Madagaskar weiter südöstlich stehen und wurde ebenfalls zu einem noch berühmteren Labor der Evolution. Ein noch viel größeres Stück benachbartes Land verhielt sich wiederum ganz anders und “raste” dank der Tektonik mit einer erdgeschichtlich gesehen unfassbaren Geschwindigkeit durch den sich bildenden Indischen Ozean nach Nordosten.  Als Subkontinent Indien dockte es an Asien an, und türmte dabei das gewaltigste Gebirge der Erde auf.

 

Geologie und Geographie eines Inselparadieses

Die Seychellen – das sind insgesamt 115 Inseln und 455 Quadratkilometer Landfläche im Herzen des westlichen Indischen Ozeans, nördlich von Madagaskar. Von den 115 Inseln zählen 41 zu den so genannten Inneren Inseln – sie stehen auf einem größtenteils vom Meer überfluteten, maximal 40 bis 50 Meter tiefen Granitplateau, das einen Mikrokontinent darstellt, wie auch Indien und Madagaskar einen Bruchstück des südlichen Urkontinents Gondwana. Der Rest gehört zu den völlig unterschiedlich aufgebauten Outer Islands, die niedrige Koralleninseln oder Atolle darstellen. Doch vier der 41 Inneren Inseln tanzen geologisch aus der Reihe: Während Silhouette und North aus einem „nur“ etwa 65 Mio. Jahren alten Syenit bestehen und damit aus einem viel jüngeren Material als der Rest, sind die zwei nördlichsten Inseln des Plateaus Bird und Denis Island reine Koralleninseln und stehen auf einem Carbonatsockel. Alle anderen Inseln bestehen aus einem präkambrischen Granit, der 750 Mio. Jahre alt ist.

 

Auch heute noch hält man an vielen besonders schönen Stellen der Seychellen inne und erlebt die tiefe Faszination der Relativität der Zeit: Der Granit, aus dem durch die Wollsackverwitterung die typischen Felsformationen entstanden sind, ist größtenteils 750 Mio. Jahre alt. Seit dem Ende der Kreide waren die Granitberge mit ihren Bewohnern isoliert. Hier hat ein Stück Gondwana, ein Stück der Urzeit überlebt. Wenn man das Glück hat, dass eine Riesenschildkröte biblischen Alters gemächlich vorbei spaziert, verstärkt sich dieser einzigartige Urzeit-Eindruck zusätzlich.

 

Ein Paradies bekommt Schrammen

Vor zwei Jahrzehnten wurde das paradiesische Inselreich weltweit mit wenig differenzierten Lobpreisungen gelobt: Hier gäbe es keine tropischen Wirbelstürme, keine Tropenkrankheiten, keine Gifttiere, keine Kriminalität, eine intakte Natur, kaum sonstige Gefahren. Von Haiangriffen hörte man in der Tat jahrzehntelang nichts. So hat auch MareMundi-Gründer Robert Hofrichter 1999 die Inseln kennen gelernt. Erst später entwickelte der Biologe einen differenzierteren Blick auf das Inselparadies, was teilweise daran liegt, dass sich bestimmte Dinge wohl tatsächlich zum Negativen verändert haben. Wie in anderen Paradiesen auch, ist es die enorme Geschwindigkeit der Veränderungen, die einem Sorgen macht. Die Seychellen bieten uns als sehr kleines Land mit beschränkter Fläche, als Mini-Volk mit nur 80.000 Einwohnern (von denen 90 Prozent auf der Hauptinsel Mahé leben), ein Modelökosystem, an dem man die „Bedrohung von Paradiesen“ recht gut studieren, verfolgen und begreifen kann.

Was unter den „paradiesischen Attributen“ des Landes immer noch unverändert gilt, ist ein klimatisch-meteorologischer Vorteil im Vergleich zu den südlicher liegenden Inseln und Archipelen des westlichen Indischen Ozeans wie den Äußeren Seychelleninseln einschließlich des Weltkulturerbes Aldabra mit hunderttausend dort lebenden Riesenschildkröten, den Maskarenen (Mauritius, Reunion, Rodriguez), Madagaskar oder den Komoren. Die Zentralgruppe der Inneren (bzw. granitischen) Seychellen liegt nur wenige Breitengrade südlich des Äquators und damit nördlich und außerhalb des Wirbelsturm-Gürtels der südlichen Hemisphäre. Ein Gefahrenmoment weniger für den Besucher und ein Pluspunkt für die „Paradies-Werbelinie“ des Landes.

 

Kaum eine andere Frage an einen Einheimischen löst so viel Heiterkeit und zum Teil sogar Unverständnis aus, wie jene nach dem Wetter am kommenden Tag. Die Seychellois lachen nur darüber und können dem manchmal verzweifelten Touristen nur selten brauchbare Antworten geben. Zum Teil liegt es an der Mentalität, es kommt wie es kommen muss und wir können es ohnehin nicht ändern, zum Teil haben sie wohl gelernt, dass sinnvolle Prognosen einfach kaum möglich sind. Das Wetter spielt sich – wie für kleine ozeanische Inseln typisch – manchmal derart kleinräumig ab, dass einige Hundert Meter weiter völlig andere Bedingungen herrschen als in benachbarten Teilen der Inseln. Generell ist ein Klimawechsel in Gang, das zweifelt kaum noch jemand an. Dass sich die Witterung in den letzten Jahren generell verschiebt, davon sind die meisten Seychellois überzeugt.

 

Die Stabilität der Witterung, die hier seit Menschengedenken durch zwei praktisch gleich warme „Jahreszeiten“ geprägt wurde, den Wechsel zwischen dem Südostmonsun in unserem Nordsommer (Mai bis Ende Oktober) und dem Nordwestmonsun in unserem Winter (November bis März), hat merklich nachgelassen. Das Klima ändert sich, das ist auch die einheimischen Seychellois bewusst. 2011 hat es beispielsweise im ersten Halbjahr bis Ende Juli kaum geregnet. Das Land und die Menschen litten massiv unter der Wasserknappheit. Dann, Anfang August, kam der Regen, zur Zeit des Sommermonsuns, der zwar recht viel Wind und unruhige See bringt, aber normalerweise weniger Niederschlag.

Für das Land, seine Unterwasserwelt und für den Tourismus hatten bereits die großräumigen Wetterkapriolen der letzten 15 Jahre verheerende Folgen. Praktisch alle seichten Korallenriffe rund um die Granitinseln sind im El Nino-Jahr 1997/1998 abgestorben, ein Schlag, von dem sich das seicht von Meer überflutete Granitplateau der Seychellen, dieser Mikrokontinent, nur begrenzt erholen konnte.

 

Viele Touristen sind beim Anblick der Korallenfriedhöfe, die sich nur langsam, stellenweise aber kaum erholen, zutiefst erschüttert. Manche Besucher, die die Unterwasserwelt der Seychellen schon vor dem Korallensterben kennen lernen konnten und nun, fast 20 Jahre später wiederkommen, haben bei diesem Anblick Tränen in den Augen. Die Veränderungen sind verheerend.

 

Das globale Korallensterben (coral bleaching) hat 1998 auch die Seychellen erreicht

Insgesamt hat man bei Studien der Unterwasserwelt den Eindruck, dass sich junge, gesunde Korallenstöcke mehr auf den Granitblöcken entfalten als auf den Korallenfriedhöfen, den Carbonatplattformen und abgestorbenen Korallenbruchstücken, an jenen Stellen also, an denen es bereits früher blühende Riffe gegeben hat. Das liegt möglicherweise an zwei Faktoren: Erstens bieten die Granitblöcke einen absolut stabilen Untergrund, der seine Position selbst bei den stärksten Stürmen und bei hohen Wellen nie verändert. Diese Stabilität brauchen Korallenstöcke für ihre dauerhafte Entwicklung. Die losen, einzelnen, toten Kalkbruchstücke hingegen können bei starker Hydrodynamik (Stürme, Strömungen, Wellen) verschoben werden und ihre Position verändern, was junge, nachwachsende Korallenstöcke in ihrer Entwicklung stört oder sogar zum Absterben bringen kann. Zweitens ist das Wasser rund um die Granitfelsen selbst bei Strömung und Wellen klarer, mit Sauerstoff angereichert und weniger durch Sedimente belastet. Auf den einstigen Riffflächen sammelt sich hingegen feiner Sand und Sediment an, der immer wieder aufgewirbelt wird. Zuviel Sedimentfracht vertragen viele Korallen nicht auf Dauer.

Ein Papageifisch sucht bei St. Pierre (neben Praslin) in den Trümmern einstiger Korallenriffe nach Nahrung. Typisch für diese Familie ist, dass sie lebende Korallen anknabbern, das Gewebe verdauen und feinsten Sand ausscheiden. Speziell auf so einem mobilen Substrat wie hier dargestellt können sich neue Korallen kaum ansiedeln. Nun schon seit 20 Jahren bleibt der Eindruck eines ökologischen Desasters erhalten.

 

Zahlreiche Korallenstöcke haben es an den passenden, exponierten Stellen, oft bei kleinen Inseln und Felsen im offenen Ozean wie Ave Maria oder Booby Island seit 1998 wieder zu beachtlichen Dimensionen gebracht, vor allem Geweih- bzw. Baumkorallen der Gattung Acropora. Dies ist die wichtigste und artenreichste Gattung der riffbildenden Steinkorallen – mit dem Vorteil, dass die Stöcke und Äste recht schnellwüchsig sein können, 15 bis sogar 25 (!) Zentimeter im Jahr. Andere Stellen, an denen man üppiges Korallenwachstum beobachten kann, sind etwa Dragons Teeth und Brissaire Rock nördlich von Mahé, oder Ile aux Vaches südlich von Therese Island an der Westseite der Hauptinsel. Zum Glück gibt es rund um die Seychellen zahlreiche solche Stellen.

 

Die Unterwasserlandschaft der Seychellen ist vielerorts nicht durch Korallenriffe, sondern durch Granitfelsen geprägt. Viele der einstigen Korallenriffe haben sich nach der massiven Korallenbleiche 1998 nicht mehr erholt.

 

Viel trostloser präsentiert sich die Unterwasserlandschaft an einst berühmten Schnorchelplätzen wie Cocos Island und Felicite in der Nähe von La Digue oder das Inselchen St. Pierre zwischen Praslin und Curieuse. Hier wird der Grund großflächig weniger aus Granitblöcken gebildet, als vielmehr von den Bruchstücken einstiger Korallenriffe und Sandflächen. Dieses Substrat ist somit größtenteils mobil. In manchen Jahren hatte man den Eindruck, dass Regeneration einsetzt und bestimmte Pionier-Korallenarten Fuß zu fassen beginnen. Dann, ein Jahr später, waren die verheißungsvollen Regenerationsansätze weg und der Korallenfriedhof sah genauso trostlos wie schon vor 14 Jahren aus. Die Touristen tragen an den besonders oft besuchten Schnorchelplätzen zur Zerstörung bei: Da sie nicht ausreichend gut Flossenschwimmen können und in den meisten Fällen auch nicht ökologisch aufgeklärt sind, stellen sie sich auf die Riffe und trampeln die jungen Korallen und andere Meeresbewohner nieder.


 

EXKURS: Ein Musterbeispiel der Symbiose: griffbildende Steinkorallen und ihre Partner

Gegen Ende der 1990er Jahre wurden große Teile des Indopazifiks von einem massiven Korallensterben in Folge der längerfristig erhöhten Meerestemperatur über 30° C getroffen. In diesem Exkurs wollen wir die komplizierte Biologie der riffbildenden Steinkorallen erläutern – und wie es dazu kommen konnte, dass Korallenriffe derart großflächig abgestorben sind.

Die wichtigsten, aber lange nicht die einzigen Erbauer der faszinierenden Korallenriffe, die Steinkorallen (Scleractinia), gehören zu den sechsstrahligen Blumentieren (Hexacorallia, Anthozoa) innerhalb der Nesseltiere (Cnidaria). Wenn man ihre „Einzeltiere“, die Polypen mit ihren Tentakeln, genau unter die Lupe nimmt, merkt man, dass die Tentakel zahlreich und schwer zu zählen sind. Auf keinen Fall sind es acht an der Zahl; ihre Anzahl beträgt immer ein Vielfaches von sechs. Außerdem haben ihre Tentakel niemals kleine Seitenästchen, sie sind also grundsätzlich anders als jene der Horn-, Leder- und Weichkorallen nie gefiedert. Der aufmerksame Schnorchler und Taucher kann allein aufgrund dieser Merkmale eine erste grobe Zuordnung der beobachteten Art vornehmen. Doch man braucht viel Geduld und Wissensdrang um sich in der Formen- und Farbenvielfalt der Blumentiere zurechtzufinden. Denn die Evolution hat in den Meeren eine wahrlich verblüffende und unfassbar schöne Diversität dieser Lebewesen hervorgebracht.

 

Trotz der verheerenden Situation unter Wasser werden immer noch Korallen an Touristen verkauft. Man kann es Inselbewohnern nicht verübeln, dass sie ihr Einkommen aufbessern wollen, eher schon den Touristen ihre Ignoranz solche Produkte überhaupt zu kaufen. Riffbildende Steinkorallen und andere Meeresbewohner (wie rechts im Bild die Blaue Koralle Heliopora) sind durch internationale Gesetze geschützt. Ihre Einfuhr in die EU und andere westliche Länder ist verboten und wird mit hohen Strafen geahndet. Auch dieses Beispiel zeigt, wie wichtig Umwelterziehung und Aufklärung durch Meeresschutzorganisationen ist!

 

Die Baumeister der Meere sind somit genauso Tiere wie Quallen es sind, eine Tatsache, die vielen Bewunderern der Riffe beim Schnorcheln und Tauchen nicht besonders einleuchtet. Manchmal sehen sie wie Steine bzw. Felsen aus. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die einzelnen Polypen in ihre Kelche eingezogen sind und der Korallenstock ruht und einem Stein gleicht. Manche Arten sind vor allem nachts aktiv; sie in ihrer vollen Pracht zu sehen kann man also vor allem bei nächtlichen Vorstößen ins Meer. Ohne biologische Vorkenntnisse sind diese Lebewesen wahrlich schwer durchschaubar: Wo ist vorne und wo hinten, wo ist oben und wo unten, wo ist der Kopf und wo ist da eigentlich das Tier?

Nesseltiere bestehen grundsätzlich aus nur zwei Zellschichten, zwischen denen eine versteifende Zwischenschicht ohne Zellen liegt. Sie heißen so, weil sie in der äußeren Zellschicht, der Epidermis, in großer Dichte spezielle Nesselzellen besitzen. Diese Nesselzellen enthalten die Nesselkapseln oder Cniden – sie enthalten das Gift (ein Protein oder ein Proteingemisch), dass viele Menschen bereits durch Nesselverletzungen durch Quallen unfreiwillig kennen gelernt haben, sie sind als effektive Angriffs- und Verteidigungswaffe für den extremen Erfolg der Nesseltiere in der Erdgeschichte seit hunderten Millionen von Jahren verantwortlich und sie waren für diese Tiergruppe namensgebend (Cniden – Cnidaria). Nesseltiere kann es in zwei Grund-Lebensformen geben, als Polyp und als frei schwimmende Meduse (Schirm nach oben orientiert, Mundöffnung und Tentakeln nach unten). Die letztere Lebensform ist den meisten Menschen durch die Quallen geläufig. Die Polypen hingegen sind oft recht klein und in Kolonien organisiert, so dass sie von vielen Menschen weniger bewusst wahrgenommen werden. Man kann sich die Polypen als eine umgedrehte Meduse vorstellen, die Mundöffnung ist nach oben orientiert und von Tentakeln umgeben. Anemonen etwa sind solitäre, einzelne Polypen.

Die allermeisten riffbildenden Steinkorallen – in der Meereskunde bezeichnet man sie als hermatypisch – bestehen aus kleineren kolonie- bzw. stockbildenden Polypen, die ein gemeinsames Außenskelett aufbauen. Das bedeutet, dass ein Korallenstock nicht bloß aus einem Polypen, sondern aus einer ganzen Kolonie von vielen Einzelpolypen besteht. Bei manchen Arten sind diese Polypen recht groß und im aktiven Zustand mit freiem Auge leicht zu erkennen, bei anderen sind sie winzig klein, die einzelnen Tentakel der Polypen gleichen kleinen Fäden oder Haaren, so dass man genau hinsehen muss, um den beschriebenen Grundbauplan zu erkennen. Jeder Steinkorallen-Polyp sitzt in einem Kelch aus Calciumcarbonat (CaCO3), das durch die Epidermis der Fußscheibe abgesondert wird. Wie das passiert? Das Meerwasser enthält gelöstes Calciumhydrogencarbonat. Dieses wird von den Korallentieren als Grundbaustoff verwendet. Calcium-Ionen, im Wasser und im Gewebe der Polypen gelöste Kohlensäure und Calciumkarbonat befinden sich im Gleichgewicht, wobei die Korallentiere ein Enzym namens Carboanhydrase einsetzen, um die Kohlensäure in Kohlendioxid und Wasser zu spalten.


 

Zooxanthellen: Viel Kalk können Korallen nur mit ihren winzigen Partner herstellen

All die komplizierten Vorgänge der Kalk-Absonderung der Polypen und damit des Wachstums eines Korallenriffs könnten ohne einen weiteren, ganz entscheidenden Faktor nicht funktionieren. Das ist zugleich jener Faktor, der uns die temperaturbedingte Korallenbleiche (coral bleaching) verständlich machen kann. Es handelt sich um Kleinstlebewesen, um Mikroorganismen, die in der Erdgeschichte mit den Korallentieren eine enge Kooperation eingegangen sind, eine echte Symbiose, von denen beide völlig unterschiedliche Partner einen Nutzen ziehen. Es handelt sich um einen „Einzeller“, einen Vertreter des Phytoplanktons (= pflanzliches Plankton), eine Mikroalge, eine photosynthetisch aktive Lebensform, die nur im Mikroskop deutlich zu erkennen ist. Ihr wissenschaftlicher Name ist Symbiodinium microadriaticum, ein Vertreter der Panzergeißler oder Dinoflagellaten. In ihrer ökologischen Rolle als Symbiosepartner von Meerestieren (denn sie kommen nicht nur in Korallentieren, sondern auch in zahlreichen weiteren Meeresbewohnern vor – man denke etwa an die Riesenmuschel mit ihren wunderbaren Farbmustern) bezeichnet man sie als Zooxanthellen. Fast alle riffbildenden Steinkorallen sind mit wenigen Ausnahmen zooxanthellat – sie beherbergen die Zooxanthellen in ihrem Gewebe zu hunderttausenden und Millionen. Was aber bewirken diese Organismen in der Koralle und wie hängt das mit der Bautätigkeit der Korallen und ihrem Absterben zusammen?

 

Riffbildende Steinkorallen (Scleractinia) können verschiedenste Formen haben. Manche sind massiv und langsam wachsend, andere sehr filigran und zerbrechlich. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Fast alle können nur mit Hilfe ihrer mikroskopischen Symbiosen ausreichend Kalk produzieren. Wenn sich ein junges Riff zu regenerieren versucht, wird es von natürlichen Faktoren wie Stürmen, Strömungen und Wellen bedroht, doch auch von Menschen. Unsensibel trampeln  Touristen selbst in den so genannten Marine Parks die jungen Korallen nieder. Eine umfassende Aufklärung seitens der lokalen Behörden fehlt völlig.

 

Chemische Reaktionen können je nach äußeren Bedingungen in beide Richtungen ablaufen. Wenn etwas entsteht, kann es unter Umständen auch wieder leicht zerfallen. Kohlendioxid, das im Meerwasser und in den Korallen gelöst ist, ergibt mit Wasser Kohlensäure. Säuren lösen Kalk auf; zu viel davon würde also in den Korallen der intensiven Kalkproduktion entgegenlaufen. Die Millionen von Zooxanthellen verbrauchen als photosynthetisch aktive Organismen während der Assimilation CO2. Sie entziehen es dem Korallengewebe in derart großen Mengen, dass die chemische Reaktion zugunsten der Kalkabsonderung durch die Polypen kippt. Das saure Milieu in der Koralle wird abgeschwächt was gut für die Kalkabsonderung ist. Nur dank den Zooxanthellen können die Korallentiere so viel und so intensiv Kalk produzieren, dass sie eine Netto-Produktion schaffen, die den ständig wirkenden abtragenden Kräften des Meeres trotzen kann und diese um ein Vielfaches überragt. Immerhin: Rezente Riffe bzw. durch Korallen erbaute Carbonatplattformen können eine Mächtigkeit von 500 Meter erreichen – und eine Länge von 2.000 Kilometern wie im Großen Barriereriff vor Australien! Noch verblüffender ist, dass fossile Riffe bis zu zwei Kilometer dick waren (z.B. der heutige Dachstein in den österreichischen Alpen).

 

Klimawandel: Sich verändernde Lebensbedingungen stressen die riffbildenden Korallen

Die idealen Lebensbedingungen für Korallenriffe, die zu den produktivsten Lebensgemeinschaften der Erde zählen, bieten tropische und subtropische Meeresgebiete mit einer minimalen winterlichen Wassertemperatur von 20 bis 22° C, mit ausreichend klarem Wasser und damit Licht (darum wachsen „klassische“ Korallenriffe nur bis zu einer Tiefe von etwa 40 Meter üppig; darunter reicht das Licht für die symbiontischen Zooxanthellen nicht mehr aus), mit ausreichend Sauerstoff (darum wachsen Riffe in Richtung offenes Meer am stärksten, in Richtung der hinter dem Riff liegenden Lagunen hingegen weniger intensiv) und ohne zu starke Sedimentfracht. In trüben Flussmündungen etwa gedeihen Korallenriffe nicht gut.

Doch nicht nur zu niedrige Wassertemperaturen sind für riffbildende Korallen schädlich, sondern auch zu hohe. Das führt uns zum traurig-berüchtigten Phänomen des coral bleaching, der Korallenbleiche. Der fein abgestimmte Stoffwechsel zwischen Koralle und Mikroalge mit all den komplexen Wechselwirkungen und Austausch von Stoffen funktioniert nicht mehr, wenn die Wassertemperatur längerfristig mehr als 30° C beträgt. Die sensible, geheimnisvolle Partnerschaft wird durch Stressfaktoren gestört, die Zooxanthellen werden abgestoßen, die Korallen verlieren einen großen Teil ihrer Pigmentierung und werden weiß, ein Prozess, der sehr schnell, sozusagen vor den Augen des Beobachters, ablaufen kann. Wenn sich die Lage nicht normalisiert und die Zooxanthellen nicht wieder in die Korallen „einziehen“, sterben diese nach einigen Wochen definitiv ab und werden von Algen überwuchert.

 

Diese Doktorfische bei Felicité finden selbst im zerstörten Riff Nahrung. Sie sind Algenfresser und weiden den Bewuchs auf den Korallentrümmern ab. Doch ist das nicht bei allen Riffbewohnern so. Die meisten von ihnen können nur in einem ökologisch intakten Korallenriff auf Dauer überleben.

 

Weitere Stressfaktoren für Korallen

In den letzten Jahren erkannte man allmählich, dass das Phänomen des Korallensterbens noch wesentlich komplexer ist als man ursprünglich gedacht hat und nicht nur von der Temperatur, sondern auch von (wahrscheinlich vielen) weiteren Faktoren beeinflusst werden kann. Das Meerwasser ist voller Leben, in jedem Tropfen kommen Abermillionen von Viren, Archeen, Bakterien, Pilzen und weiteren Mikroorganismen vor. Die Korallentiere sind für all diese Mikroorganismen „offen“ und ihnen ausgesetzt. Eine gesunde Koralle muss man sich als Superorganismus vorstellen, der „in Harmonie“ mit diesen Mikroorganismen und der Umwelt lebt. Wenn aber das fein abgestimmte Uhrwerk nicht mehr funktioniert, wenn die Koralle nicht mehr „fit“ ist, fällt sie den diversen belebten und unbelebten Faktoren der Umwelt zum Opfer. Neben der erhöhten Temperatur und den Mikroorganismen könnte die Versauerung der Meere ebenso eine Rolle spielen wie die Wasserverschmutzung, Einleitung ungeklärter Abwässer und zu viele Nährstoffe im Wasser, chemische Belastungen, Herbizide, Plastik, Sonnenaktivität und UV-Strahlung, Erhöhung der Sedimentationsfracht durch Bautätigkeit und Veränderungen an Land und weitere Faktoren. An den Korallenkrankheiten wird intensiv geforscht, denn ihr Schicksal ist eines der großen Zukunftsfragen der Menschheit. Wir sind noch weit davon entfernt alles auch nur annähernd zu verstehen. Eines ist jedoch sicher: Schon die bisherigen Entwicklungen und Erkenntnisse sind beunruhigend genug. Eines der artenreichsten Lebensräume der Erde erweist sich als äußerst fragil, anfällig gegen jede kleine Veränderung, die wir verursachen. Unsere Verantwortung ist es das Meer wieder rücksichtsvoller zu behandeln, es möglichst gesund zu erhalten und alles zu unternehmen um Schlimmeres zu verhindern.

Meeräschen suchen in den Korallenfriedhöfen rund um die Seychellen nach Nahrung. Hinten im Bild sieht man einen Touristen, der auf dem einstigen Riff spaziert. 

 

Soziologische Veränderungen, Bauboom und Wirtschaft

Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts und Jahrtausends brachte beispielsweise einen massiven Anstieg der Diebstahlkriminalität mit sich. Während die Seychellen früher mit Recht als eines der sichersten Reiseländer galten, in dem man Rucksäcke und Wertgegenstände sorglos am Strand liegen lassen und Frauen nachts allein an Stränden spazieren konnten, musste man gegen Ende des Jahrzehnts radikale Maßnahmen ergreifen und keinen Augenblick unaufmerksam werden um nicht bestohlen zu werden. Sogar zu bewaffneten Überfällen an Touristen und Yachten ist es gekommen. Viele, selbst abgelegene Strände wie Anse Major auf Mahé oder Anse Cocos auf La Digue werden heute von Sicherheitsbeamten überwacht, was die Kriminalität aber leider bisher nicht wirklich stoppen konnte. Tausende Touristen wurden bestohlen, was dem Ruf des Landes geschadet hat.

 

 

 

Markt in Victoria, Mahé. Nicht nur die Ökologie der Inseln hat sich in den letzten 20 Jahren radikal geändert, auch die Soziologie. Dennoch gehören die Seychellen immer noch zu den sichersten afrikanischen Ländern.

 

Auf den ersten Blick ist diese Entwicklung eine soziologische und hat wenig mit der Natur oder dem Umweltschutz zu tun. Das stimmt bis zu einem gewissen Grad, doch viele Einheimische und Beobachter vermuten dennoch einen Zusammenhang. Die Globalisierung führt unter anderem dazu (wie es auch in vielen anderen Ländern selbst Westeuropas passiert), dass der soziale Zusammenhalt des Landes und Volkes zerbröckelt. Ausländische Investoren drängen mit ihrem Kapital auf die Inseln, Korruption führt dazu, dass manche der wertvollsten Landstriche der Seychellen an Fremde verkauft werden. Inmitten von Nationalparks und Schutzgebieten werden gigantische Bauprojekte umgesetzt. Die Wunden in der Landschaft führen zu noch mehr Erosion, der fruchtbare Boden ist längst weggespült, die rote Lateriterde schimmert auf den Hügeln durch die verkümmerte Sekundärvegetation, wird ins Meer geschwemmt und zerstört die sich langsam regenerierenden Korallen. Bäche, die den Menschen seit Generation als Wasserquelle dienten, waren plötzlich durch weit oben liegende Baustellen verunreinigt, und die Menschen erkrankten.

Nur ein solches Beispiel aus vielen ist Raffles im Nordosten von Praslin, ein gigantisches Bauvorhaben direkt am Curieuse Marine National Park zwischen Praslin und der vorgelagerten Insel Curieuse. Die Werbung der riesigen Appartement-Anlage suggeriert dem potentiellen Käufer einer komfortablen Wohnanlage das „wiedergeborene Paradies“ (paradise reborn). Doch wenn man direkt an der Anlage vorbeifährt oder von Curieuse aus über den Kanal hinüber die Wunden in der Landschaft von Praslin sieht, glaubt man eher in der Hölle gelandet zu sein. In der ökologischen Hölle. Die kaputte, völlig degradierte Landschaft ist wahrlich ein Desaster und bietet keinen schönen Anblick. Viele Besucher sind entsetzt.

Die Wunden in der Landschaft von Praslin und Curieuse sind nicht neu. Bereits die ersten Siedler vernichteten innerhalb von Jahrzehnten die Wälder, mit ihnen etliche endemische Baumarten und gaben den Boden der Erosion preis. Irgendwer hat einmal Curieuse als die hässlichste Insel des Indischen Ozeans bezeichnet. Viele Hügel von Praslin sehen genauso entsetzlich aus. Die rote Lateriterde schimmert überall durch, die Vegetation kann sich von allein nicht mehr regenerieren. Der Anblick der Landschaft ist trostlos und gleicht einer blutenden Wunde. Aus ökologischer Sicht handelt es sich um die letzte, irreversible Stufe der Landschaftsdegradation, wie man sie auch in manchen Regionen des Mittelmeerraumes findet.

Es verwundert, warum die Regierung hier nicht schon vor Jahrzehnten Wiederaufforstungsprogramme gestartet hatte – und sei es mit den aus Australien stammenden Kasuarinen (Casuarina equisetifolia; ein eingeführter, genügsamer, salztoleranter Baum, der mit wenig Wasser auskommt und sich sehr gut für Wiederaufforstungen und für den Aufbau einer neuen Humusschicht eignet). Hauptsache die Hänge und Hügel wären grün, würden eine Humusschicht aufbauen, mehr Wasser im Grund speichern und weniger verdunsten und oberflächlich abfließen lassen, würden nicht so deprimierend kaputt und ökologisch degradiert aussehen und bei Regen keine tödlichen Sedimentladungen ins Meer schicken. Kasuarinen beeindrucken durch ihre Salzresistenz und Schnellwüchsigkeit. Für den Laien sehen sie ein wenig wie Nadelbäume aus (manchmal spricht man von kreolischen Weihnachtsbäumen), sie sind es aber nicht. Innerhalb weniger Jahre schaffen sie es den Boden zu stabilisieren und eine fruchtbare Humusschicht zu bilden. In vielen tropischen und subtropischen Ländern, so auch auf den Seychellen, ist der Baum ein ökologischer Zauberkünstler, er wird zum Windschutz und zur Befestigung von neu geschaffenen Landstrichen oder Dünen angepflanzt. Die Art kann auch auf sehr nährstoffarmem Sand wachsen, eine Fähigkeit, die auf einer Symbiose der Wurzeln mit Stickstofffixierenden Strahlenpilzen beruht.

 

Bedrohte Schätze der Seychellen-Natur, die durch sehr viele endemische (nur hier vorkommende) Arten geprägt ist. Dazu zählen auch die winzigen Seychellenfrösche;  die ganze Familie Sooglossidae ist ausschließlich auf den granitischen Seychellen beheimatet. Immer mehr Menschen, immer mehr Touristen, immer mehr wirtschaftliche Nutzung drängen die letzten Naturrefugien zurück.

 

Doch zurück zu den Wurzeln des Übels. Was haben negative soziologische Entwicklungen wie der Anstieg der Kriminalität mit der ökologischen und politischen Situation der Inseln zu tun? Die soziale Schere klafft immer weiter auf. Wie in anderen westlich geprägten, globalisierten Gesellschaften gibt es auch hier Gewinner und Verlierer. Ausländische Investoren drängen auf den Markt, kaufen mit Hilfe der korrupten Politik die besten Landstriche auf – und das in einem Land, in dem sozusagen jeder Quadratmeter gezählt ist. Mit Ausnahme einiger kleinen Landstriche, die man durch die ökologisch umstrittene Landaufschüttung mit Sand vom Meeresgrund geschaffen hat, wird das Land nicht größer, während die Bevölkerung ständig wächst. An den Hügeln und Bergen rund um Victoria fressen sich die Siedlungen der Menschen immer höher die Hänge hinauf – auch in Richtung des Morne Seychellois Nationalparks. Für Saudische Prinzen sind hier Bauvorhaben möglich, die für jeden anderen unmöglich und undenkbar wären. Gigantomanische Projekte auf den Berggipfeln verunstalten weit sichtbar die Landschaft und signalisieren: Wir haben uns mit den Regierenden und Machthabern hier geeinigt und wir können so etwas durchziehen. Durch Gegenleistungen wie Entsalzungsanlagen oder Krankenhäuser versuchen die „neuen Herren“ die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen, ob mit ausreichendem Erfolg ist fraglich.

Luxushotel-Anlagen entstehen an den schönsten Plätzen, zum Teil ebenfalls in Schutzgebieten. Manchmal werden ganze Inseln oder kleine Inselgruppen verunstaltet. So wurde ein umstrittenes Bauvorhaben auf der Insel Felicité (unweit von La Digue in der Praslin-Gruppe) zwar vor Jahren gestartet, doch im Herbst 2011 standen die Bauruinen und Betongerippe kilometerweit sichtbar schon ein Jahr lang unverändert da. Den Investoren ist wohl das Geld ausgegangen. Manche junge Seychellois haben den Eindruck, dass ihnen ihre eigene Zukunft geraubt wird, ihr eigener, recht beschränkter Lebensraum, von dem sie und ihre Nachkommen in Zukunft leben müssen. Doch die Gustostückchen des eigenen Landes werden nicht mehr ihnen gehören.

Der Drogenkonsum ist massiv gestiegen, leider auch mit harten Drogen und nicht nur von „Gras“, das bei den jungen und jung gebliebenen Rastafaris immer schon beliebt und Teil ihrer Kultur war. Der Verlust des sozialen Zusammenhalts und des Glaubens an eine Zukunft führten vor allem viele junge Männer in den Drogenkonsum und die Kriminalität. Nicht einmal Safes in den Hotels und Gästehäuser konnten in manchen Fällen die Besucher davor bewahren beraubt zu werden.

 

Der Tourismus ist für das Land eine wesentliche Einnahmequelle. Die Kleinkriminalität nahm in den letzten 20 Jahren massiv zu, und der Staat unternimmt viel um die Touristen vor Kriminellen zu schützen.

 

Zweifellos sind die Seychellen für ein afrikanisches Land vorbildlich und in Sachen Naturschutz weiter entwickelt als viele andere vergleichbare Länder. Nach Plänen der Regierung aus dem Jahr 2011 sollen letztlich mehr als 50 Prozent des Landes unter gesetzlichen Schutz kommen. Bereits 2010 sind der Silhouette National Park und das Recif Island Reserve entstanden, womit die Fläche der geschützten Gebiete auf 47 Prozent gestiegen ist. Der Plan klingt ausgezeichnet und wie Musik in den Ohren von Naturschützern: Im Interesse der jetzt lebenden und künftigen Generationen der Seychellois sowie der Besucher der Inseln soll die Regierung zur Verantwortung gegenüber der “Convention on Biological Diversity“ (CBD) stehen und deren Ziele umsetzen. Doch was genau heiß ein „Schutzgebiet“? Das bereits genannte Beispiel des Bauprojekts Raffles auf Praslin, das mitten im Curieuse Marine National Park errichtet wurde und das 30 Jahre nach dessen Proklamation, zeigt, wie viel oder wie wenig ein bloßer Naturschutzrang wert ist. Wesentlich ernsthafter wird der Schutz des Vallée de Mai umgesetzt, ein Nationalheiligtum der Seychellen und Weltkulturerbe der UNESCO: Hier wachsen die allermeisten Coco de Mer – Palmen (Lodoicea maldivica), einer der merkwürdigsten, geheimnisumwobenen Palmen und Bäume unserer Erde.

 

Die Nuss von Lodoicea maldivica, der Code de Mer Seychellen-Palme, ist die schwerste Baumfrucht der Erde.

 

Nicht überall, wo Schutzgebiet draufsteht, ist auch Schutzgebiet drinnen

Doch in vielen anderen Schutzgebieten, etwa im Île Cocos Marine National Park, das hier als Beispiel erwähnt werden soll, laufen die Dinge für den Naturschutz weniger gut. Zwar wird direkt vor Ort von jedem Besucher eine Nationalpark-Gebühr eingehoben, aber was mit diesem Geld genau passiert, ist dem an Naturschutz interessierten Touristen weniger klar. Keine einzige Ankerboje ist in der Nähe des kleinen Strandes bzw. Schnorchelplatzes installiert. Zu den Stoßzeiten ankern hier unzählige Boote direkt im Riff, besser gesagt dort, wo es einst ein blühendes Riff gegeben hat. Wiederholte Male werfen sie täglich ihre Ankern und ziehen sie wieder hoch. Denn das Riff ist seit dem großen Korallensterben 1998 vernichtet und regeneriert sich auch kaum. Massenhaft werden Touristen zur Insel gebracht, ohne jede umwelterzieherische Aufklärung. Auf der Insel steht keine Tafel mit irgendwelchen Verhaltensregeln. Für die kreolischen Bootsbesitzer vom benachbarten La Digue oder Praslin sind die Schnorchler ein gutes Geschäft. Den Massen von Touristen fehlt oft jede Umweltsensibilität. Sie stehen mit ihrem Flossen auf dem ehemaligen Riff und – das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel – trampeln die zarten Korallensprösslinge nieder, die zaghaft versuchen im großen Korallenfriedhof wieder Fuß zu fassen. Die kreolischen Begleiter springen ins Wasser und suchen die Gegend nach Meeresschildkröten ab. Diese werden dann für die johlenden Touristenmassen aus dem Wasser gehoben um besser fotografiert werden zu können. Während das Tier abgelichtet wird, stehen alle Beteiligten auf dem Riff. All das passiert oft direkt vor den Augen der Nationalpark-Ranger, die sich vor allem auf das Einkassieren der Eintrittsgelder konzentrieren. Nicht selten wird keine Quittung ausgestellt, und bei Gruppen kann man schon Mal mit den jungen Männern auch verhandeln… Nicht selten werden in den Gewässern des Nationalparks illegal Haie für das Finning, Langusten und andere Meeresbewohner aus dem Wasser geholt. Kein Wunder, dass sich manche Besucher weigern unter diesen Umständen die verlangte Gebühr zu bezahlen.

 

 

Der Morne Seychellois Nationalpark auf Mahé – das letzte Rückzugsgebiet für den Nebelwald und seine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. 

 

Die Seychellen führen uns als leicht(er) überschaubares Inselreich und „Ministaat“ vor Augen, wo die Grundprobleme der Menschen und des Naturschutzes liegen. Diese Überlegungen gelten für die ganze Welt: Es gibt immer mehr Menschen auf einer immer gleich groß (oder klein) bleibenden Fläche. Diese zunehmende Anzahl von Menschen muss ernährt werden und hat zahlreiche weitere Raumbedürfnisse. Die Flächen, die anderen Lebewesen, Pflanzen und Tieren, zur Verfügung bleiben, werden immer kleiner. Die Existenz einzigartiger, endemischer Arten, wie die Seychellen sie in großer Zahl zu bieten hat, ist in vielen Fällen an ursprüngliche Lebensräume gebunden. Auf den Seychellen ist es etwa der Nebelwald auf den höchsten Gipfeln der beiden Inseln Mahé und Silhouette jener Bereich, der schwer zugänglich ist und am ehesten Teile seiner Ursprünglichkeit bewahren kann. Hier leben winzige, endemische Frösche, die weltweit absolut einzigartig sind und nirgendwo sonst vorkommen, die Seychellenfrösche (Sooglossidae). Hier gibt es auch die endemischen Blindwühlen, beinlose Lurche mit reduzierten Augen, die einem großen Regenwurm gleichen, doch zu den Wirbeltieren zählen. Sieben Arten kommen hier vor, die es nirgends sonst auf der Welt gibt. Endemische Baumfarne wachsen hier wie auch der geheimnisvolle Quallenbaum (Medusagyne oppositifolia), von dem nur noch wenige Exemplare existieren, seltene Eulen und Fledermäuse, die zu den seltensten und am stärksten bedrohten Tierspezies zählen, unzählige Insekten und vieles mehr. All diese Lebewesen sind an die Existenz ihres angestammten Lebensraumes angewiesen, der nur wenige Quadratkilometer umfasst, bloß die zwei Berggipfel von Mahé und Silhouette in den Weiten des Ozeans. In irgendeinem Ersatzlebensraum könnten sie nicht überleben.

 

Eine möglichst intakte Natur ist für die Seychellen ist ihr allerwichtigstes Kapital. Sie lockt viele Besucher von der ganzen Welt an. Der Mensch muss der Natur genug Platz einräumen.

 

Wie kann dieses scheinbar unlösbare Dilemma gelöst werden? Es gibt dafür nur einen einzigen Weg, keinen anderen. Der Mensch muss der Natur Platz einräumen, wenn er die einzigartige Biodiversität unserer Erde erhalten will. Neben all den einstigen Naturräumen, die der Mensch durch seine Nutzung unwiederbringlich zerstört hat (so ist von den einstigen Küstenwäldern der Seychellen praktisch gar nichts erhalten geblieben) und weiterhin für seine Nutzung beansprucht, müssen natürliche Lebensräume in ausreichender Größe erhalten bleiben. Das ist zwar nicht mehr hundertprozentig möglich, da eingeschleppte und eingeführte pflanzliche und tierische Fremdlinge selbst in die Gipfelregionen des Nebelwaldes vordringen und das Ökosystem verändern. Dennoch müssen Nationalparks und Schutzgebiete deklariert und ihre Respektierung garantiert werden. Neben den durch Menschen genutzten Regionen muss es auch vernetzte, nicht genutzte Naturräume geben – und zwar an Land und genauso wie im Meer. Ausschließlich so werden wir unser natürliches Erbe an die kommenden Generationen weiter geben können. Eine Alternative dazu gibt es nicht.

 

Bericht und Fotos: Robert Hofrichter, MareMundi