MareMundi informiert: Antike Säulen in Pozzuoli bei Neapel unterrichten Tektonik

Antike Säulen in Pozzuoli bei Neapel geben uns eine Lektion über Tektonik, Schwankungen des Meeresspiegels, Veränderungen an der Küste und Bioersion (über diese haben wir erst vor wenigen Tagen berichtet). Das ist genau jene Art Verbindung zwischen Geschichte und Naturgeschichte, die man mediterranistisch untersuchen und Schülern erklären kann. 2000 Jahre alte Steine beginnen bei meeresbiologischen Projektwochen von MareMundi spannende Geschichten zu erzählen. Bohrmuscheln und Bohrschwämme haben in den Säulen des „Serapis-Tempels“ wie in einem Lehrbuch der Geologie uns Meereskunde ihre Wohnröhren hinterlassen … 

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Die Bucht von Neapel: Ein Traumort, wenn man die Geschichte des Mittelmeeres mit ihren vielen Aspekten begreifen möchte

Die Bucht von Neapel vereint – man möchte fast sagen konkurrenzlos, wenn dieses Attribut nicht für so viele andere Gegenden am Mittelmeer zutreffend wäre – alles Mediterrane in einem ungewöhnlichen Ausmaß und Umfang. Hier zeugt der Vesuv auch heute noch von jener Aktivität tief im Erdinneren, die zur Entstehung des Mittelmeers geführt hat; hier brodelt aus der Erde heißes Thermalwasser hervor, hier liegen die seit der Antike bejubelten und bewunderten Inseln Capri und Ischia, auf denen es sich schon der römische Kaiser Tiberius gutgehen ließ, hier befinden sich einmalige historische Ausgrabungsstätten und Ruinen, wie Pompeji, Herculaneum oder Pozzuoli.

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Fresko aus Stabiae. Abgebildet ist wahrscheinlich der Hafen von Puteoli, heute Pozzuoli. Aus Wikipedia .

Der antike Serapis-Tempel war kein Tempel, sondern eine Markthalle mit Toiletten

In letzterem Ort wurde 1749/50 ein „antiker Tempel“ (wie man damals dachte, in Wirklichkeit war es eine Markthalle) ausgegraben, dessen zwölf Meter hohe Säulen im unteren Drittel von Vulkanasche bedeckt waren. Auch sie sind Gegenstand eines Rätsels – und erst jetzt merken wir: Wieder ist die Biologie und Zoologie im Spiel. Johann Wolfgang von Goethe, Johannes Walther, Charles Lyell, Anton Dohrn, der Wiener Geologe Eduard Suess und andere ehrwürdige Wissenschaftler und Denker haben sich schon über diese Säulen den Kopf zerbrochen – oder vielmehr über die Bohrmuschellöcher, die sich zwischen 3,5 und 6,5 Meter Höhe in ihnen finden.

Die Säulen erlebten buchstäblich etwas, was man über alltägliche Ereignisse und Abläufe zwar häufig sagt, aber doch eher symbolisch meint: „Im Leben geht es immer auf und ab.“ Hier bei Pozzuoli, in einer Region mit Solfataren und Mofetten nordwestlich von Neapel, die man Phlegräische Felder nennt, hat sich der Boden in den letzten Jahrzehnten zwei bis vier Millimeter täglich (!) gehoben. Allein Pozzuoli erlebte in einigen Jahren eine Hebung um bis zu vierzig Zentimeter. So wie es nach oben ging, könnte es auch wieder nach unten gehen, niemand kann es genau voraussagen. In der Geschichte ist es schon mehrmals zu solch einer Senkung und wiederholter Hebung gekommen.

 

Bohrmuscheln und Tektonik liefern die Erklärung

Bohrmuscheln sind unter den Namen Seedatteln, Steindatteln oder Dattelmuscheln im Mediterran zwar nahezu überall vorhanden und seit der Antike eine geschätzte Delikatesse, aber so manchem Besucher oder Bewunderer des Mittelmeers trotzdem unbekannt. Wenn man über sie nicht genau Bescheid weiß, kann man sie auch nicht so einfach finden. Für viele klingt es überhaupt unglaubwürdig, dass Muscheln, die zu den Weichtieren gehören, im Stein bohren könnten. Und doch tun sie es und ihr wissenschaftlicher Name Litophaga litophaga deutet es an: Sie „fressen Stein“ und bohren mit einem ätzenden, schwefelhaltigen Sekret den Kalkstein an. So entstehen tiefe, glattwandige Gänge im Stein, in die die Muschel immer genau hineinpasst, denn ihr Loch vergrößert sich im gleichen Tempo wie das langsame Wachstum der alt werdenden Muschel es vorgibt. Es dauert bis zu zwanzig Jahre, ehe aus der Larve, die sich in einer kleinen Vertiefung angesiedelt hat, eine etwa fünf Zentimeter lange Bohrmuschel wird. Um an die begehrten Tiere heranzukommen, müssen Steine und Felsen zertrümmert werden, ganze Kalksteinriffe und Uferabschnitte sind dem kulinarischen und kommerziellen Interesse an der Steindattel zum Opfer gefallen. Aber nicht nur Menschen haben an den Bohrmuscheln ihre Freude. Für zahlreiche kleine Schleimfische sind sie in der Gezeitenregion die begehrteste Wohnmöglichkeit schlechthin, in menschliche Begriffe übersetzt: „Wer eine solche Wohnung hat, hat es geschafft.“

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In diesem Fall waren Bohrschwämme der Gattung Cliona am Werk. Die Spuren der Bioerosion unterscheiden sich deutlich von jenen der Bohrmuscheln (Steindatteln).

 

Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab

Bohrmuscheln haben in den Säulen des „Serapis-Tempels“ wie in einem Lehrbuch der Geologie ihre Wohnröhren hinterlassen. Das Problem ist die Lage dieser Löcher: Sie befinden sich bis zu sieben Meter hoch über dem heutigen Meeresspiegel. Dass die geringen Gezeiten des Mittelmeers als Erklärung nicht ausreichen, war schon den erwähnten Wissenschaftlern vergangener Jahrhunderte klar. Hinzu kommt, dass die Antwortsuche der Geologen durch wiederholte massive Absenkung des Meeresspiegels in der Erdgeschichte enorm erschwert wird. Noch vor 18.000 Jahren lag er während der letzten Eiszeit um bis zu 145 Meter tiefer als heute. Wann aber der Meeresspiegel absank und wann das Land gehoben oder gesenkt wurde, das müssen Geologen von Fall zu Fall für jede Region herausfinden. Die Gegend um Neapel ist auf alle Fälle ein Paradebeispiel für massive Vertikalbewegungen des Untergrundes; anders wären die Löcher in den Säulen schwer erklärbar. Sie gehören zu den besten mediterranen Zeugen für den nach wie vor äußerst aktiven Vulkanismus der Region. Dieser Name stammt übrigens vom römischen Vulcanus, dem Gott des Feuers, nach dem die noch bis 1888 aktive Isola Vulcano, eine der Liparischen Inseln nördlich von Sizilien, ihren Namen erhielt.

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Ihre Schüler würden bestimmt gern mehr über mediterrane Geheimnisse lernen. Besuchen Sie uns an unseren Feldstationen Krk (Punat), Trogir, Kreta oder Dahab! MareMundi ist ihr kompetenter Partner wenn es um die Planung der nächsten meeresbiologischen Projektwoche ihrer Schule geht!

office@mare-mundi.eu

 

Text und Fotos: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu

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  1. […] Letzte Woche durften wir das BRG der Akademiestraße aus Salzburg bei uns an der Mare Mundi station Krk begrüßen. 17 Schüler und Schülerinnen verbrachten vier intensive Kurstage mit dem Team. Dabei ist auch ein Thema zu Sprache gekommen, das bei MareMundi immer wieder gern erklärt wird, die Frage nach den Löchern im Gestein und dem spannenden Thema der Bioerosion. Erst vor kurzem berichteten wir über ein bemerkenswertes kulturhistorisches Phänomen, der damit zusammenhängt: MareMundi informiert: Antike Säulen in Pozzuoli bei Neapel unterrichten Tektonik . […]

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