MareMundi-Projekt Posidonia – Episode 3

Hallo Freunde der Meere,

heute geht es weiter mit Teil 3 unseres Projekts Posidonia. Wie in Episode 1 & Episode 2 beschrieben beschäftigen wir uns im Rahmen unserer Masterarbeiten mit den schalentragenden Weichtieren der mediterranen Seegraswiesen, genauer gesagt mit denen des Neptungras Posidonia oceanica in der Kvarner Bucht.

In einigen Sätzen möchte ich für unsere Leser die wichtigsten Punkte unserer Arbeiten nochmals zusammenfassen, bevor wir in Episode 4 mit den praxisorientierten Arbeitsmethoden fortfahren.

Wir vergleichen die aktuelle Molluskengesellschaft, basierend auf Lebendfunden, mit der Molluskengesellschaft der Vergangenheit, basierend auf Totfunden. Da sich die Zusammensetzung der Molluskengesellschaft im Laufe der Zeit mit den Bedingungen ändert, zeigen die Lebendfunde aber nur einen Schnappschuss der jetzigen Situation, während die Totfunde alle Schnappschüsse der Vergangenheit inklusive Veränderungen gesammelt widerspiegeln.

mollusken

Abbildung der fünf für unsere Arbeit relevanten schalentragenden Mollusken-Gruppen: Polyplacophora, Gastropoda, Bivalvia & Scaphopoda. Neben diesen Gruppen gibt es außerdem die schalenlosen Caudofoveata (Schildfüßer) und Solenogastres (Furchenfüßer), die sehr seltenen Tryblidia (Einschaler) und natürlich die Cephalopoda (Kopffüßer).    

Wie kann man sich so einen Schnappschuss vorstellen?

Angenommen Sie beproben an einem ruhigen Frühlingstag früh morgens die lebenden Schnecken der Blattschicht einer Seegraswiese – das wäre ein Schnappschuss.

Nun aber die Frage: Glauben Sie die Artzusammensetzung und die Häufigkeit mit der die verschiedenen Arten gefunden werden ist am Nachmittag des selben Tages noch immer die selbe? Wie ist es tief in der Nacht oder am nächsten Tag bei starkem Wind und Wellengang? Wie ist es drei Monate später im August oder im Winter des gleichen Jahres? Was wenn man das ganze noch ausweitet auf mehrere Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrtausende?

Sie werden sehen, mit jedem einzelnen Schnappschuss werden unterschiedliche Ergebnisse zum Vorschein kommen! Erst die Summe vieler Schnappschüsse im Zeitverlauf gibt richtige Informationen über den IST-Zustand eines Lebensraumes.

Wie jedes Ökosystem ist auch der Lebensraum Posidonia hoch komplex und unterliegt ständigen Schwankungen, resultierend aus natürlichen Phänomenen und Zyklen aber ebenso durch unerwartete Störungen.

An diese Bedingungen passen sich, so gut es eben geht, auch die assoziierten Pflanzen und Tiere an und entwickeln ihre eigenen Zyklen und Lebensstrategien. Es gibt tagaktive Arten die sich in der Nacht in der Wurzelschicht oder im Sediment verstecken, andersrum gibt es aber auch Arten denen der Raubdruck am Tag zu hoch ist und erst in der Nacht die Blätter hochkriechen. Andere Tiere verbringen nur einen Teil ihres Lebens in der Seegraswiese und wandern später aus, oder umgekehrt betreten manche Arten erst in einer späteren Lebensphase den Lebensraum Seegraswiese und sterben dann auch dort.

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Wichtige Rollen spielen hier die individuellen Entwicklungszyklen der Tiere, aber genauso das Nahrungsangebot und die Ernährungsweise. Ein Vegetarier hat andere Anforderungen und Prioritäten als ein Räuber, Parasit, Detritus- oder Suspensionsfresser, Planktonfiltrierer oder Arten die über photoautotrophe Symbionten verfügen. Und selbst innerhalb dieser Kategorien macht es einen Unterschied ob man sich zum Beispiel als Vegetarier von Mikroalgen, Makroalgen, Epiphyten auf den Seegräsern oder dem Seegras selbst ernährt oder ob man als Räuber vagile oder sessile Tiere erlegt oder einfach nur Eier und Gelege anderer plündert.

Bringt man nun noch die Wachstums- und Lebenszyklen der Beutetiere, der Raubfeinde oder der pflanzlichen Organismen ins Spiel wird das ganze schon sehr kompliziert, aber spätestens wenn man Faktoren wie Licht, Temperatur, Salinität, Nährstoffeintrag, Sauerstoffverfügbarkeit, Gezeiten und Meeresströmungen, Wind- und Wellenkraft, Einwanderung neuer Arten oder gar menschliche Einflüsse wie Eutrophierung, Überfischung und Vergiftung einbringt wird das ganze unüberschaubar.

Um diesen Lebensraum mit all seinen Facetten verstehen zu können braucht es dementsprechend viel Forschung mit verschiedenen Forschungsansätzen. Ganz nach dem Motto: “Nur was wir kennen, können wir schätzen und schützen!” wollen auch wir mit Projekt Posidonia einen Beitrag dazu leisten.

Das faszinierende an unserer Methodik ist, dass sich damit der IST-Zustand mit dem WAR-Zustand vergleichen lässt. Die Analyse der toten Organismen ist im Grunde die Summe vieler Schnappschüsse zu einer Geschichte vereint und beschreibt so den eigentlichen Lebensraum über die Zeit. Man kann also in die Vergangenheit sehen und das Basisverständnis über unberührte Natur lässt sich u.U. neu definieren oder zumindest besser verstehen.

Wer weiß denn heute schon was unberührte Natur tatsächlich bedeutet?

Der Mensch hat schon sehr lange seine Finger im Spiel und verändert seine Umwelt, viel länger als die meisten glauben. Und oft lassen sich die Veränderungen im Nachhinein auch gar nicht mehr als solche erkennen. Unter “natürlich” und “unberührt” verstehen viele die Zeit vor der industriellen Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ja stimmt, hier kam es zu einer drastischen Wende, aber nachhaltig verändert und beeinflusst wurden die meisten Lebensräume auch schon viel viel früher durch den Menschen, vor allem im mediterranen Raum. Was ist also “natürlich”? Wo ist der Maßstab an dem wir uns richten können?

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Bildquelle: Wikipedia;  Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen von Ostafrika ausgehend. Die vorausgehenden Besiedelungen durch den Homo erectus (gelb) und den Neandertaler (ocker) sind farblich abgegrenzt; die Zahlen stehen für Jahre vor heute.

Das sind sehr wichtige Fragen für den Umweltschutz, denn dieses Basisverständnis gilt als Grundlage für politische Entscheidungen und Maßnahmen.

Wie können wir nun aber einen Lebensraum richtig schützen, wenn wir nicht einmal wirklich verstehen wie er funktioniert oder wie er auszusehen hat…?

Diese Frage lassen wir nun im Raum stehen und bedanken uns für Euer Interesse!
In der nächsten Folge (Episode 4) unseres Projekts Posidonia gehen wir weg von der Theorie und kommen zu praxisorientierten Themen wie “Wie sammelt man eigentlich Tiere in einer Seegraswiese?” und “Wie schafft man es auch mit wenig Budget solche Studien durchzuführen?.

Wir freuen uns auf ein Wieder-lesen!

Bericht: Alexander Heidenbauer, mare-mundi.eu
Fotos: Team MareMundi