Neues Buch ist dem Phänomen Pilz auf der Spur

Pilze erfreuen sich zwar großer Beliebtheit, doch beschränkt sich die Begeisterung der meisten Menschen oft genug auf einige wenige profane kulinarische Aspekte. Unter „Pilzen“ verstehen viele lediglich drei Spezies: Eierschwammerl, Herren- oder Steinpilze und Parasol. Einige erfahrene Sammler bringen es vielleicht auf zehn Arten. Doch zeigen sich in unseren Breiten die Fruchtkörper von vermutlich 10.000 Arten der Fungi, und da reden wir nur von den mit freiem Auge erkennbaren Großpilzen oder Makromyzeten. Weltweit gibt es bis zu 100.000 beschriebene Arten. Die tatsächliche Artenzahl wird aber auf 1,5 Millionen geschätzt! Die Bedeutung der Pilze ist enorm – und sie sie sind genauso wie viele Tier- und Pflanzenarten durch schädliche Umwelteinflüsse bedroht.

Was im Bild zu sehen ist, sind Fruchtkörper von Pilzen (in diesem Fall der Gattung Lactarius, Milchlinge). Der eigentliche Pilz – ein Fadenwesen – lebt im Boden oder anderen Substraten und kann so groß sein wie mehrere Fußballfelder. Pilze vernetzen den Wald mit seinen Bäumen zu einem Ökosystem. Experten sprechen in den letzten Jahren von einem WWW – dem wood wide web.

 

Viel weniger wird die globale ökologische Bedeutung der Fungi bedacht. Doch: Diese im Verborgenen lebenden Wesen, die weder Pflanzen noch Tiere sind, prägen unsere Welt. Ohne Pilze würde es unsere Wälder, unser Klima und vielleicht das Landleben in seiner heutigen Vielfalt nicht geben. Sie sind die Herren einer Welt voller atemberaubender Superlative, verblüffender Fakten, überraschender Partnerschaften und ungelöster Rätsel. Pilze erfüllen im Haushalt der Natur enorm wichtige Aufgaben – in unseren Böden, in den Gewässern, in der Luft (mit jedem Atemzug nehmen wir mindestens zehn Pilzsporen auf), in uns selbst, ja eigentlich überall. Wir nehmen sie – solange wir gesund sind – kaum wahr. Und wo bleiben all jene unsichtbare Pilze in Form von Schimmelpilzen, Mikroorganismen und pilzähnlichen Wesen, die systematisch schwer zuzuordnen sind, die unsere Umwelt und unseren eigenen Körper stärker prägen, als es uns bewusst oder … als es uns lieb ist?

 

Viel mehr als nur Schwammerl im Wald: Pilze prägen das Ökosystem unseres Planeten. Und das auch im Meer …

 

Was haben Pilze mit dem Meer zu tun? Die gibt es doch im Wald …

Das ist einer der klassischen Denkfehler der meisten Menschen. Genauer, es ist eine beträchtliche Wissenslücke. Das hier vorgestellte Buch des MareMundi Gründers Robert Hofrichter versucht sie zu füllen. Magnus Ivarsson vom Schwedischen Museum für Naturkunde schreibt dazu: Wir glauben, dass marine Pilze nicht nur in der Wassersäule und am Meeresboden ein normaler und wichtiger Bestandteil der Meeresökosysteme sind … Pilze könnten die häufigsten komplexen Einzeller im Meeresboden sein … wir denken jetzt, dass sie auch in untermeerischen Basalten verbreitet sind. Pilze wären dann Teil der tiefen Biosphäre, und damit wären diese Ökosysteme sehr viel komplexer als gedacht.

Ivarsson macht mit seiner Forschung deutlich, welche Geheimnisse noch auf ihre Lüftung warten. Seine Institution untersucht Bohrkerne, die man aus größeren Tiefen rund um Hawaii heraufgeholt hatte. Den Forscher sind Mikrofossilien von fadenförmigen Organismen aufgefallen, die sie für Bakterien hielten. Was sollte auch anderes dort unten leben?, fragt Ivarsson. Schließlich steckten sie in Basaltgestein, das aus einer Tiefe von 150 bis 900 Metern unter dem Meeresboden stammt. Jetzt haben wir diese Mikrofossilien mit der Synchrotron-Tomografie und speziellen Färbetechniken näher analysiert und halten sie nicht mehr für Bakterien, sondern möglicherweise für Pilze.

Wenn schon der Wald mit seinen Pilzen mystisch anmutet, dann erst die so genannte tiefe Biosphäre, um deren Erforschung es in der Arbeit von Ivarsson geht. Tiefe Biosphäre – das ist die Biosphäre der Erdkruste. Dass sich in den oberen Schichten von Sedimenten im Ozeanboden Leben findet ist schon lange bekannt und überrascht niemanden. Doch dass endolithische Mikroorganismen in Granit leben, ist schon überraschender. Oder eben in Basalten der Tiefsee. Die Lebensgemeinschaft der tiefen Biosphäre besteht hauptsächlich aus Bakterien, Archaeen und Viren. Und – wie man heute weiß – aus Pilzen.

Die Zahlen mögen noch ungenau sein, niemand kennt sie genau. Doch sie eröffnen uns eine unbekannte Welt, im wahrtsen Sinn des Wortes die Unterwelt. Kilometer tief in die Erdkruste hinein erstreckt sich ein Lebensraum, von dem wir bisher keine Ahnung hatten. Hier leben thermophile Archaeen bei einer Maximaltemperatur von über 110 °C. Erst in einer Tiefe von vielleicht fünf Kilometern in der ozeanischen Erdkruste und zehn Kilometern in der kontinentalen dürfte es dann aus sein für das Leben. Irgendwann ist die Grenze der Biosphäre erreicht. In dieser Unterwelt könnten sich Schätzungen zufolge 30 bis 50 Prozent der Biomasse des Planeten verstecken.

Und auch sonst sind Pilze von größter Bedeutung im Meer. Und ebenso in der Atmosphäre, wo ihre Sporen zu den wichtigsten Wolkenmachern überhaupt zählen. Ja, Pilze prägen das Weltklima in einem Ausmaß, das früher niemand für möglich gehalten hat.

 

 

Das neue Buch – mehr über die wahre Bedeutung der Pilze erfahren

 

Robert Hofrichter

Das geheimnisvolle Leben der Pilze

Die faszinierenden Wunder einer verborgenen Welt

 

 

Nun sind auch schon die ersten Rezensionen da. Danke!

„Zu Zeiten da immer weniger Menschen in einem Wald spazieren gehen, Kinder weder Baum- geschweige denn Pilzarten kennen, kommt dieses Buch gerade zur rechten Zeit. Robert Hofrichter steckt an mit seiner Begeisterung, bleibt zu hoffen, dass der Funke überspringt und sich möglichst viele Leser finden, damit wir eine Ahnung davon bekommen, wie reich beschenkt wir doch mit unserer Natur sind.“
 
 
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  1. […] Pilze hat MareMundi in der letzten Zeit öfters berichtet, da es schließlich auch marine Pilze gibt, und diese spielen im Ökosystem der Ozeane eine enorme […]

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