Sommerthema: Darf ich als umweltbewusster Mensch und Naturfreund Muscheln und andere Meeresbewohner sammeln?

Nicht alles, was rechtlich erlaubt ist, ist aus ethisch/ökologischer Sicht vertretbar. Spätestens in der Urlaubszeit am Meer sollte man sich mit den hier aufgeworfenen Fragen befassen. Während Taucher vor Jahrzehnten noch Fische harpuniert (und regional ausgerottet) und munter lebende Organismen im Meer als Souvenirs gesammelt haben, gilt heute in der Branche “Nichts anfassen”. Und das ist gut so. Dennoch wollen wir in diesem Artikel ein wenig differenzieren.

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Faszination Meer: Es ist erfreulich, wenn sich Menschen intensiv der Natur widmen, ihr gegenüber eine starke Empathie entwickeln und bis zu einem gewissen Grad und je nach Interesse Gegenstände aus der Natur sammeln und sich an ihnen erfreuen. Dabei gilt es aber rechtliche und ethisch/ökologische Aspekte zu berücksichtigen.

 

Grundsätzlich gelten bei dieser Frage

  1. rechtliche Aspekte: Gesetzeslage in der EU, CITES (internationales Abkommen zum Artenschutz), nationale Gesetze des Gastgeber- und Heimatlandes etc.
  2. ethische Aspekte zur Ökologie bzw. zum nachhaltigen Handeln.

Diese beiden Aspekte ein und derselben Frage zeigen oft in eine Richtung (sozusagen ++, bestimmte Objekte zu sammeln oder zu kaufen ist rechtlich unzulässig und ethisch/ökologisch strikt abzulehnen), manchmal widersprechen sie sich aber auch (+- oder -+). Nicht alles, was rechtlich noch nicht geregelt ist, ist auch ethisch vertretbar (z. B. kleine Schneckenhäuser an Stränden spielen eine entscheidende Rolle für Einsiedlerkrebse; obwohl die Schnecken in keiner Weise geschützt sind und bereits tot, würde ein ökologisch handelnder Mensch die Gehäuse nicht allesamt aufsammeln).

Weil unser Wissen und Verständnis wächst, müssen von Zeit zu Zeit sowohl die rechtliche Seite als auch unsere ethische Einstellung nachjustiert werden.

 

Sachliche, nicht radikale Antworten sind gefragt

Sicherlich ist die in der Überschrift gestellte Frage weder sensationell noch neu. Endlos sind die Diskussionen, und man hat wohl schon alles gesagt und geschrieben, was dazu gesagt und geschrieben werden kann. Dennoch verliert das Thema in Zeiten des Massentourismus und in der Ferienzeit nichts von seiner Aktualität. Millionen Menschen sammeln alles auf was sie nur finden können, und dann findet man im Internet als Gegenpol dazu neue Beiträge, die ideologisch anmuten: Man dürfe im Meer gar nichts anfassen! Nicht selten polarisiert das Thema.

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Im Spülsaum des Meeres finden sich spannende Zeugnisse des marinen Lebens der jeweiligen Region (hier Meeroliven, Posidonia oceanica, und Schulp einer Sepia officinalis). Was darf ich davon sammeln? Diese Frage stellt sich Naturfreunden immer wieder neu. Die Meeroliven sind nicht haltbar. Sicher ist: Ein Naturfreund darf kein Ignorant sein und muss sich über die Gegenstände seines Interesses laufend weiter bilden.

 

Für mare-mundi ist es während zahlreicher Exkursionen und Schulprojektwochen eine praktische und pragmatische Frage, eine Frage des ökologischen Gewissens, genauso aber auch eine ethische und juristische. Wir führen als Biologen Gruppen von Naturfreunden durch schöne Gebiete, zeigen ihnen Küsten und Strände und dürfen den Gästen und Schülern bestimmte Botschaften mit auf den Weg geben. Mit vor Freude strahlenden Augen begegnen uns die Gäste, ihre am Spülsaum des Strandes oder am Meeresgrund aufgesammelte Beute stolz in den Händen präsentierend … Wir versuchen sie auf sachliche Weise und differenziert zu informieren.

 

mare-mundi liefert ihnen einige Denkanstöße, die Sie berücksichtigen sollten

– Undifferenzierte oder gar radikale Pauschalverurteilungen sind wenig nützlich (auch das pauschale Verurteilen von “Muschesammlern”). „Umweltbeschädigungen“ haben extrem unterschiedliche Ausmaße und Dimensionen und reichen von völlig harmlos und globalökologisch unbedenklich (eine tote Muschelschale am Strand aufsammeln) bis global-katastrophal (Ölpest, Überfischung, Vergiftung der marinen Nahrungsnetze durch extrem schädliche Chemikalien, Klimawandel etc.).

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Zu den Grundregeln des ethisch/ökologischen Verhaltens bei mare-mundi zählt vor allem diese: Es darf nichts Lebendes aus dem Meer entnommen werden. Bei meeresbiologischen Projektwochen für Schulen bringen wir den Schülern bei, Meereslebewesen respektvoll und vorsichtig zu behandeln und sie nach kurzer Zeit der Beobachtung wieder in den eigenen Lebensraum zurückzubringen. Im Bild der Seestern Echinaster sepositus und der Schwamm Aplysina aerophoba. Seesterne und andere Stachelhäuter sollen nicht aus dem Wasser gehoben werden. Der Schwamm kann nicht für eine Beobachtung “kurz mitgenommen werden”, er ist am Substrat festgewachsen. Auch dieses Beispiel zeigt, dass eine Differenzierung, die auf Fachwissen basiert, erforderlich ist.

 

– Die Sammlerleidenschaft des Menschen und seinen Forscherdrang grundsätzlich in Frage zu stellen und Menschen, die es machen, als Bösewichte darzustellen, ist wenig zielführend und eine radikale Auffassung. Der Fortschritt des menschlichen Wissens ist darauf zurückzuführen, dass Menschen gesammelt und das Gesammelte verglichen haben (das Grundprinzip eines Museums). Sicher haben viele Naturfreunde irgendwelche Bestimmungsführer, ohne Sammeln gäbe es das dort präsentierte Wissen nicht. Normalerweise sterben Arten nicht gleich aus, wenn jemand tote Schalen aufsammelt (wobei natürlich auch die Menge der Sammler berücksichtigt werden muss). Sich an den wunderschönen Formen der Natur zu erfreuen ist positiv, ebenso der Wunsch sich bestimmte Naturprodukte in die eigene Wohnung zu stellen (z. B. Totholz, Steine, Zapfen, Trockenblumen …). Nicht das Sammeln an sich ist also schlecht.

Die Grundlage der traditionellen Steinsuppe

Ein “lebender Stein” aus der Adria: die Grundlage der traditionellen Steinsuppe (ein aussterbendes Rezept aus früheren Tagen). Wenn man einen solchen Stein aus dem Meer herausholt, sterben “ganze Welten” verschiedener Organismen. Es reicht schon einen Stein umzudrehen, und schon bringt man “zwei Welten” um: die Schattenwelt auf der Unterseite und die lichtzugewandte Welt auf der Oberseite. Umgedrehte Steine sollen daher bei Naturbeobachtungen in die ursprüngliche Lage gedreht werden, auch das bringen wir den Schülern der mare-mundi Station Krk bei.

 

– Ethisch und auch ökologisch entscheidend ist die Frage, ob jemand tote Naturobjekte sammelt oder lebende Organismen aus dem Lebensraum entnimmt. Wahre und ökologisch gesinnte Naturfreunde lehnen das Letztere (für die eigene Sammlung oder einfach so “zum eigenen Vergnügen”) sicherlich ohne wenn und aber ab (außer es handelt sich um legitimierte wissenschaftliche Forschung).

– Mindestens so wichtig ist die Frage, ob die Objekte von einer geschützten oder seltenen Art stammen. Miesmuschelschalen (Mytilus) etwa darf man am Strand genauso aufsammeln wie aus der Trattoria nach einer Mahlzeit mitnehmen – was für einen “ethischen” Unterschied würde das schon ausmachen? Mit einer Steckmuschel (Pinna) wäre es ganz etwas anderes, die ist generell geschützt und darf nicht gesammelt und gegessen werden, ebenso die Steindatteln (Litophaga). Sollten Sie solche Arten in einer Trattoria sehen, sollten Sie eine Anzeige bei der nächsten Polizeistation erstatten.

– Man darf nicht vergessen, dass es internationale Schutzabkommen gibt, dass die CITES (Washingtoner Artenschutzabkommen) viele Arten auf Listen führt (bestimmte Muscheln, Schnecken und alle Steinkorallen dürfen grundsätzlich nicht gehandelt werden), dass bei der Einreise in die EU nationale und internationale Bestimmungen beachtet werden müssen und vieles mehr. Bei Übertretungen drohen empfindliche Strafen – und das ist gut so! Die Zollbeamten haben nämlich keine Möglichkeit zu erkennen, ob die Objekte tot am Strand aufgesammelt wurden, aus dem Meer lebend entnommen oder gekauft sind.

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Sämtliche Produkte aus Schildkrötenpanzern sind selbstverständlich Tabu – und selbst wenn es ein kleiner Kamm oder ein Knopf ist! Wie auch viele andere Produkte aus bedrohten Tier- und Pflanzenarten Tabu sein müssen. Informieren Sie sich genau, bevor Sie etwas kaufen. Der beste Weg ist es fragwürdige Ware gar nicht erst anzufassen, um den Handel mit bedrohten Arten nicht weiter anzukurbeln.

 

– Eine ganz entscheidende Differenzierung: Naturfreunde kaufen in aller Regel keine marine „Souvenirs“ bei Händlern (auch hier könnte es bestimmte Ausnahmen geben, aber man müsste sehr differenziert unterscheiden können). Die im Handel angebotenen Organismen werden in aller Regel lebend aus dem Meer entnommen! Lebende Korallen werden aus dem Riff gebrochen und gebleicht. Auch hier muss man jedoch Pauschalverurteilungen vermeiden. In vielen Gebieten finden sich hinter dem Dorf etwa ganze Berge von Molluskenschalen, die von den Einheimischen gegessen werden. Die Mitnahme einer solchen Schale wäre rein aus ökologischer und auch ethischer Sicht völlig unbedeutend und irrelevant (Vorsicht: juristische Aspekte sind dadurch jedoch nicht aufgehoben). Zugleich gilt: Die Riesen-Flügelschnecke (Strombus gigas) aus der Karibik ist durch übermäßiges Sammeln stark gefährdet. Sie ist im rohen und gegarten Zustand als Delikatesse begehrt. Die Gehäuse werden als Souvenirs an Touristen verkauft.

– Von bestimmten Sachen lässt man als Naturfreund auf alle Fälle und grundsätzlich die Finger weg: Man sollte etwa alle angebotenen Haiprodukte boykottieren (Zähne, Kiefer, sonstiges, natürlich auch Haifischflossensuppen, die aber in er Regel nie einen Hai gesehen haben…), um die fortschreitende Ausrottung der Haie nicht zu unterstützen. Ebenso Schildkrötenprodukte und solche aus Meeressäugern. Geschnitzte Pottwahlzähne auf den Azoren könnten eine Ausnahme sein (es gibt Vorräte aus früheren Zeiten des Walfangs, der vor Jahrzehnten eingestellt wurde, nun leben die Menschen vom Waltourismus).

– Man muss schon ein Kenner sein, um zwischen häufigen, nicht gefährdeten Arten und bedrohten, seltenen und geschützten Arten unterscheiden zu können. Darum gilt grundsätzlich: die Dinge lieber liegen lassen oder zumindest gut überlegen und sich gut informieren! Als Naturfreund sollte man kein unwissender Ignorant sein („Ich habe doch nicht gewusst, dass Tritonshörner geschützt sind…). Zugleich gilt: Die wirklichen Probleme der Natur und der Meere sind sicherlich nicht die am Strand gesammelten Mollusken.

Einst waren Krabben an den felsigen Küsten der Kvarner Bucht häufiger und größer. Die schleichenden Umweltveränderungen sind für ältere Meeresbiologen nicht zu übersehen.

Einst waren Krabben an den felsigen Küsten der Kvarner Bucht häufiger und größer. Die schleichenden Umweltveränderungen sind für ältere Meeresbiologen jedoch nicht zu übersehen. Nichts ist mehr so wie es vor 50 Jahren war. Bedeutet es, dass man Krebspanzer nicht sammeln darf? Krebse häuten sich, ihre Häutungskleider (Exuvien) sind begehrte Sammelobjekte, eine ökologisch unbedenkliche Angelegenheit. Sie würden durch die Wasserdynamik innerhalb kürzester Zeit ohnehin zerbrechen. 

 

– Es ist ein gewisser oder auch ein großer Unterschied, ob man solche Objekte aus dem Meer entnimmt oder am Strand sammelt (Spülsaum, Strandanwurf). Im Meer sind leere Muscheln begehrte Mikrohabitate für kleine Fische. Sie laichen typischerweise in solchen Muscheln ab (etwa die Familie Gobiesocidae, Schildfische). Am Strand würden sie durch verschiedene erosive Einwirkungen früher oder später zu Sand zerfallen.

Leere Schneckenhäuser im Meer werden hingegen von Einsiedlerkrebsen benötigt. Alle Hartsubstrate, so klein sie auch sein mögen, werden im Meer von ganzen Heerscharen von marinen Organismen besiedelt. Siedlungsfläche ist im Meer oft Mangelware. Eine tote Molluskenschale am Strand oder andere Hartteile von Organismen werden hingegen wie gesagt schnell zu Sand zerfallen. Es ist nur Kalziumkarbonat, totes Material. Seine Entnahme vom Strand kann manchmal aus ökologischer Sicht so gut wie irrelevant sein (Vorsicht: Irgendeine Relevanz hat in der Natur alles. Unter dem Strandgut können sich etwa kleine Insekten oder Spinnen verstecken, die sonst keine Überlebenschancen hätten. Es könnte auch eine geschützte Art sein, die man nicht in die EU einführen darf). Das Meer wird durch den Verlust dieses Objekts aber insgesamt nicht ärmer und der Meeressand auch nicht weniger. Auch droht es nicht wirklich, dass die Landmasse der Erde oder bestimmter Inseln durch die Mitnahme von etwas Sand vom Strand bedrohlich kleiner wird. Hier spielen andere Aspekte wie der Klimawandel und der Anstieg des Meeresspiegels eine wesentlich größere Rolle.

– Aufklärung, gute, sachliche Information und Eigenverantwortung sind wesentlich zielführender als Gebote und Verbote (obwohl es auch diese geben muss, da es zu viele Menschen, zu viele Touristen und auch zu viele Taucher gibt). Es ist ähnlich wie beim Autofahren: letztlich kommt es auf die Vernunft und Eigenverantwortung des Einzelnen an.

– Eine ideologisch angehauchte Selbstgerechtigkeit, die man öffentlich zur Schau stellt, ist nicht sympathisch. Allein dadurch, dass man selbst beschlossen hat “nichts anzufassen”, wird man nicht automatisch ein besserer oder “ökologischerer” Mensch.

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Der Meeresgrund wie wir ihn leider in der Nordadria häufig finden: ein völlig degradierter Lebensraum mit kahlen Kalkfelsen ohne Algenbewuchs, mit wenig Leben und nicht mehr vorhandener Biodiversität. Es ist nicht zu übersehen, dass sich hier etwas radikal verändert. Umweltgerechtes Verhalten ist in Zeiten wie diesen um so wichtiger.

Was hilft den Menschen vor Ort, was ist vertretbar?

Wenn man zu radikale Ansichten vertritt, übersieht man manchmal die im Reisegebiet lebenden Menschen und ihre Bedürfnisse. Wenn die angebotenen Produkte nicht auf umweltzerstörerische Weise oder aus bedrohten und geschützten Spezies gewonnen werden, dann ist es oft eine vernünftige und humane Tat Souvenirs der Einheimischen zu kaufen. Sie haben in der Regel nicht viele Möglichkeiten Geld zu verdienen. Man sollte zuerst vor der eigenen Tür kehren und bedenken, wie viel Schlechtes der „Weiße Mann“ in seinen Heimatländern anrichtet. Bei uns gibt es oft artenverarmte, überdüngte Wiesen, zuviel Stickstoff im Grundwasser, durch den Skitourismus zerstörte Berge und tausend andere Umweltprobleme. Der Mensch aus dem Westen will oft nur seine Paradiese für den nächsten Urlaub erhalten sehen. Doch die Einheimischen dort müssen auch leben, und sie zerstören dabei oft ihre eigenen Lebensgrundlagen, so wie auch wir unsere zerstören. Global und geschichtlich betrachtet hat sicherlich der „Weiße Mann“ den größeren Schaden angerichtet.

Uns bleibt die Einsicht, dass wir

  • uns genau informieren müssen,
  • radikale Ansichten überdenken, dafür aber sachlich und differenziert handeln,
  • auf jeden Fall die nationalen und internationalen Gesetze beachten,
  • unser ökologisch/ethisches Gewissen schulen, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Pauschalvorschriften helfen nicht immer weiter.

Borromäum: Welche Krabbe, welcher Seestern, welche Schnecke?

 Welche Krabbe, welcher Seestern, welche Schnecke? Schüler freuen sich über Souvenirs aus dem Meer. Sie wollen alles anfassen. Was sollen wir ihnen erlauben, worüber müssen wir sie aufklären? Schulprojektwochen bieten perfekte Möglichkeiten um mit jungen Menschen differenziert über ein angemessenes Umweltverhalten zu reden und ihnen Respekt vor den Kreaturen aus dem Meer als unseren Mitgeschöpfen zu vermitteln. 

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