Mikroplastik gefährdet Meeresfauna

 

Mikroplastik gefährdet Meeresfauna

Was ist Mikroplastik?

Als Mikroplastik wird in den meisten Studien als synthetische polymerisierte Kunststoffe in der Größenordnung zwischen 0,3mm bis 5 mm definiert. Selten werden unter diesem Begriff auch Teilchengrößen im Mikrometerbereich (= Tausendstel Millimeter) subsummiert.
Plastikstücke im Nanometerbereich (= Millionstel Millimeter) werden allgemein als „Nanoplastik“ bezeichnet, Polymere größer als 5 mm als „Makro“ – bzw. „Megaplastik“.

Plastik am Strand

Mikroplastik entsteht hauptsächlich durch Zerfall von Makroplastik unter Umwelteinflüssen wie UV Licht, extremen Temperaturen und mechanischen Einflüssen (Zermahlen, zerbrechen).
Viele dieser Partikel kommen aus alltäglichen Gegenständen wie Kleidung, Spielzeug, Behältern, Gehäusen, Geschirr und Besteck, und nicht zuletzt aus Verpackungen aller Art, die einen sehr großen Teil der in die Natur eingebrachten Menge ausmachen.
Auch Lacke, Baumaterialien, Autoreifen und natürlich industrielle Abfälle, Ausgangsmaterialien für Produktion und Produktions-Nebenprodukte sind Lieferanten.
Eine andere Quelle für Mikroplastik ist aber auch eine stark wachsende Menge an kleinsten Kunststoffen, die in der Kosmetik verwendet werden, dazu zählen auch flüssige oder wachsartige Polymere.

Warum ist Mikroplastik gefährlich?

Mikroplastik hat mehrere negative Einflüsse auf die Wasserfauna:

1. Durch das Verschlucken von nahrungsähnlichen Teilchen werden Verdauungstrakte vieler höherer Tiere mit Plastikpartikeln gefüllt. Diese können weder verdaut oder ausgeschieden werden, eine Aufnahme von Nährstoffen wird dadurch unmöglich.  Das Plastik akkumuliert und das Tier „verhungert bei vollem Magen“.

2. Mikroplastik hat die unangenehme Eigenschaft, alle möglichen Stoffe an sich zu binden, auch bei der Produktion sind bereits problematische Substanzen mit im Spiel. Darunter sind vor allem Weichmacher, Pigmente, Brandhemmer und andere Plastik-Additive sowie Schwermetalle und weitere in der Umwelt vorhandene Gifte.
Viele der aufgenommen Substanzen konzentrieren sich an den Plastikpartikeln auf ihrer Reise zum Meer und in den Meeren. Das Plastik sammelt also gewissermaßen Schadstoffe ein. Lebewesen, die diese Partikel aufnehmen, nehmen so konzentrierte „Giftbomben“ zu sich.
Die Folgen für Organismen  sind noch nicht tiefergehend erforscht, aber es wurden Effekte wie Gewichtsverlust, Deformierungen, Geschwüre und verschiedene Krankheiten in einigen Studien auf Mikroplastik-Schadstofffe zurückgeführt. Diese Auswirkungen sind je nach Spezies sehr unterschiedlich und nicht einfach zu identifizieren.
Aus diesen Belastungen resultiert mit einiger Sicherheit eine verkürzte Lebenserwartung, was zu einer Dezimierung der Populationen führt, vor allem wenn Individuen vor der Geschlechtsreife sterben.
Viele andere Effekte (u.a. Veränderungen des Erbguts, Auswirkungen auf das Verhalten – Stichwort Wahlstrandungen, Sozialverhalten) werden vermutet, sind aber noch nicht hinreichend erforscht um qualitative und quantitative Aussagen über die Auswirkungen zu machen.

3. Die Aufnahme von sehr kleinen Teilchen erfolgt bereits durch einfache Lebewesen (Plankton), Nahrungsgrundlage vieler größerer Spezies, die ihrerseits wieder als Nahrung für Tiere in der darüber liegenden Hierarchie dienen, mit dem Effekt der weiteren Konzentration von Schadstoffen in jeder „fressenden“ Spezies, am höchsten am Ende der Nahrungskette.

4. Wegen der hohen chemischen Stabilität der synthetischen Polymere sind alle Plastikmaterialien hunderte Jahre im Kreislauf der Natur beständig enthalten – sie werden lediglich kleiner. Dadurch ist der Impact auf die Biosphäre sehr nachhaltig. Auch wenn wir heute schlagartig den Eintrag von Plastik in die Meere stoppen könnten würde ein natürlicher Abbau noch sehr lange dauern und in dieser Zeit die Biosphäre nachhaltig schädigen.

Außerdem gibt es natürlich viele Lebewesen, die durch die laufend wachsenden Mengen an Makroplastik bereits zu Tode kommen. Dabei sind vor allem driftende Schleppnetze und Plastikfolien, aber auch jede andere Art von größeren Plastikstücken zu zählen. Es wurden beispielsweise schon sehr große Mengen an Plastikmüll in Mägen von planktonfressenden Walen gefunden und viele Meeresbewohner ersticken an riesigen treibenden Netzen und Folien.

In Mikroplastik nachgewiesene gefährliche Stoffe

Die untenstehende Liste von Schadstoffen in Mikroplastik aus marinen Umgebungen, die in einer Studie des dänischen Umweltamtes nachgewiesen wurden, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. (1)
Sie gibt auch die häufigste Verwendung bzw. den vermuteten Ursprung der jeweiligen Substanz an:

Wie gelangt Mikroplastik in die Meere?

Dazu eine Grafik aus Wikipedia:


(Von eskp.de, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50095828)

Makroplastik wird in großen Mengen direkt in die Meere eingebracht – durch Schifffahrt und Fischerei, Touristik in Ländern ohne Müllmanagement und natürlich durch Windverfrachtung und Transport in Flüssen, in denen es auch schon etwas vor-zerkleinert wird.
Dort wird es durch die großen Meeresströmungen über große Distanzen transportiert.
Das geschieht je nach Dichte der Plastikteilchen in Oberflächenströmungen oder Tiefenströmungen.
Bekannt – wenn auch noch nicht ausreichend erforscht – sind die großen „Müllkreisel“ im Atlantik, Pazifik und im Indischen Ozean, Strömungswirbel führen in diesen Regionen zu einer erheblichen Verdichtung  großer Mengen an Plastik.
Dort geschieht wahrscheinlich auch die hauptsächliche Zerkleinerung zu („sekundärem“) Mikroplastik.

Müllkreisel im Pazifik

Eine Studie der Universität für Bodenkultur zusammen mit dem Ministerium für ein lebenswertes Österreich und der viadonau hat den österreichischen Eintrag in die Donau folgendermaßen ermittelt:
Pro Tag ist laut der Stu­die mit durch­schnitt­lich 25 – 145 kg Kunst­stof­f­e­in­trag in die Donau zu rech­nen (das sind durch­schnitt­lich 40 Ton­nen pro Jahr). (2)

Laut deutschem Umweltbundesamt befanden sich 2013 100 bis 150 Mio. Tonnen Abfälle in den Meeren, 60 % davon aus Plastik. 70 % des Abfalls sänken auf den Meeresboden, 15 % schwämmen an der Wasseroberfläche und 15 % würden an Strände gespült.
Ende 2014 berichtete eine internationale Forschergruppe im Fachmagazin PLOS ONE nach ihrer Auswertung von Zahlen aus 24 Untersuchungen mit über 1.500 einzelnen Datensammlungen, darunter erstmals auch für Plastikteile > 5 mm, dass sich in den Weltmeeren, den fünf subtropischen Meereswirbeln, an belebten Küstengebieten Australiens, im Golf von Bengalen sowie im Mittelmeer mehr als 269.000 Tonnen bzw. mehr als 5,25 Billionen Teilchen Plastikmüll befänden. Die kleinsten Teilchen hätten sich abseits nahe dem Nordpol gefunden.
Laut einem Bericht des UN-Umweltprogramms (UNEP) von Ende 2014 gelangen jedes Jahr rund 6,4 Mio. t Plastik-Abfälle in die Ozeane.
(Quelle: Wikipedia)

Ein wachsendes Problem ist auch der Müllexport aus der EU (einem der Hauptproduzenten von Plastik) in nicht-EU Staaten und Mülldeponierung, illegal, aber auch völlig legal. Sehr viel Plastik enthaltender Elektro-Schrott wird beispielsweise nach Asien exportiert. (3)
In vielen dieser Länder gibt es weder Gesetzgebung für Plastikmüll noch ein funktionierendes Müllmanagement.

Mikroplastik entsteht einerseits wie bereits gesagt im Meer durch Zerfall aus Makroplastik, wird aber darüber hinaus auch durch Kosmetikprodukte und direkt aus der industriellen Produktion in  Flüsse eingebracht („primäres Mikroplastik“).

Leider sind auch Kläranlagen kein 100%iger Schutz. Mikroplastik wird nur von den modernsten überhaupt (teilweise) gefiltert, da Plastik an sich (abgesehen von bereits bei der Herstellung verwendeten Additivstoffen) auf Grund seiner chemischen Stabilität allgemein bisher nicht als „gefährlich für die Umwelt“ eingestuft wird.
Das so gefilterte Mikroplastik wird mit dem Filterkuchen dann auf Felder ausgebracht, zum Füllen in der Landschaft verwendet und nur in geringen Mengen auch in Müllverbrennungsanlagen verheizt.

Der weitere Weg des Mikroplastiks aus Filtern in die Meere ist noch nicht hinreichend erforscht.
Nachgewiesen ist aber auch, dass relevante Mengen an Filterrückständen bei starken Regenfällen durch die Überläufe der Klärwerke in die Flüsse geschwemmt werden.

In vielen Ländern (auch in Europa, vor allem in den östlichen Ländern) gibt es überhaupt keine wirksame Filterung von Mikroplastik in Kläranlagen – dort wird es in wachsenden Mengen in die Flüsse eingebracht.
Vor allem in Asien wachsen die Mengen an produziertem bzw. verbrauchtem Plastik ohne nennenswertes Abfallmanagement rasant.  Eine wesentliche Ursache ist da auch unser – europäischer – „Müllexport“…

Die bereits zitierte Studie des Dänischen Umweltamtes kommt zu dem Ergebnis, daß ca 98% des in den Wasserkreislauf eingebrachten Plastiks aus „sekundärem“ Mikroplastik stammen, nur ca 1% aus „primärem“(1).
Den größten Anteil an sekundärem Mikroplastik (ca 60% Anteil an der Gesamtmenge) schreibt diese Studie verbrauchten Autoreifen zu.

Was kann ich tun um meinen Mikroplastik footprint zu minimieren?

Der Einzelne kann bereits jetzt einiges tun um seinen Plastikeintrag in die Natur zu minimieren:

1. Plastik vermeiden: Im Supermarkt unverpackte Nahrungsmittel kaufen und dafür mitgebrachte Behälter verwenden. „Plastiksackerl“ nicht verwenden, sondern Einkaufstasche mitnehmen.

2. Beim Kauf von Textilien auf den Plastikgehalt achten (nicht alles muss aus Kunstfasern sein)

3. Plastiktragetaschen wiederverwenden, wenn es denn schon Plastik sein muss

4. Recyclen: also Plastik getrennt sammeln, wenn das in der Kommune möglich ist (sollte zumindest für PET Flaschen und „alles andere Plastik“ möglich sein)

5. Wenn Plastik weggeworfen wird, und Recycling nicht möglich ist, Plastik in den Restmüll entsorgen. ABER: sich vergewissern, dass der Restmüll verbrannt wird – damit wird das Erdölprodukt Plastik in Energie umgewandelt und gelangt nicht in die Meere (zugegebenermaßen nicht immer leicht……)

6. Reste von Farben und Beschichtungen als Sondermüll zu Sammelstellen bringen (sollte eigentlich selbstverständlich sein)

MareMundi beteiligt sich regelmäßig an Strand- und Gewässerreinigungen. Hier ein Bild vom Strand einer unbewohnten (!) Insel in Kroatien

 

Artikel des täglichen Gebrauchs die Mikroplastik enthalten

Dazu hat Greenpeace eine Liste zusammengestellt, die natürlich nicht vollständig sein kann, aber hilfreich beim Durchschauen des eigenen Badezimmerschranks. (4)

 

Quellen

1) Microplastics – Occurrence, effects and sources of releases to the environment in Denmark
2) Studie Plastik in der Donau 2015
3) GREEN PAPER On a European Strategy on Plastic Waste in the Environment
4) Greenpeace Mikroplastik Ratgeber

Quelle Titelbild: http://oceanservice.noaa.gov/facts/microplastics.html

Beitrag von Stefan Gyergyai-Haardt
Redaktion: Walter Buchinger, Alexander Wunderer