mare-mundi erklärt, warum Artenkenntnis die Grundlage für jeden Naturschutz ist

Artenkenntnis ist das Große Einmaleins der Biologie

Artenkenntnis: Das Große Einmaleins der Biologie, schreibt Robert Hofrichter im Artikel Ob Blumenwiese, Bach oder Korallenriff – ohne Artenkenntnis geht nichts, erschienen im Heft 2/2016 von Natur&Land, im Magazin des Naturschutzbundes Österreich. Das Schwerpunktthema Artenkenntnis – eine verlorene Kompetenz? soll aufrütteln, denn die Artenkenntnis schwindet zusehends, weil Lehr- und Studienpläne sie kaum mehr vorsehen und Exkursionen zum Erfahrungen sammeln kaum mehr angeboten werden. Irgendetwas stimmt da nicht mit den Lehrkonzepten der Ministerien, meint mare-mundi gemeinsam mit dem Naturschutzbund Österreich.

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Eine Art, die man leicht erkennen und bestimmen kann: Langschnäuziges Seepferdchen (Hippocampus guttulatus) Cuvier, 1829. Doch leben im Mittelmeer mehr als 800 Fischarten. Die meisten Schüler und Studenten sind am Anfang mit der Bestimmung völlig überfordert.

 

Denn die Artenkenntnis ist das Große Einmaleins der Biologie. Bevor man ein ganzes Gebäude studieren kann, muss man zuerst die einzelnen Bausteine kennen, möchte man meinen. Und doch wird dieser Tatsache immer weniger Aufmerksamkeit gewidmet.

Die Pferdeaktinie (Actinia aequina) gehört zu den typischen Bewohnern des Felslitorals. Die Schüler lernen während der Exkursion, dass sie ziemlich genau die Mittelwasserlinie anzeigt, und man erkennt durch sie sofort, ob gerade Flut oder Ebbe ist.

Eine der trivialen Übungen beim Erlernen der mediterranen Artenvielfalt: Die Pferdeaktinie (Actinia aequina) gehört zu den typischen Bewohnern des Felslitorals. Die Schüler lernen während der Exkursion, dass sie ziemlich genau die Mittelwasserlinie anzeigt, und man erkennt durch sie sofort, ob gerade Flut oder Ebbe ist.

Robert Hofrichter über das Vermitteln von Artenkenntnis bei mare-mundi

Wir zitieren aus dem genannten Artikel: Gleichzeitig wurden die Aktivitäten der von mir gegründeten Meereschutzorganisation mare-mundi am Mittelmeer immer intensiver: Forschung, Bildung und Meeresschutz ist die Devise. Zwischen Mai und Oktober zeigen meine Assistenten und ich Schülern und Studierenden aus dem In- und Ausland mitsamt ihren Lehrern das Felslitoral der Adria. Dabei erfahren diese, wie z. B. der Meerfenchel (Crithmum maritimum) mit dem vielen Salz der Gischt fertig wird oder wie man die allgegenwärtigen Steinseeigel (Paracentrotus lividus) von den Schwarzen Seeigeln (Arbacia lixula) unterscheidet.

Für erfahrene Taucher und Schnorchler erscheint es leicht die häufigen Fischarten der Adria zu erkennen. Im Bild ein Schriftbarsch (Serranus scriba). Doch für viele Schüler ist praktisch jede der gesichteten Fischart neu und unbekannt. Eine Herausforderung für die Kursleiter: Wie kann man sich all die Arten und Familien nur merken?

Für erfahrene Taucher und Schnorchler erscheint es leicht die häufigen Fischarten der Adria zu erkennen. Im Bild ein Schriftbarsch (Serranus scriba). Doch für viele Schüler ist praktisch jede der gesichteten Fischart neu und unbekannt. Eine Herausforderung für die Kursleiter: Wie kann man sich all die Arten und Familien nur merken?

Sehr häufig fliegen Mittelmeermöwen (Larus michahellis) vorbei, gelbbeinige Großmöwen, die lange Zeit als Unterart der Silbermöwe angesehen wurden, später dann als eine Subspezies der „Weißkopfmöwe“. Am Ende stellte sich heraus, dass es die „Weißkopfmöwe“ gar nicht gibt; wie die Biowissenschaftler sagen, handelte es sich um ein paraphyletisches Taxon, und man teilte sie in die Mittelmeer- und Steppenmöwe auf. Den Schülern mag es wie sinnlose Haarspalterei vorkommen, doch wir sind mit meinen Mitarbeitern stolz, dass wir uns in diesem Wirrwarr der Arten auskennen. Da Großmöwen in der Regel erst im vierten Jahr ihr definitives Kleid bekommen (manche sogar später), könnte man als ornithologischer Laie irrtümlich annehmen, in der Kvarner Bucht fliegen verschiedenste Möwenarten herum. Ansonsten begegnen uns Krähenscharben (Phalacrocorax aristotelis), die jeder „normale Besucher“ unserer Feldstation für einen Kormoran (Phalacrocorax carbo) hält. Beide sind sehr nahe verwandt, zählen zu einer Gattung – dennoch sind es zwei unterschiedliche Arten. Ihre Trivialnamen sind verwirrend: „Scharben“ wären eigentlich jene Spezies, die einen Federschopf tragen, „Kormorane“ all die anderen. Irgendwie ist es uns bewusst: Nicht jeder Mensch auf dieser Erde kann sich mit derartig überflüssig erscheinenden nomenklatorischen Fragen befassen. Dazu muss man wohl berufen sein.

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Eine der häufigen Fische der Nordadria: Die Brandbrasse, Oblada melnaura. Typische Freiwassertracht einer Meerbrasse, ein schwarzer Fleck am Schwanzstiel, weiß umrandet …

 

Aus diesem Grund hält mare-mundi meeresbiologische Projektwochen für wichtig: Schleichend schwindet die Artenkenntnis …

Bei unseren Exkursionen, Vorträgen und beim Unterricht kommt das Team von mare-mundi mit vielen Schülern, aber auch Studierenden verschiedenster Universitäten zusammen, mit einer internationalen „science community“. Dabei beobachten wir die schleichende Veränderung, die sich von Jahr zu Jahr stärker bemerkbar macht. Da kommt z. B. eine Studentin im dritten Jahr von einer der renommiertesten deutschen Universitäten für Meeresbiologie an eine unserer Feldstationen am Mittelmeer. Nein, über Schwämme (Porifera) habe sie noch nicht besonders viel gelernt. Wir staunen: Meeresbiologie ohne Schwämme? Nach sechs Semestern? Immerhin besiedeln an die 8.000 Arten (die genaue Zahl kennt niemand) mit wenigen Ausnahmen ausschließlich die Meere der Welt. Meeresbiologie ist also automatisch auch Schwammkunde. Wenn man den am einfachsten gebauten, dafür aber ökologisch entscheidenden Tierstamm nicht kennt, ist es unwahrscheinlich, einzelne im Mittelmeer elementare Spezies wie den Nierenschwamm (Chondrosia reniformis) oder Feigenschwam (Petrosia ficiformis) unterscheiden zu können. Dann entgeht einem automatisch, dass die Hinterkiemenschnecke Peltodoris atromaculata fast immer auf dem Feigenschwamm zu finden ist.

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Auch die Vielfalt der Mikrowelt und ihre Bedeutung für das globale Funktionieren des Planeten werden an den mare-mundi Stationen vermittelt. Der Blick durch ein Mikroskop eröffnet den Besuchern der Schule am Meer unbekannte Einblicke, im Bild die Naupliuslarve eines Krebstieres (Crustacea) aus dem Zooplankton der Nordadria. Ohne die Kleinen könnten auch die Großen nicht existieren. 

 

Regelmäßig besuchen uns Gruppen von Schülern. Mal gelangweilt, mal durchaus interessiert, lauschen sie dem mediterranen Unterricht. Sehr viel hängt von den Biologielehrerinnen und -lehrern ab: Die systematische Abhandlung der Tierstämme steht nämlich nicht auf dem Lehrplan. Viele Schüler in der gymnasialen Oberstufe wissen gar nicht, dass es einen Tierstamm namens Echinodermata (Stachelhäuter) gibt. Da dauert es dann schon eine Weile, den Unterschied zwischen Steinseeigeln und Schwarzen Seeigeln zu erklären, wenn wir erst beim Tierstamm und seinen Besonderheiten beginnen müssen. Das ist aber zum Glück nicht bei allen Schulen so: Ambitionierte Lehrer und Lehrerinnen der „alten Garde“ bringen oft dem Nachwuchs außerschulplanmäßig die Tierstämme bei und so gut vorbereitet, kommen wir mit dem konstruktiven Unterricht „über Arten“ rasch voran.

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So hoch wie im tropischen Korallenriff (hier in Raja Ampat, West Papua) ist die Biodiversität des Mittelmeeres lange nicht. Und dennoch ist es für die meisten Menschen eine große Herausforderung sich mit Familien, Gattungen und Arten anzufreunden und erste Einblicke in die biologische Systematik zu bekommen.

 

Ob Blumenwiese, Bach oder Korallenriff – ohne Artenkenntnis geht nichts. Biowissenschaft ohne Artenkenntnis ist ein Ding der Unmöglichkeit.

mare-mundi setzt sich in seinem Bildungsprogramm für mehr Artenkenntnis über und unter Wasser ein. Besuchen Sie uns mit Ihrer Schule und Universität und profitieren Sie von unserer Erfahrung!

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  1. […] all die anderen Tierstämme sind (von Artenkenntnis wollen wir gar nicht erst sprechen, siehe dazu mare-mundi erklärt, warum Artenkenntnis die Grundlage für jeden Naturschutz ist: Artenkenntnis ist…). Private bzw. gemeinnützige Bildungseinrichtungen wie die Station von MareMundi auf Krk springen […]

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