Ein Ausflug mit Schülern nach Glavotok – und die bunte Fischwelt der Nordadria

Ein Schlüsselthema bei meeresbiologischen Projektwochen an der Schule am Meer (MareMundi Station Krk) bilden neben den Stachelhäutern (Echinodermata) und den Krustentieren (Crustacea) die Fische, die in zahlreichen Formen und Farben in der Nordadria vertreten sind. Insgesamt leben im Mittelmeer mehr als 800 Arten Fische – das sind sämtliche Knorpel- und Knochenfische zusammengezählt. Das Team der MareMundi Praktikanten hat in der ersten Saisonhälfte 2017 den ichthyologischen Unterricht (Ichthyologie = Fischkunde) der Dozenten begleitet und berichtet von einem “Fischtag” in Glavotok mit einer Klasse des Bundesgymnasiums Zehnergasse aus Wiener Neustadt. Verbunden mit einem Schnorchelgang in einer der zahlreichen schönen Buchten rund um Krk hält entweder Robert Hofrichter oder Alex Heidenbauer einen Vortrag, bei dem sie die Schüler über die verschiedenen mediterranen Arten aufklären und etwas über ihre Eigenschaften erzählen.

Einer der schönsten Fische des Mittelmeeres ist das Männchen des Pfauenlippfisches (Symphodus tinca) aus der Familie Lippfische (Labridae). Die wulstigen Lippen – ein Definitionsmerkmal dieser Familie – sind deutlich zu erkennen. Was man auf dem Bild nicht erkennen kann ist die besondere Schwimmweise der Lippfische. Da in der Nordadria nur sie “labriform” (also mit den Brustflossen) schwimmen, kann man zumindest die Familie leicht erkennen.

Bevor es ins Wasser geht, geben die Kursleiter erstmal eine kurze Einführung zum Thema Fische: Was ist überhaupt ein Fisch? Man sucht nach einer sinnvollen Definition, die ohne jeden Widerspruch sein muss (Fische sind primär aquatische Wirbeltiere mit Kiemenatmung … usw.). Was zeichnet ihn aus? Welche sind homologe Strukturen mit uns Landwirbeltieren (Tetrapoden), zu denen auch wir Menschen zählen? Was haben wir und Fische gemeinsam? Wie bewegen sie sich fort (z. B. die bereits erwähnte labriforme Schwimmweise …)? Wie ernähren sie sich? Und allem voran die wichtige Frage: Welche Tracht haben sie? Tracht?

Alex erklärt den gespannten Schülern den Unterschied der verschiedenen Fische. Tatsache ist, dass zu Beginn der Projektwoche kaum ein Schüler auch nur einen einzigen Mittelmeerfisch oder seine Familie kennt. Am Ende der Projektwoche sieht es in dieser Hinsicht ganz anders aus – worauf das Team dann stolz ist.

An Lilys gekonnten und liebevollen  Zeichnungen kann man gut den Unterschied zwischen den einzelnen Familien erkennen.

Grundsätzlich zu unterscheiden sind bei den Fischen die beiden großen Äste der Evolution: die Knorpelfische (Chondrichthyes) und die Knochenfische (Osteichthyes). Zu den Knorpelfischen zählen Haie, Rochen und Seekatzen, zu den Knochenfischen alle restlichen Fische, mit denen wir uns an diesem Tag auseinandergesetzt haben. Vier der typischen Familien der Knochenfische im Mittelmeer, welche die Schüler auch leicht beobachten können, sind die Schleimfische, Grundeln, Meerbrassen und die Kippfische. Freilich, es gibt noch viel mehr, doch am ersten Tag darf man die noch ungeübten Fischbeobachter nicht überfordern. Kursleiter Alex erklärte wie man die verschiedenen Hauptfischgruppen an Körperform, bevorzugtem Lebensraum und Färbung (bzw. Tracht, ein sehr nützliche Begriff wenn es darum geht Fisch wirklich zu verstehen) erkennen kann.

Meerbrassen (Familie Sparidae) als silbrige Freiwasserfische sind an ihrem dunkleren Rücken und helleren Bauch (Freiwassertracht), den markanten Schuppen, dem hohen Körperbau (bei vielen, aber nicht allen Arten) und der durchgehenden Rückenflosse zu erkennen. Neben der unten dargestellten Zweibindenbrasse (Diplodus vulgaris) sieht man beim Schnorcheln auf Krk die Brandbrasse (Oblada melanura) am häufigsten. Die Brandbrasse ist leicht an einer weißen Umrandung am schwarzen Punkt an der Schwanzflosse zu erkennen.

Ein MUSS für die Schüler: Den Mönchsfisch (Chromis chromis) muss man einfach kennen! Als einziger Riffbarsch (Pomacentridae) des Mittelmeeres ist er noch dazu endemisch (also nur hier vorkommend) und so häufig, dass er die mediterranen Unterwasserlandschaftenprägt. In großen Schwärmen schweben diese Fische im Freiwasser oder in Grundnähe.

Lippfische (Familie Libridae) als typische Küstenfische sind viel farbenfroher. Der Meerjunker zum Beispiel ist als Männchen äußerst bunt gefärbt, um besser Weibchen anzuziehen. Meerbrassen hingegen sind farbloser, bläulicher gefärbt. Genau so bei Freiwasser- und Küstenfischen. Eine Frage der Tracht eben … Außerdem sind Lippfische weniger hochrückig und an ihren markanten, verdickten Lippen und ihrer gruppenspezifischen, labriformen Bewegungsart zu erkennen, bei der hauptsächlich nur die Brustflossen zum Schwimmen genutzt werden. Alle jungen Meerjunker sind entweder Weibchen oder „primäre“ Männchen. Später entwickeln sich aus den Weibchen „Prachtmännchen“, die ihr Revier verteidigen.

Ein männlicher Meerjunker (Coris julis) in seiner wunderbaren Pracht.

Als Bodenfische sind Grundeln (Familie Gobiidae) mit 1100 Arten eine der artenreichsten Gruppen der Knochenfische. Erkennen kann man sie an einem nach oben gerichteten Mund, einem bulligen Kopf mit nach oben stehenden Augen, sowie an ihrer oft sandfarben Färbung und der zweigeteilten Rückenflosse.

Eine Felsengrundel (Gobius paganellus) in ihrem natürlichen Habitat im Benthos.

Die schuppenlosen Schleimfische (Familie Blenniidae) fühlen sich auf Felsen am wohlsten, wo sie sich mit ihren kehlständigen Bauchflossen aufgerichtet festhalten. Einige Arten besitzen auffallende Hauttentakel auf der Stirn und alle ein nach unten gerichtetes Maul, was darauf auf ihre Ernährungsweise hindeutet. Mit dem endständigen Maul können sie besser den Algenbewuchs und Planktonpartikel „abzupfen“.

Die Spitzkopfschleimfische (Familie Tripterygiidae) bevorzugen den gleichen Lebensraum, unterscheiden sich jedoch durch eine intensivere Färbung, eine dreigeteilte Rückenflosse und einem spitz zulaufendem Kopf.

Die Schüler konnten zwei Spitzkopfschleimfische fangen und genauer unter Betrachtung nehmen.

Auch im Mittelmeer gibt es giftige Fische, die mit ihren spitzen Flossenstrahlen äußerst schmerzhafte Stichverletzungen verursachen können. Zu den häufigen Übeltätern zählt das Petermännchen (Trachinus), ein Bewohner des Sandgrunds. Wir bringen den Schülern bei ja nicht ohne Schuhe ins Wasser zu gehen, denn zumindest einige Stichverletzungen durch Seeigel wären sonst vorprogrammiert. Wer nicht auf die Kursleiter hört, wird in der Regel innerhalb kurzer Zeit vom Leben bestraft …

Bei der hochrückigen Zweibindenbrasse fallen zwei schwarze Streifen auf, einer vorne, der andere hinten. Sie ist eine der am häufigst vertretenen Arten in der Nordadria, aber als Folge der Überraschung sieht man fast nur noch kleine Exemplare.

Nach der Theorie durften die Schüler dann ihr Wissen in der ichthyologischen Praxis üben. Die bereits geübten Schnorchler stürzten sich in die Fluten und schnorchelten den schönen Küstenabschnitt vor der malerischen Kirche ab, wo sich zwischen den Felsen zahlreiche Fische verbergen. Die besten Zeiten sind aber längst vorbei: Die Überfischung fordert ihren Tribut. Daher wird bei MareMundi auch viel darüber diskutiert, wie man dem Meer effektiver helfen könnte. Das Zauberwort ist relativ einfach: Verzicht! Nicht alles herausholen was im Meer lebt!

Beitrag: Christopher Sonnen, Robert Hofrichter

Fotos: Robert Hofrichter und das  MareMundi-Team