Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedroht

Alle Informationen und Diskussionen über das Europäische Mittelmeer

Moderator: A-Team

Antworten
Benutzeravatar
mare-mundi Redaktion
Profi
Profi
Beiträge: 814
Registriert: 19 Feb 2011 13:27
Wohnort: Salzburg
Kontaktdaten:

Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedroht

Beitrag von mare-mundi Redaktion » 01 Feb 2012 12:57

NABU: Grenzwerte bereits überschritten - Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedroht

31. Januar 2012 - Mehr als zwei Wochen sind vergangen seit das Kreuzfahrschiff „Costa Concordia“ vor der Mittelmeerinsel Giglio im Nationalpark Toskanischer Archipel auf ein Riff lief. Bisher sind 17 Tote geborgen. Nach der menschlichen Tragödie wachsen die Sorgen um das einzigartige Naturparadies im Thyrrenischen Meer. Noch immer befinden sich in den Tanks des Kreuzfahrschiffes bis zu 2.400 Tonnen Diesel- und Schweröl und immer stärker belasten auslaufende Chemikalien das Meer.

:arrow: http://www.nabu.de/themen/meere/lebensraum/14508.html

Bild
Noch immer befinden sich 2.400 Tonnen Diesel- und Schweröl und giftige Chemikalien
an Bord der „Costa Concordia“.


Hochgiftige Chemikalien bedrohen das Naturparadies
Während sich die Bergungsarbeiten auf die Abwehr einer Ölpest konzentrieren, werden im Wasser bereits gefährliche Konzentrationen von Umweltgiften gemessen. Denn nicht nur das Öl stellt eine Gefahr für das Leben im Meer da, sondern auch die riesigen Mengen von giftigen Chemikalien, die nach und nach ins Meer gespült werden. Besonders gefährlich sind Reinigungs- und Desinfektionsmittel, ölbasierte Farben und Lacke, aber auch Motoröle und Fette sowie die Unmengen an Kunststoffabfällen, die das Unglücksgebiet bereits weiträumig belasten. Reinigungsmittel enthalten häufig giftige Zusatzstoffe wie das krebserregende Konservierungsmittel Formaldehyd. Viele der als Duftstoffe beigefügten Moschusverbindungen reichern sich im Wasser an und verändern das Hormonsystem von Meerestieren. Und ölhaltige Farben beinhalten hochtoxische Benzole als Lösungsmittel, zum Beispiel Toluol und Xyluol, welche das Gehirn und das Nervensystem schädigen können. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor der krebserregenden und fruchtschädigenden Wirkung von Tuluol. Die italienische Umweltbehörde ARPAT wurde inzwischen beauftragt, das Meerwasser vor Giglio fortlaufend auf Schadstoffbelastungen zu prüfen.

Bild
Taucher haben bereits angeboten,
die Aufräumarbeiten zu unterstützen.


Inselbewohner fürchten um ihre Zukunft
Gestern teilte das niederländische Bergungsunternehmen mit, dass die Bergung der „Costa Concordia“ bis zum Jahresende andauern könnte. Und damit zeigt sich das ganze Ausmaß des Unglücks für die Mittelmeerinsel und ihre Bewohner. Giglio lebt von der intakten Natur und den Tausenden Touristen, die Jahr für Jahr das Naturparadies besuchen. Bleiben diese für eine ganze Saison aus, so ist die Existenz von mehr als 1.000 Menschen in Gefahr. Und auch die Fischerei steht jetzt vor dem Zusammenbruch. Die Giglesen beginnen inzwischen sich zu organisieren, Unterschriften zu sammeln und fordern mehr Beteiligung beim Umgang mit der Katastrophe. Schon jetzt bieten die lokalen Tauchbasen an, die Aufräumarbeiten zu unterstützen. Denn die Angst ist groß, dass die Ostküste der Insel nach der Bergung unter Wasser ein tödliches Trümmerfeld bleibt und für Jahre ihre Anziehung auf Sporttaucher verliert.

Bild
Der italienische BirdLife-Partner des NABU
würde sich um verletzte und verölte Vögel kümmern.


NABU-Partner vor Ort
Der italienische BirdLife-Partner des NABU, die Lega Italiana Protezione Uccelli (LIPU), betreibt eine Auffangstation für Wildtiere in Livorno, etwas mehr als 120 Kilometer nördlich der Unglücksstelle am italienischen Festland. Hier könnten zum Beispiel verletzte oder verölte Seevögel versorgt und tiermedizinisch behandelt werden. Zwei LIPU-Mitarbeiter befinden sich auf Giglio und unterstützen die Einsatzleitung vor Ort.

EU-Parlament diskutiert über Schwerölverbot
Im Europäischen Parlament hat das Schiffsunglück die Diskussion über ein mögliches Verbot von Schweröl als Schiffstreibstoff wieder entfacht. Es gibt immer mehr Abgeordnete, die anstelle der schrittweisen Reduktion der Schwefelwerte bis zum Jahr 2025, ein komplettes Verbot und die Umstellung auf das umweltverträglichere Dieselöl fordern.

Biberach
Profi
Profi
Beiträge: 315
Registriert: 22 Nov 2008 10:53
Wohnort: Mommenheim bei Mainz

Re: Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedroht

Beitrag von Biberach » 01 Feb 2012 19:51

Danke für den Bericht, ich verfolge das "Unglück" [welches meines Erachtens einen Unfallhergang mit Vorsatz darstellt!] seit langem. Die Passagiere können nichts dafür, mir tut es leid um diejenigen, die sich diese Kreuzfahrt abgespart haben, und deren Urlaub ruiniert ist. Mir tut es leid um diejenigen, die danach rein psychisch noch lange daran zu knabbern haben. Mir tut es ganz besonders leid um jene, für die diese Reise ihre letzte sein sollte, und ganz besonders um deren Angehörige, Freunde, Bekannte...

Aber NIRGENS anders als in diesem Forum konnte ich bisher lesen, inwieweit diese Tragödie auch eine für die Umwelt darstellt! Zwar wurden in manchen Berichten kurz die Tonnen an Schweröl erwähnt, und ob und wie eventuell eine Bergung möglich sein könnte... das war´s dann aber auch schon.
Auf die unzähligen schwerwiegenden anderen Gefahrenstoffquellen geht niemand ein, macht sich niemand Gedanken. Umso besser, dass es bereits Messungen dazu gibt. Ich kann nur hoffen, dass dies alles den Verantwortlichen präsentiert wird, und die auch schön dafür blechen müssen. Sonst bleibt am Ende nur die Umwelt auf der Rechnung sitzen.
Mir tut es auch leid für die Menschen, die dort ihre Heimat haben. Allerdings etwas in begrenztem Maße.... Denn sollte sich bewahrheiten, dass dort Gelder geflossen sind, um mit dem direkt an der Küste vorbeifahrenden Schiff eine schöne Kulisse für Touristen zu bieten, haben sich die Verantwortlichen dort ebenso schuldig gemacht wie der Kapitän der Costa Concordia. Und auch die anderen, die nicht direkt dafür verantwortlich waren, ob nun um die mögliche Gefahr bewusst oder auch nicht spielt dabei keine Rolle, denn auch jene haben sich durch Einnahmen aus Touristengeldbörsen daran bereichert. Nun, ich mag hart ins Gericht gehen, und ich treffe damit auch aller Wahrscheinlichkeit auch wieder viele Unschuldige. Was ich aber damit aufzeigen mag: DEN Schuldigen gibt es nicht! Der Kapitän mag ein schmieriger, feiger und verantwortungsloser Möchtegern sein [so wird er zumeist dargestellt und hat sich wohl auch so bei den meisten mittlerweile eingeprägt], aber ganz ALLEIN an der Tragödie hat er wohl keine Schuld. Auch wenn immer gern einer zur Verantwortung gezogen wird, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Und eben sind so manche, die am lautesten schreien und mit dem Finger zeigen, in Wahrheit nicht ganz unbeteiligt...

Und damit wären wir auch beim Punkt mit der Gewissensberuhigung! Nach jedem Unglück (wieder dieses Wort...) kommen die Leute aus den Löchern, die dann lauthals irgendwelche Änderungen fordern, und zwar UMGEHEND! In diesem Falle zB ein sofortiges Verbot von Schweröl als Energiequelle für Schiffsmotoren. Toll, dann macht mal. Damit sind bei künftigen Kollisionen und "Unglücken" alle Umweltgefahren gebannt?!? Es mag ja zutreffen, dass im Falle eines Falles das Austreten von Schweröl gravierender ist als uns allen bekanntes Dieselöl (oder auch Heizöl). Doch wie um alles in der Welt stellen sich diese Schreihälse so eine Umstellung vor, von heute auf morgen. Immer nur fordern, fordern, ohne Plan. Danach kommen dann einige kleinere Schifffahrtsunternehmen, Fischer, Zuliefererbetriebe und wasweissich, die dann wiederum ihre Erwerbsgrundlage verlieren. Das ganze wird aufgefangen mit zig Subventionen und Ersatzzahlungen, Anreiz-Zahlungen wie der "Umweltprämie" (beim Auto) oder Steuervergünstigungen. Gewonnen wird damit kein Blumentopf, wenn doch die Antriebsflüssigkeit nicht die einzige Gefahrenquelle für die Umwelt darstellt, wie der Bericht zeigt, und wie ich mir auch schon im Kopfe herumschlug.
(Bei mir kam der Gedanke auf, als ich zufällig mitanhörte, wie sich im Zug zwei unterhielten über die eingestellte Opfersuche. O-Ton: "Die restlichen sind dann wohl Fischfutter." Da kam mir erst der gedanke, ob die Fische schon erstmal auf die Leichen gehen, oder sich an den zigwasweissich Tonnen an Lebensmitteln gütlich tun werden, die so ein Kreuzfahrtriese bunkert. Erst danach kam mir tatsächlich der Gedanke, was da noch an Bord so rumsteht. Für max 4880 Leute! Jetzt stellt euch mal nur die Putzmittel vor, quasi einer Kleinstadt. Mit den dazugehörigen Supermärkten, den so ein Schiff muss sowas genauso lagern und kann das nicht mal kurz an jedem Hafen wieder auffüllen...)
Genauso Schnellschüsse aus der Hüfte sind es, die mich aufregen, und die die Gewissen beruhigen und die erhitzten Gemüter kühlen. Die RuckZuck-Abschaltung einiger deutscher AKWs nach Fukushima sei hier als Beispiel erwähnt. (Wir haben hier einen anderen Atomstrom-Thread, der mehr als aussagekräftig und informativ ist, ich gehe nicht näher darauf ein).

Jetzt könnt ich mich auch etwas abkühlen, dazu muss man heut ja nur kurz vor die Tür. Besser wirds dadurch aber auch nicht. Nur das ist eben der springende Punkt! Genau das glaubt die breite Öffentlichkeit, wenn nach solch einem Unglück so ein Abkommen getroffen wird. Nunja, vielleicht wird es mit Schwerölverbot im Falle eines Falle etwas besser, aber die Gefahr ist damit doch noch lange nicht gebannt und auf Null reduziert! Aber das wird einem Glauben gemacht. Und beim nächsten "Unglück" sieht man dann: man hat wieder nichts dazugelernt. DAS ist für mich der casus cnaxus! Nix mit irgendwas hopplahopp beschließen, den Nutzen daraus ziehen (wie so mancher Politiker eben) und dann ad acta legen. Nein, rigoros sollten Untersuchungen angestellt werden. strafrechtlich: was lief alles schief, welche geltenden Vorschriften wurden VON WEM ALLES missachtet. Wo sind Gelder geflossen. Alle, die in irgendeinerweise an diesem Vorfall beteiligt waren sollen belangt werden und vorgeführt werden, damit die Menschen sehen, dass auf Taten Konsequenzen folgen. Nicht nur der Kapitän darf als Sündenbock geschächtet werden.
zivilrechtlich: wer beziffert den Schaden an der Umwelt? hier müsste es hohe Zahlungen geben, um Schäden so gut als Möglich zu beseitigen, zu verhindern, etcetc. Vielleicht gibt es ja mal irgendwann eine Art Fonds, der dann von solchen Reparationsleistungen wirklich der Umwelt zugute kommt. Nicht nur im direkten Zusammenhang mit dem Schaden, sondern auch durch zusätzliches "Schmerzensgeld" auch direkt Forschung unterstützen kann. Ich weiss, Utopie und Wunschdenken, denn wo viel Geld, da viel Korruption... leider. Und kommt mir nicht mit irgendwelchen existenten Orgas, das könnte keine stemmen. Zumal ja dann andere Orgas indirekt eingestampft würden...

Nunja, irgendwie will ich die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass man aus solchen Vorfällen irgendwann etwas lernt... Aber bis dahin, gute Nacht allerseits

Christian
Wer sich alleine langweilt, ist auch zu mehreren nicht besonders unterhaltsam

Benutzeravatar
Robert
Newbie
Newbie
Beiträge: 10
Registriert: 09 Jan 2013 12:00

Re: Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedro

Beitrag von Robert » 11 Jan 2013 15:50

Das Schiffswrack liegt immer noch auf den Felsen, richtig?
Man hat schon lange nichts mehr davon gehört, wie ist denn der aktuelle Stand? Tut sich da noch was?
Danke und Gruß!

Benutzeravatar
Dr. Robert Hofrichter
Geschäftsführer
Geschäftsführer
Beiträge: 5606
Registriert: 08 Sep 2006 13:44
Kontaktdaten:

Re: Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedro

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 11 Jan 2013 16:09

Robert hat geschrieben:Man hat schon lange nichts mehr davon gehört, wie ist denn der aktuelle Stand? Tut sich da noch was?
Zum Jahrestag tut sich viel, im Internet findet man zahlreiche Berichte...

http://diepresse.com/home/panorama/welt ... t/index.do
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

Benutzeravatar
Helmut Wipplinger
Profi
Profi
Beiträge: 1410
Registriert: 23 Okt 2006 20:41
Wohnort: Wien

Re: Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedro

Beitrag von Helmut Wipplinger » 14 Jan 2013 08:14

www.mare-mundi.org

Benutzeravatar
Robert
Newbie
Newbie
Beiträge: 10
Registriert: 09 Jan 2013 12:00

Re: Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedro

Beitrag von Robert » 15 Jan 2013 11:01

Ah, danke! Ich zitiere mal aus der ersten Quelle:
Mit einer Bergung ist nicht vor September zu rechnen. Die Einwohner von Giglio bangen um die Sommersaison. "Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Urlauber um 30 Prozent zurückgegangen, obwohl das Meer sehr sauber ist. Kein Meeresabschnitt wird so aufmerksam kontrolliert wie dieser", erklärte Bürgermeister Ortelli.

Die Bergungsarbeiten, die im Sommer begonnen hatten, kommen nur schleppend voran und gestalten sich schwieriger als erwartet. Geplant ist, das Schiff aufzurichten und wegzuschleppen, um es dann zu zerlegen. Es ist die größte Bergungsaktion, die in der Schifffahrt jemals versucht wurde. Sie wird Hunderte Millionen Euro kosten
War nicht vor einem Jahr die Rede davon, dass Schiff innerhalb von wenigen Tagen oder Wochen unbedingt bergen zu wollen? Lag es nicht nah am Abgrund und drohte abzurutschen und in die Tiefe zu sinken? Finde es dann schon sehr merkwürdig, dass ein Jahr später noch immer nichts getan wurde. :?:
Und ob das dieses Jahr etwas wird, möchte ich auch bezweifeln. Jaja, und die moderne westliche Welt rühmt sich immer mit ihrem Umweltschutz, dem Fortschritt und der Technik und schafft es dann nicht, vor der eigenen Haustür zu kehren.
Danke und Gruß!

Antworten

Zurück zu „Das Europäische Mittelmeer- Meereskunde, Biologie, Umwelt und Umweltzerstörung“