Giglio-Nostalgie: 25 Jahre IfMB

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Giglio-Nostalgie: 25 Jahre IfMB

Beitrag von mare-mundi Redaktion » 10 Okt 2013 16:49

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Giglio-Nostalgie: 25 Jahre IfMB ( Institut für Marine Biologie)

Dr. rer. nat. Claus Valentin vom Institut für Marine Biologie berichtet.

Wie lange macht Ihr das eigentlich schon hier?", ist eine oft gestellte Frage in Italien oder in Dänemark ,und in diesem Jahr 2013 kann ich durchaus mit Stolz antworten: "Seit 25 Jahren!" Anläßlich unseres Jubiläums bat mich kürzlich der Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin in Deutschland (VBiO) in seiner Schriftreihe "freiberufliche Biologen" um einen kurzen historisch orientierten Beitrag meines Werdeganges als freiberuflicher Meeresbiologe. Vielleicht sind ja auch Sie an der Entwicklungsgeschichte von mir und unserer meeresbiologischen Einrichtung interessiert. Viel Spaß bei der Lektüre wünscht Claus Valentin. Vom Uni-Assistenten zum Leiter einer eigenen Lehreinrichtung: Meeresbiologe in der Selbstständigkeit (1) Dem leidenschaftlichen Unterwasserforscher Claus Valentin (Jahrgang 1945) bereitete die universitäre Lehrtätigkeit viel Freude. Gleichzeitig wollte er optimale Anlaufstellen für meeresbiologische Exkursionen schaffen. 25 Jahre IfMB Flensburg! Eine besondere Leidenschaft Aufgewachsen an der Flensburger Förde hat dieses Gewässer mich und meinen späteren beruflichen Werdegang maßgeblich beeinflusst. Immer wollte ich wissen, wie es dort wohl unter Wasser aussehen möge, und so erkundete ich bereits als Kind mit Tauchmaske und Schnorchel und als Jugendlicher schon mit einem kleinen abenteuerlichen Tauchgerät ausgestattet mein Heimatgewässer . Insbesondere die Meeresfauna mit ihren selbst in der Ostsee phantastischen Formen und Farben hatte mich von nun an nachhaltig beeindruckt und meinen Berufswunsch und Ausbildungsweg zum Meeresbiologen an der Universität Kiel wesentlich geprägt. Meine Leidenschaft für die Unterwasserwelt wurde während des Studiums durch die fast jährliche Teilnahme an meeresbiologischen Exkursionen an die schwedische Westküste, nach Norwegen und an das Mittelmeer gefördert. Zudem verstärkte sich mein Interesse durch das wissenschaftliche Arbeiten als einer der ersten in Deutschland ausgebildeten Forschungstaucher in deutschen und amerikanischen Unterwasserlaboratorien. Auf diese Weise durfte ich z.B. auch die Einmaligkeit tropischer Korallenriffe erleben! Meine Diplom- und Doktorarbeit über die Ökologie einer marinen Crustaceen-Gruppe fertigte ich an der Außenstelle der Zoologischen Station Neapel auf der Insel Ischia an. Nach Abschluss meiner Promotion in den Fächern Zoologie, biologische Meereskunde, Fischereibiologie und Botanik im Jahre 1978 übernahm ich letztendlich eine Stelle als Hochschulassistent am Zoologischen Institut der Universität Kiel in der Abteilung Marine Ökologie und Systematik”. Keine vergleichbare Einrichtung in Europa Im Rahmen dieser Tätigkeit führten mich zahlreiche Studentenexkursionen und Forschungsstipendien in verschiedene Meeresgebiete. Eine besondere Leidenschaft entwickelte ich dabei für die Unterwasserfotografie. Zahlreiche Bildbeiträge in unterschiedlichsten Zeitschriften (u.a. in GEO“) und in Unterrichtsmaterialien (z.B. in Unterricht Biologie“) waren die Folge. So entstand auch mein Jugendwerk“ Faszinierende Unterwasserwelt des Mittelmeeres - Einblicke in die Meeresbiologie küstennaher Lebensräume” im damaligen Verlag Paul Parey. Die Lehrtätigkeit vor Studenten und die Arbeit mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs” in unserer Arbeitsgruppe an der Universität Kiel hat mir in diesen Jahren besonders viel Freude gemacht, so dass ich mich noch während meiner universitären Tätigkeit dazu entschloss, meeresbiologische Lehre in Verbindung mit Tauchaktivitäten als Schwerpunkt einer freiberuflichen Weiterentwicklung zu planen. So gründete ich 1988 das Institut für Marine Biologie Flensburg, meine eigene private Forschungs- und Lehreinrichtung, heute mit meeresbiologischen Feldstationen in Brunsnaes auf der dänischen Seite der Flensburger Förde – also an meinem Heimatgewässer – und auf der kleinen Toskana-Insel Giglio im westlichen Mittelmeer. Meine Liebe zu Italien war ja in den 70iger Jahren unauslöschlich während meiner Diplom- und Doktorandenzeit auf der Insel Ischia im Golf von Neapel entbrannt! Dieser Schritt in die Eigenständigkeit stellte natürlich ein großes Wagnis in jeglicher Hinsicht dar. Da es in ganz Europa keine vergleichbare private Einrichtung gab, konnte ich auch keinen anderweitig vorhandenen Erfahrungsschatz nutzen. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht absehen, welche Schwierigkeiten, Barrieren und bürokratische Hindernisse noch auf mich zukommen sollten. Sicherlich hätte dieses Wissen meine Begeisterung in jener Zeit deutlich geschmälert! Optimale Arbeitsbedingungen auf einer einsamen Insel Gemeinsam mit einem kleinen Team Kieler Meeresbiologen organisierte ich im Sommer 1988 unsere ersten privaten Exkursionen für Universitätsstudenten aus dem gesamten Bundesgebiet an die Ostsee und ans Mittelmeer. Ziel dieser Veranstaltungen sollte sein, auch interessierten Biologiestudenten von Universitäten ohne marine Schwerpunkte das weite Feld der Meeresbiologie in Theorie und Praxis näher zu bringen. Zudem konnten wir nicht tauchenden Studenten alsbald anbieten, bei uns das Tauchen zu erlernen. Diese Kombination von wissenschaftlicher Kurs- und Labortätigkeit und Unterwasserfreilandarbeit mit einem Tauchgerät hat unserer Einrichtung zu einem unerwarteten Erfolg verholfen. Diese Idee war völlig neu, und folglich wurde in Zeitschriften und im Fernsehen über uns berichtet, was unseren Gästezulauf weiter steigerte. Noch galt es, eine weitere Idee umzusetzen, die seit vielen Jahren in mir schlummerte. Als langjähriger Universitäts-Assistent und Leiter von meeresbiologischen Exkursionen an das Mittelmeer wusste ich natürlich von dem seinerzeit z.T. desolaten Zustand klassischer Exkursionsziele mit verschmutzten Meeresgebieten vor der Haustür und schlechten Arbeitsmöglichkeiten. Ungenügende oder gänzlich fehlende Kursraumausstattungen, geringer Service und vergleichsweise hohe Kosten stellten mich - und auch zahlreiche andere Exkursionsleiter - seit langem nicht mehr zufrieden. Ich wollte in vielerlei Hinsicht bessere Möglichkeiten schaffen und träumte von optimalen Arbeitsbedingungen auf einer einsamen Insel. So bereiste ich kleine italienische Eilande im westlichen Mittelmeer und fand letztendlich mit der zumindest für Deutsche fast unbekannten toskanischen Insel Giglio mein kleines Paradies! Dort wurde ich sessil“ und schuf durch Anmietung und Umbau von Räumlichkeiten eine grundausgestattete und arbeitsfähige Feldstation u.a. mit mehreren Kursräumen, wobei ich mich diesbezüglich am mir bekannten Universitätsstandard orientierte. Gleiches erfolgte an der Ostsee auf der dänischen Seite der Flensburger Förde. Geschafft war ein neuer Abschnitt meiner freiberuflichen Karriere“, und ich konnte endlich meine neu geschaffene Einrichtung Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen zur Durchführung eigener meeresbiologischer Lehrveranstaltungen anbieten! Besonders freute meine Mitarbeiter und mich der alsbald enorme Zuspruch von Schulgruppen, meist Biologie-Leistungskurse gymnasialer Oberstufen, die unsere eigenen Kursangebote im Rahmen von Studienfahrten nutzten und so erste Einblicke in die Meeresbiologie gewinnen konnten. Der Einsatz hat sich gelohnt Bis heute ließen sich vier Kursräume realisieren, zwei für 16, zwei für 30 Personen und alle ausgestattet mit optischem Gerät für jeden Kursteilnehmer. Beamer, Dia- und Overhead- Projektoren, Videoeinrichtungen (mit Kameras für Mikro- und Makroaufnahmen) und vielbändige Literatursammlungen direkt in den Kursräumen ermöglichen mittlerweile ein ideales Arbeiten. Räume für Gastforscher, ein temperierbarer Aquarienraum, zwei Tauchzentren mit modernem Equipment, diverse Boote und zwei kleine Forschungskutter runden das Angebot sinnvoll ab. In Dänemark konnte ich zudem zwei eigene Gästehäuser erwerben, alle in Meeresnähe und nur wenige Meter vom Strand entfernt gelegen. Der Aufbau beider Feldstationen hat meine Mitarbeiter der ersten Stunde und mich viele Anstrengungen, Entbehrungen, auch Enttäuschungen und Rückschläge gekostet. Doch der Einsatz hat sich gelohnt: 1500 Schüler und Studenten aus Deutschland und dem europäischen Ausland und fast 1000 italienische Schulkinder allein an unserer italienischen Feldstation in diesem Jahr 2013 sprechen eine deutliche Sprache und zeigen das Interesse an unserer Arbeit und unserer“ Insel. Diese überaus positive Resonanz unserer Gäste lässt mich viele Mühen vergessen, und rückblickend kann ich folglich nur froh und dankbar sein, dass der Sprung ins kalte Wasser”, der Schritt vom Uni-Leben mit unsicheren Zukunftschancen in die Selbständigkeit so glücklich verlaufen ist. Ich kann so arbeiten, wie sich viele Laien den Berufsalltag eines Meeresbiologen vorstellen. Dies ist bei der Vielzahl meiner Kollegen nicht immer der Fall, und bei der nach wie vor trostlosen Arbeitsmarktsituation für Meeresbiologen bin ich nur froh, meine Nische gefunden zu haben. Die Meeresbiologie ist zumindest für mich eine der faszinierendsten naturwissenschaftlichen Disziplinen. Jeder Interessierte sollte sich jedoch gewissenhaft überlegen und fragen, ob er diese Fachrichtung angesichts nur beschränkter Arbeitsmöglichkeiten auch zu seinem Beruf erwählen möchte. Dr. rer. nat. Claus Valentin Institut für Marine Biologie Flensburg

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Impressum:
Institut für Marine Biologie,
Dr. Claus Valentin,
http://www.ifmb.com

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