MareMundi-Meeresbiologiestunde: Azoische Theorie oder Gibt es Leben in der Tiefsee des Mittelmeeres?

Im Mittelmeer wurde ein entscheidendes ozeanographisches Rätsel gelöst, obwohl dieses Meer durch seine vom Weltmeer abgeschnittene Tiefsee für solche Fragestellungen nicht die besten Voraussetzungen bietet. Es ging um das seinerzeit in Fachkreisen heftig diskutiertes Problem, ob es in der Tiefsee, dem sogenannten Abyssal, Leben geben kann. Diese Frage hat wohl 99,99 Prozent der Menschheit kaum berührt, hatten doch die meisten arbeitenden Menschen des 19. Jahrhunderts ganz andere Sorgen. Für die Ozeanographen und Biologen war es aber eine Schlüsselfrage.

 

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Foto Abyssal: https://www.marum.de/

 

Führende Wissenschaftler, darunter Edward Forbes, postulierten 1842 in Tiefen unterhalb von 300 Faden (etwas mehr als 555 m; 1 Faden beträgt 1,852 m und ist ein Tausendstel einer Seemeile) eine azoische Zone, eine Zone ohne (tierisches) Leben also. Untersuchungen in der Ägäis schienen das zunächst zu bestätigen. Im Reich der ewigen Dunkelheit, in dem das Wasser – wie man damals meinte – absolut bewegungslos dalag, das eine konstante Temperatur von nur 4 °C hatte, in Tiefen, in denen der enorme Druck der ganzen Wassersäule lastet (dieser erhöht sich alle zehn Meter um ein Bar oder – wie man die Einheit früher nannte – Atmosphäre), schien die Existenz jeglichen Lebens unmöglich zu sein.

 

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Edward Forbes (1815 – 1854), britischer Naturforscher, Mitbegründer der Tiefseeforschung. Er nahm an einer Mittelmeer-Expedition an Bord der Beacon teil und bewies durch den Fang eines Seesterns aus ca. 400 m Meerestiefe einserseits, dass das Leben im Meer nicht auf oberflächennahe Bereich beschränkt ist, andererseits folgerte er aber irrtümlich, dass die Tiefsee unterhalb von 300 Faden (ca. 500 m) Tiefe eine azoische Zone sei, in der kein Leben existiere.

Forbes ignorierte einige in den Jahren 1810 bis 1827 publizierte Arbeiten, in denen Antoine Risso im Golf von Genua gefangene Fische und Crustaceen aus 600 bis 1.000 Meter Tiefe beschrieb. Diese Schriften blieben für Dekaden unbeachtet.

 

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Joseph Antoine Risso (1777 – 1845), französischer Naturforscher mit dem Autorenkürzel Risso. Er veröffentlichte sein Werk Ichthyologie de Nice im Jahr 1810.

 

Die Tiefsee des Mittelmeeres hat ihre Besonderheiten

Was die frühen Meeresforscher noch nicht ausreichend verstehen konnten (auch nicht, dass ihre Hypothese grundsätzlich falsch war): Das Mittelmeer eignet sich nicht besonders gut für Untersuchungen der Tiefseefauna. Topographische Besonderheiten der Meerenge von Gibraltar spielen eine entscheidende Rolle: Nahe der engsten Stelle zwischen Afrika und Europa ist an der Camarinal-Schwelle das Meer nur 280 Meter tief. Wie eine Staumauer schließt diese Schwelle die tieferen Zonen des Mittelmeers gegen den Atlantik ab, und das nicht nur für den großen Wasserkörper des schweren mediterranen Tiefenwassers. Etwas weiter westlich ragen manche unterseeische Spitzen sogar bis auf hundert Meter unter den Meeresspiegel auf. Für die echte Tiefseefauna des Atlantiks bildet diese Schwelle eine kaum zu überwindende Barriere. Während Organismen, die in den lichtdurchfluteten oberen Schichten des Atlantiks leben, das neue Mittelmeer über die Straße von Gibraltar ungehindert besiedeln konnten, war für die Tiefseefauna, die aus ihrem Reich der ewigen Finsternis normalerweise nicht so hoch aufsteigt, der Weg versperrt.

Das mare nostrum ist daher aufgrund seiner Geschichte und der Topographie der Schwelle von Gibraltar arm an echter Tiefseefauna. Ein bemerkenswerter Unterschied des mediterranen Tiefenwassers zur Tiefsee des Weltmeeres zeigt sich auch in der Wassertemperatur: Im Mittelmeer hat das Wasser auch an den tiefsten Stellen konstante 13 °C, im Gegensatz zu den üblichen drei bis vier Grad in den Tiefen des Weltmeeres. Nur noch die Tiefsee des Roten Meeres ist mit unglaublichen 20 °C noch wärmer.

 

Die azoische Theorie von Edward Forbes wird endgültig widerlegt

Trotzdem ist es ausgerechnet im Mittelmeer, genauer noch bei Cagliari auf Sardinien passiert, dass die „azoische“ Theorie von Edward Forbes endgültig widerlegt wurde. Die größten Verdienste verbuchte dabei vorerst nicht etwa ein berühmter Ozeanologe, womit wir Alphonse Milne-Edwards kein Unrecht antun wollen, sondern ein Telegraphenkabel. Es wurde 1860 – im nächsten Jahr übrigens, nach dem Darwin seine Evolutionstheorie publiziert hat – nach drei Jahren am Meeresgrund aus 1.800 Meter Tiefe wieder hochgeholt. Das Kabel war verkrustet und so vollbewachsen mit verschiedensten Aufwuchsorganismen, dass man an deren prächtigem Gedeihen in der Tiefsee nicht mehr länger zweifeln konnte. Milne-Edwards brachte daraufhin die früheren Arbeiten Rissos wieder ans Licht und die azoische Theorie war widerlegt.

 

Die Tiefsee bleibt dennoch ein unbekanntes Universum

140 Jahre nach dieser Entdeckung und nachdem unser Wissen auf ein Vielfaches des damaligen angewachsen ist, müssen wir dennoch in aller Bescheidenheit einräumen: Niemals und trotz aller Vorstöße mit U-Booten werden wir den Meeresgrund in großen Tiefen und die Tiefsee als solche lückenlos erforschen können. Dieser scheinbar so lebensfeindliche Lebensraum wird auch weiterhin gut für Überraschungen bleiben. Vieles am Meeresgrund wird noch lange ein Rätsel bleiben. Es bleibt weiterhin das Unbekannteste auf diesem Planeten.

 

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Bericht: Dr. Robert Hofrichter, mare-mundi.euoffice@mare-mundi.eu