MareMundi klärt auf: die ökologische Bedeutung der Seegraswiesen

Vor zwei Tagen haben wir über den Start eines Projekts bei MareMundi Station Krk berichtet. Dass der Bestand an Seegraswiesen im Mittelmeer zurückgeht, steht leider außer Zweifel. Besonders betroffen ist das endemische Neptungras Posidonia oceanica, so etwas wie die Lunge des Mittelmeeres und ökologisch von größter Bedeutung. Manche Medien behaupten sogar, dass das im Mittelmeer vorkommende Seegras maximal noch 50 Jahre existieren wird. Grund genug der Öffentlichkeit zu erklären, warum der Schutz der Seegraswiesen von entscheidender Bedeutung ist. Ohne einen verstärkten Schutz von Posidonia-Wiesen kann dem Mittelmeer nicht geholfen werden.

4.1.1

Eine Posidonia-Wiese im Mittelmeer: Durch verstärkte Einleitung ungeklärter Abwässer ist sie innerhalb von einigen Wochen zugrunde gegangen und hat sich in eine stinkende Kloake voller Bakterien und Schmieralgen verwandelt – ein kleinräumiges ökologisches Desaster in der Dimension einer größeren Bucht …

 

Ist die Situation tatsächlich so dramatisch? Die Meeresschutzorganistion mare-mundi erklärt, warum der Schutz der Seegraswiesen von entscheidender Bedeutung ist.

  • Festigung und Stabilisierung von Sedimentsubstraten: Den Seegräsern kommt eine entscheidende Funktion bei der Festigung der Sedimentböden (Sand, Schlick, Kies) und damit der Küstenlinie zu – ähnlich wie den Dünenpflanzen im terrestrischen Bereich, die oft in wenigen Metern Entfernung von Seegräsern an Sandküsten wachsen. Besonders ausgedehnte Posidonia-Wiesen konnten sich auf breiten, seichten Schelfen etablieren. An geschützten, wenig exponierten Stellen und in Buchten kann Posidonia dicht unter der Wasseroberfläche wachsen und richtige „Riffe“ bilden.
  • Sedimentfalle: Je nach Strömungsverhältnissen werden Feinsedimente mit wichtigen Nährstoffen, die sonst durch die Strömung fortgetragen würden, in der Seegraswiese festgehalten. Die Wasserbewegung wird durch die dichten Blattbestände gebremst, im unteren Bereich entstehen Stillwasserbereiche. Der Import und Export von Stoffen spielt in marinen Lebensräumen grundsätzlich eine wichtige Rolle. Die einzelnen Teil­bereiche sind dadurch ökologisch miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Die festgehaltenen Sedimente dienen den Seegräsern selbst, aber auch einer eigenen artenreichen Biozönose als Lebensgrundlage. Den auf den Seegräsern siedelnden Filtrierern wie Schwämmen, Hydrozoen, Moostierchen und Polychaeten steht ein reichliches Nahrungsangebot zur Verfügung, das auch von Substratfressern im Rhizombereich genutzt wird (z. B. Holothurien).

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… und so sieht eine intakte Posidonia-Wiese eine Bucht weiter aus. Wenn wir als Urlauber und Konsumenten wählen könnten: In welcher Bucht würden lieber unseren Mittelmeer-Urlaub verbringen?

 

  • Enorme Vergrößerung der Siedlungsfläche für sessile und hemisessile Organismen: Auf einem Quadratmeter Sedimentboden können unter idealen Bedingungen bis zu 1000 Posidonia-Blätter wachsen, sie erreichen 60–80 cm, maximal bis 100 cm Länge. Der Blattflächenindex (LAI, leaf area index: Quadratmeter Blattfläche pro Quadratmeter Bodengrund) kann Werte über 20 erreichen. Das bedeutet, dass auf einem Quadratmeter Grund 20 Quadratmeter Siedlungsfläche für andere Organismen entstehen. Epibiontische Organismen müssen den eigenen Lebensrhythmus dem Wachstumsrhythmus der Seegräser und der begrenzten Lebensdauer der Blätter anpassen.
  • Erhöhung der Raumstruktur – die Seegraswiese als Lebensraum: Nicht nur die enorme Vergrößerung der Siedlungsfläche ist von Bedeutung, sondern vor allem auch der durch die Seegräser geprägte dreidimensionale Raum als eigener Lebensraum mit völlig anderen ökologischen Bedin­gungen, als sie der Boden ohne Seegras hätte. Diese Bedeutung wird klar, wenn man die Seegraswiese mit dem sonst eher eintönigen, kaum strukturierten Sedimentboden vergleicht, auf dem sie gedeiht. Die geringe Raumstruktur hat hier im Bereich der Epifauna, zum Teil aber auch der Endofauna eine eher niedrige Artendiversität zur Folge (der Sandlückenraum hingegen eine besonders hohe Diversität spezialisierter Arten). Durch das Seegras verändern sich wie bereits betont die Strömungsverhältnisse, durch das dichte Gewirr der Blätter und den Aufwuchs entsteht ein reich strukturierter Lebensraum, der zahlreichen Kleinorganismen und Juvenilstadien von Evertebraten und Fischen – auch wirtschaftlich wichtigen Arten – Schutz, Versteckmöglichkeit vor Prädatoren, Laichplätze und Nah­rung bietet. Obwohl sich relativ wenige Organismen direkt von Seegräsern ernähren, nutzen sehr viele ihre Primärproduktion indirekt.

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  • Schaffung von Biomasse, Primärproduktion: Das Mittelmeer ist relativ nährstoffarm, die Produktion durch das Phytoplankton eher gering. Seegräser spielen daher eine wichtige Rolle für die küstennahe neritische Provinz des Meeres. Dichte Seegraswiesen gehören zu den produktivsten marinen Lebensräumen. Sie bilden mehrere Kilogramm Biomasse (Trockengewicht) pro Quadratmeter und sind damit Primärproduzenten von entscheidender Bedeutung. Die Produktivität schwankt jedoch im Jahresverlauf. Die jährliche Netto-Kohlenstofffixierung kann 3000 Gramm Kohlenstoff pro Quadratmeter und Jahr betragen; bis zu einem Viertel der Produktion geht jedoch auf epiphytische Algen zurück, die auf Posidonia wachsen. Ein großer Teil der durch Posidonia produzierten Biomasse bleibt dem Meer in zersetzter, remineralisierter Form für weitere Primärproduktion zur Verfügung. Abgestorbene und abgerissene Blätter sammeln sich in Vertiefungen und wenig beströmten, geschützten Bereichen auf dem Meeresgrund oder werden von der Wasserbewegung an Strände geworfen, wo sie charakteristische Spülsäume oder dicke Strandwälle (Aufwurf) bilden.
  • Sauerstoffproduktion: Ein Quadratmeter dichter Posidonia-Wiese (bis über 20 Quadratmeter assimilierender Blattfläche) kann bei ausreichendem Licht bis zu 14 l Sauerstoff täglich produzieren.

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Text und Fotos: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu

 

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  1. […] in den vorangegangenen Berichten (Die ökologische Bedeutung der Seegraswiesen und Bedrohte Posidonia-Wiesen im Mittelmeer) zu lesen, handelt es sich bei Seegraswiesen, speziell […]

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