Mehr über Haie lernen – an der mare-mundi Station Krk

Haie gehören zu den am stärksten bedrohten Meeresbewohnern überhaupt. Sie leben seit mehr als 400 Millionen in den Ozeanen, sind damit seit Urzeiten wesentlicher Teil des Ökosystems Meer, wurden aber innerhalb einer einzigen Generation an den Rand der Ausrottung getrieben.

Warum der massive Rückgang von Haipopulationen?

Einer der Gründe für den massiven Rückgang ist der rücksichtslose Raubbau an Populationen, an dem sich leider auch Länder der EU beteiligen. Verstärkt wird der Niedergang der Bestände durch biologische Besonderheiten der Haie: Viele Arten haben sehr niedrige Reproduktionsraten: innere Befruchtung ist allen Haien (und Knorpelfischen) gemeinsam, vivipare oder ovovivipare Arten haben sehr lange Tragzeiten, die mehr als 12 Monate betragen können, sie haben wenige Nachkommen, die viele Jahre zum Erreichen der Geschlechtsreife brauchen (Extremfall: Weißer Hai, Weibchen mehr als 30 Jahre).

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Junger Dornhai (Squalus acanthias, Squalidae), einst die individuenreichste Haiart der Welt. Wahrscheinlich wurde dieses Haibaby einem trächtigen Weibchen entnommen (es sind ovovivipare Haie) und von Fischern am Strand von Plavnik liegen gelassen. Die Reproduktionsraten der Haie sind im Vergleich zu anderen Fischen (Knochenfischen) sehr niedrig. Dornhaie werden etwa einen Meter lang, leben in Tiefen von 50 bis 200 Metern, früher traten sie weltweit in gewaltigen Schwärmen auf. Auch im Kanal Vela Vrata zwischen Krk und Cres, wo das Meer 70 Meter tief wird, waren sie früher häufig. Als Folge der Überfischung sind sie heute stark bedroht und stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten (Rückgänge um bis zu 90 % der einstigen Populationen). In der EU existiert zudem ein Fangverbot, an das sich in Kroatien kaum jemand zu halten scheint. Das Muskelfleisch dieser Art ist mit Methylquecksilber belastet.

Was kann mare-mundi als Meeresschutzorganisation für den Haischutz tun?

Seit vielen Jahren betreibt mare-mundi Informationskampagnen, Medienarbeit und Bildungsprogramme, um die Öffentlichkeit über den dringend erforderlichen Haischutz zu informieren. Diese Initiativen werden ab 2016 noch einmal verstärkt.

Schulen, Schüler, Jugendarbeit

  • mare-mundi bietet Schulen die Möglichkeit Workshops direkt in den Schulen durchzuführen (mehrere Stunden bis halbtags)
  • an der mare-mundi Station Krk in Punat kann man im Rahmen von meeresbiologischen Projektwochen den Schwerpunkt Haie und ihr Schutz wählen oder zumindest ein Modul zum Thema machen.

Universitäten, Studenten

  • Ähnliche Möglichkeiten wie für Schulen und Schüler bietet mare-mundi auf universitärem Niveau auch Studenten und interessierten Arbeitsgruppen von Universitäten. Sie können ganze meeresbiologische Kurse ihrer Universität mit verschiedenen Schwerpunkten ihrer Wahl an der mare-mundi Station Krk in Punat durchführen (Seminarraum, Labor mit Aquaristik und Mikroskopie, Schiff, Tauchbasis).

Lehrerfortbildung: Geben Sie ihr neu gewonnenes Wissen an die junge Generation weiter

  • mare-mundi bietet Lehrern an der mare-mundi Station Krk in Punat Lehrerfortbildungen zum Thema Fische, Fischerei, Überfischung mit Schwerpunkt Haie.
  • solche Workshops können auch für Lehrervereine oder andere Organisationen direkt in ihrer Heimatstadt durchgeführt werden.

Taucher

  • Taucher interessieren sich für Haie, und da viele von ihnen Haie aus persönlicher Erfahrung kennen, ist es für sie spannend mehr Aktuelles über den Stand der Wissenschaft zu erfahren.

 

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Der neugierige und für den Menschen potenziell gefährliche  Galapagoshai (Carcharhinus galapagensis, Carcharhinidae) ist ein aktiver Jäger, der vor allem bodenlebende Knochenfische und Kopffüßer, Rochen und Haie inklusive der eigenen Artgenossen erbeutet. Nur 4 bis 16 Junghaie werden lebend im Flachwasser geboren, wo sie den größeren Artgenossen leichter entgehen (im Vergleich: Knochenfische können Millionen Nachkommen zeugen). Die Art wird von der International Union for Conservation of Nature (IUCN) auf der Vorwarnliste gefährdeter Arten geführt.

 

Informieren Sie sich bei uns! Wir beraten Sie gern.

mare-mundi.eu    office@mare-mundi.eu

Text und Fotos: Robert Hofrichter

 

Beispiel für ein Kapitel über die Reproduktion der Haie:

Haben Haie zwei Penisse?

Wenn man ganz allgemein ein wie auch immer geartetes Begattungs- bzw. Kopulationsorgan meint, dann lautet sie ja. Wenn aber jemand an den Penis der Säugetiere oder gar der Menschen denkt, dann lautet die Antwort eindeutig nein. Denn die paarigen Klasper oder Mixopterygien (früher auch Pterygopodien) der männlichen Haie haben stammesgeschichtlich nichts mit dem Penis der Säugetiere zu tun, außer, dass beide die Funktion der inneren Befruchtung erfüllen.

Ein kleiner Exkurs in die recht komplexe Reproduktionsbiologie der Wirbeltiere ist an dieser Stelle erforderlich, um das Geheimnis der zwei „Haipenisse“ zu lüften. Denn so einfach, wie wir es von der eigenen Spezies kennen, ist es im Tierreich nicht. Grundsätzlich können sich Wirbeltiere durch äußere oder innere Befruchtung vermehren. Die äußere, bei der die von den Weibchen produzierten Eier außerhalb des Körpers mit den Spermien der Männchen besamt werden, finden wir bei den allermeisten Knochenfischen (einer der wesentlichen Unterschiede zu den Knorpelfischen, die grundsätzlich innere Befruchtung haben), bei praktisch allen Froschlurchen (mit einer einzigen Ausnahme); man denke nur an die Laichzeit der Frösche und Kröten im Tümpel und den abgelegten Laich sowie bei einigen Schwanzlurchen (Molche und Salamander). Die äußere Befruchtung ist sicher die ursprünglichere, „primitivere“ Form der Reproduktion, die es vielen Knochenfischen ermöglicht gleich Millionen von Eiern zu produzieren. Den Rekord hält der seltsam anmutende riesige Mondfisch mit 300 Millionen Eiern!

Die innere Befruchtung minimiert die Anzahl der möglichen Nachkommen dramatisch. Sie gibt es in drei Varianten. Entweder ist bei den Männchen kein Begattungs- bzw. Kopulationsorgan ausgebildet. Dann pressen die Männchen und Weibchen während der Paarung ihre Kloaken (gemeinsamer Ausgang von Darm, Harnwegen und Genitalwegen) aufeinander, wie man es bei den allermeisten Vögeln kennt. Bei einer anderen Übertragungsart legen die Männchen Samenpakete ab, die anschließend von den Weibchen in die Genitalöffnung aufgenommen werden, so bei manchen Schwanzlurchen.

Oder aber es ist für die Spermienübertragung ein Begattungsorgan ausgebildet, den es in den verschiedensten Formen gibt. Doch wiederum ist Vorsicht vor übereiligen Schlüssen geboten: Nicht einmal bei den meisten Säugetieren ist die Übertragung der Spermien mit Lustgefühlen verbunden. Bei den allermeisten Wirbeltieren handelt es sich um eine hormonell gesteuerte biologische Pflichterfüllung …

Die innere Befruchtung ist sicher und effektiv. Die Spermien gelangen konzentriert dorthin, wo die eigentliche Befruchtung stattfindet, zu den Eiern, und kein Umweltumstand wie etwa starke Strömung kann sie daran hindern. Darum wurde die innere Befruchtung sowie ein entsprechendes Übertragungsorgan in der Evolution bei verschiedenen Wirbeltiergruppen wiederholt und unabhängig voneinander entwickelt. Diese Begattungsorgane sind nicht miteinander „verwandt“, sie sind nicht homolog, wie es in der Biologie genannt wird. Bei Knorpel- und Knochenfischen (den wenigen mit innerer Befruchtung) geht es um modifizierte Flossen, bei allen anderen Wirbeltieren um verschiedene Ausstülpungen der Kloake.

Die Männchen der zu den Amphibien zählenden beinlosen Blindwühlen besitzen beispielsweise ein so genanntes Phallodeum, Eidechsen und Schlangen paarige Hemipenes (!), Krokodile und Schildkröten wiederum einen unpaaren Penis.

Manche Knochenfische – wer kennt die allseits beliebten Guppys, Black Mollys und Schwertträger aus dem Aquarium nicht – haben ihre Analflossen zu Begattungsorganen umgebildet (da die Analflosse eine unpaarige Flosse ist, ist auch das Organ unpaarig). Bei den genannten lebend gebärenden Zahnkarpfen (Poecilliidae) wird es Gonopodium genannt. Und bei Haien schließlich, hat die Evolution den Innenrand ihrer paarigen Beckenflossen zu einem in Folge ebenfalls paarigen Begattungsorgan umfunktioniert. Diese Myxopterygien oder Klasper haben bei den mehr als 1.100 Arten bekannter Knorpelfischarten vielfältige Formen und Strukturen, die manchmal gruppen-, manchmal aber auch artspezifisch sind. Sie spielen somit auch für den Systematiker und Taxonomen eine wichtige Rolle.

Beide Klasper sind von einer Rinne durchzogen, deren kopfseitige Öffnung Apopyle, die schwanzseitige hingegen Hypopyle genannt wird. Vor dem Ansatz der eigentlichen Klasper, im vorderen Bereich der Bauchflossen, liegen unter der Bauchhaut zwei zusätzliche Bildungen, muskulöse, ampullenartige Säcke, die Siphos. Sie sind für die Besamung mindestens so wichtig wie die Klasper selbst. Eine kleine Röhre führt aus dem Sipho direkt zur Apopyle, zum „Eingang“ der Klasperrinne. Bei Haien wird der Sipho mit Meerwasser gefüllt und wird dann unter Druck als „Injektion“ ausgestoßen: Mit diesem Meerwasser wird das sich bei der Kopualtion bereits in der Rinne befindliche Sperma in die weibliche Kloake gespült.

Diese vereinfachte Darstellung soll lediglich als Model dienen, um sich ein Bild der Haireproduktion machen zu können. Denn vieles ist noch offen und nur bei ganz wenigen Haiarten wurde ihre Sexualbiologie eingehend untersucht. Welche Funktion etwa der kleine abspreizbare Anhang am Ende der Klasper, das Rhipidion erfüllt, ist Gegenstand von Spekulationen. Nicht minder unsicher sind unsere Kenntnisse der Details des Klaspereinsatzes. Bei manchen (?) Arten soll nämlich nur ein Klasper wirklich funktionstüchtig sein. Wenn der abbricht, soll der zweite seine Funktion nicht übernehmen können. Doch warum ist es so? Welcher Klasper wird eingesetzt, der rechte oder linke? Ist es artspezifisch unterschiedlich? Bei vielen Haien wurde beobachtet, dass der gerade räumlich passendste eingeführt wird, und das widerspricht der Vorstellung von nur einem funktionstüchtigen Klasper. Wie stark unterscheiden sich diesbezüglich die 500 bekannten Haiarten? Auch für Ammenhaie wird angegeben, dass sie beide Klasper einsetzen können – sogar gleichzeitig. Eine zuverlässige, zusammenfassende wissenschaftliche Darstellung des Themas fehlt bisher.

Während man das Geschlecht bei Knochenfischen äußerlich oft nicht erkennen kann und es auch viele zwittrige Arten mit Geschlechtsumwandlung gibt, sind die Geschlechter der Knorpelfische durch die Klasper immer eindeutig und leicht zu erkennen – vorausgesetzt man sieht die Bauchseite der Tiere. Die für viele Knochenfische so typische Geschlechtsumwandlung gibt es bei Haien, Rochen und Chimären nicht.

Nicht nur das Geschlecht der Knorpelfische lässt sich anhand der Klasper erkennen, sondern auch das Alter. Bei juvenilen Männchen reichen sie nur bis zum freien hinteren Rand der Bauchflossen, bei geschlechtsreifen Tieren überragen die Klasper diesen Hinterrand. Bei jüngeren Tieren sind die Klasper kurz, weich und biegsam, mit zunehmendem Alter wird aber Kalk eingelagert und sie verhärten. Bei voll ausgewachsenen Männchen sind die Klasper fast so lang wie die Bauchflossen selbst und überragen deren hinteren Rand ganz markant.

Die Paarung der Haie kann auf uns recht heftig wirken. Einer der Klasper (in Ausnahmefällen beide) wird in die Genitalöffnung der Weibchen eingeführt, während das Männchen das Weibchen immer wieder beißt. Die „Paarungsnarben“ durch „Liebesbisse“ der Männchen sind auf den Körpern vieler Weibchen zu sehen. Die Verkalkung des Organs kann so weit fortschreiten, dass einer der Klasper während der Kopula abbricht. Dazu beitragen könnten auch die speziell angepassten Plakoidschuppen, die auf den Klaspern so orientiert sind, dass das Organ möglichst nicht aus der weiblichen Kloake rutscht.

Erst bei den Beuteltieren und placentalen Säugetieren gibt es bei den Männchen unfefähr den Penis, den das eingangs zitierte Schlagwort meint. Es entwickelte sich aus der bauchseitigen (ventralen) Wand der Kloakenregion und wird von Meyers online lexikographisch folgendermaßen definiert: „Penis, der, Rute, männliches Glied, Phallus, männliches Begattungsorgan bei vielen Tieren und beim Menschen. Bei Haien müsste man korrekter Weise von der „Flosse“ sprechen …

 

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