507 Jahre alt:Wie Ming, die Muschel, für die Forschung starb

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507 Jahre alt:Wie Ming, die Muschel, für die Forschung starb

Beitrag von mare-mundi Redaktion » 27 Nov 2013 18:01

507 Jahre alt: Wie Ming, die Muschel, für die Forschung starb

Das älteste jemals entdeckte Tier ist noch älter als gedacht: Die Muschel namens Ming hat nicht 405, sondern 507 Jahre lang gelebt. Sie wäre sogar noch älter geworden. Doch dann kamen Wissenschaftler - und steckten sie in die Kühltruhe.

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Bangor University

Als Ming im Jahr 1499 auf die Welt kam, hatte Kolumbus eben erst Amerika für die spanische Krone entdeckt. Der Buchdruck revolutionierte Europa, wo man übrigens überzeugt war, dass die Sonne um die Erde kreist. Martin Luther war 16 Jahre alt. Als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, war Ming schon 119. Im Jahr ihres 300. Geburtstags ergriff Napoleon die Macht in Frankreich. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, hatte die Muschel schon mehr als 400 Jahre auf der Schale. Als sie 500 wurde, war der 11. September nur irgendein Datum und Osama Bin Laden nur irgendein Name.

2006 aber war es vorbei mit der Muschel. Britische Wissenschaftler klaubten sie vom Meeresboden vor Island auf, da lebte sie noch. Dann brachten sie sie ins Labor und steckten sie ins Eisfach. Als sie die Muschel später an der Bangor University in Wales untersuchten, wurde ihnen klar, was sie getan hatten. Sie zählten die Jahresringe auf der Schale - und kamen zunächst auf 405. Sie gaben der Muschel daraufhin den Namen Ming - nach der Dynastie, die China 1601 regiert hatte.
Für Ming aber kam da schon jede Hilfe zu spät, die tragische Sensation war perfekt: Wissenschaftler hatten die Muschel gefroren, die später im Guinness-Buch der Rekorde landen sollte - nicht bloß als ältester Mollusk, sondern als das betagteste, nicht in Kolonien lebende Tier, das jemals entdeckt wurde.

Jetzt aber stellt sich heraus: Ming ist noch älter. Eine neue Auswertung der Jahresringe hat ergeben, dass die Muschel 507 Jahre alt ist - volle 102 Jahre älter als zuvor angenommen.

"Erste Ergebnisse ein wenig hastig veröffentlicht"

In kleinen Fachzirkeln wurde die Neuigkeit bereits im März bekannt: Ein Team um Paul Butler von der Bangor University veröffentlichte einen Beitrag im eher obskuren Fachblatt "Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology", in dem es eigentlich um das Meeresklima am Nordisland-Schelf geht. Das kann man unter anderem mit Muschelschalen rekonstruieren, die prima Klimaarchive sind. Ganz nebenbei erwähnten die Forscher auch Ming - das "mit 507 Jahren langlebigste nichtkoloniale Tier, das der Wissenschaft bekannt ist". Erst jetzt machte die Website "ScienceNordic" die Studie publik, zahlreiche britische und amerikanische Medien verbreiteten daraufhin das neue Kapitel in der traurigen Geschichte von Ming.

Die Forscher zeigen sich nun ein wenig zerknirscht. "Beim ersten Mal haben wir uns geirrt, weil wir unsere Ergebnisse vielleicht ein wenig hastig veröffentlicht haben", sagte Butler zu "ScienceNordic". "Aber wir sind uns absolut sicher, dass wir mit dem Alter diesmal richtig liegen."

Den Fehler erklären die Wissenschaftler folgendermaßen: Beim ersten Versuch habe man die Jahresringe an den Bändern gezählt, die die beiden Hälften von Mings Gehäuse zusammenhielten. "Außen ist die Schale gebogen, was es erschwert, den richtigen Winkel für die Zählung zu finden", sagte Butler. An den Bändern des Scharniers sei das einfacher, und außerdem seien die Wachstumsringe dort besser geschützt.

Zu viele Ringe auf zu kleinem Raum

Bei Ming aber war das Problem ein anderes: Die Muschel war so alt, dass die Ringe extrem komprimiert waren. 507 Stück drängten sich auf wenigen Millimetern. Für die neue Studie haben die Forscher dann doch außen auf der Schale nachgezählt, die krumm sein mag, dafür aber deutlich mehr Platz bietet. Um ganz sicherzugehen, dass es diesmal richtig gezählt hat, begutachtete das Team andere alte Exemplare der Art Arctica islandica. Denn wechselnde Umweltbedingungen hinterlassen ähnliche Muster auf den Schalen aller Muscheln aus derselben Gegend. So lässt sich durch einen Vergleich prüfen, ob man eine einzelne Muschel richtig datiert hat.

"Das Alter wurde mit einer Reihe von Methoden bestätigt, darunter geochemische Methoden wie die Kohlenstoff-14-Datierung", sagte der niederländische Meeresbiologe Rob Witbaard, der Arctica islandica seit Jahrzehnten studiert. Er sei sehr zuversichtlich, dass Mings Alter nun richtig berechnet wurde. "Sollte es einen Fehler geben, kann es sich nur um ein oder zwei Jahre handeln."

Die gute Nachricht für Muschelfreunde: Ming ist vielleicht vor ihrer Zeit, dafür aber nicht umsonst gestorben. Ihre Schale verspricht einzigartige Einblicke in das Klima der vergangenen Jahrhunderte. Anhand der Verhältnisse zwischen den verschiedenen Sauerstoff-Isotopen in der Schale lassen sich etwa die Meerestemperaturen rekonstruieren.
Für Klimaforscher sind die Muscheln deshalb besonders wertvoll, denn die Ozeane spielen eine zentrale Rolle im globalen Wärmehaushalt. Um das Klima der Zukunft zu berechnen, sind deshalb historische Daten über die Meere wichtig - doch sie sind spärlich. "Arctica islandia kann uns helfen, diese Lücke zu füllen", sagte Witbaard.

Und: Ming darf ihren Namen behalten. Denn die gleichnamige Dynastie, die China im Jahr 1601 regierte, war auch schon 1499 an der Macht.

Update vom 15. November 2013: Ming lebt weiter! Zumindest digital - sie hat jetzt ihren eigenen Wikipedia-Eintrag.

Von Markus Becker

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