Straßenbau in Indonesien als Botschafter der Zerstörung

Reportage_Hofrichter_West_Papua_mare-mundi (4 von 37)

Über das Ende der Wälder in West Papua: Baliemtal, Lake Habema, Nationalpark Lorentz

ein Bericht von Robert Hofrichter / mare-mundi.eu

Während eines kurzen Besuchs des Baliemtals im Hochland von West Papua konnte Robert Hofrichter von der Meeresschutzorganisation mare-mundi.eu während einiger Ausflüge die beunruhigende Entwicklung und Zerstörung von Primärwäldern in Indonesien beobachten. Um das Gebiet zu erreichen, muss man aus Jayapura, der Hauptstadt des zu Indonesien zählenden West Papuas (die westliche Hälfte der Insel Neuguinea, die östliche Hälfte ist ein eigener Staat), nach Wamena im Hochland fliegen. Das ist der einzige Zugang zu diesem Hochtal, eine Straßenverbindung existiert vorerst noch nicht. Doch fressen sich rund um den Baliemfluss immer mehr Straßen in die Berge der Region (mehr zum Baliemtal).

Reportage_Hofrichter_West_Papua_mare-mundi (10 von 37)

Von allen Seiten her dringt das Knattern von Kettensägen in unsere Ohren. Rauch steigt überall auf, Brandrodung ist hier die übliche Praxis. Gespenstische Landschaften wie vom Mars oder Mond, mit verkohlten Baumleichen, die gegen den grau verhüllten Himmel ragen. Das Bild stürzt uns in eine Depression. Dabei wären Indonesiens Wälder von größter Bedeutung, denn gerade sie sind Lebensraum von geschätzten zwei Drittel aller an Land lebenden Tier- und Pflanzenarten. Es erübrigt sich zu sagen, dass ein großer Teil davon akut vom Aussterben bedroht ist.

Seit geschätzten 50.000 Jahren leben „Menschen der Steinzeit“ auf der Insel Neuguinea. Doch die Entwicklung der modernen Zeit vernichtet diese alte und urtümliche Zivilisation im rasanten Tempo. Menschnrechtsorganisationen nennen es beim Namen. Sie sprechen von „Indonesiens verdrängtem Genozid“, vom Völkermord in Papua, zu dem die USA und Australien das Kriegsgerät lieferten ( http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Indonesien/papua2.html ). Ein Zitat aus dieser Quelle:

„Die Asiatische Menschenrechtskommission (AHRC) hat in dreijähriger akribischer Recherchearbeit eine Liste mit 4146 Namen zusammengestellt – Personen, die nachweislich 1977/78 bei der indonesischen Militäroffensive in der Provinz Papua getötet wurden. Doch selbst das ist nur ein kleiner Teil der damaligen Opfer. »Mehrere zehntausend Tote« hält das Ermittlerteam in seiner Studie unter dem Titel »Unbeachteter Völkermord« für möglich. Eine Frau berichtete, daß allein in ihrem Heimatdorf wenigstens 4000 Einwohner ermordet wurden. Zu den Verbrechen der Militärdiktatur unter Haji Mohamed Suharto, die von Überlebenden geschildert wurden, gehören Luftangriffe einschließlich des Einsatzes von Napalm, Massenexekutionen, Folter und Vergewaltigungen. In der Konsequenz wirft die AHRC dem damaligen Regime einen Völkermord vor.

In 15 Dörfern des indonesischen Teils der Insel Neuguinea waren die Menschenrechtler unterwegs, um Augenzeugenberichte und andere Beweismittel zu sammeln. Die Überlebenden berichteten von Massenerschießungen und zahlreichen Übergriffen auf Frauen, von denen viele vergewaltigt und anschließend bestialisch ermordet wurden. Mit der Offensive im zentralen Hochland Papuas reagierte das Suharto-Regime seinerzeit auf das Erstarken der Unabhängigkeitsbewegung, die bis heute von der Bewegung Freies Papua (OPM) angeführt wird. Einst war die Inselhälfte eine eigene Verwaltungseinheit der holländischen Kolonialherren und blieb weiter unter deren Kontrolle, als Indonesien seine Unabhängigkeit erlangte. Die UNO, die Papua kurzzeitig verwaltete, hatte ein Referendum vorgeschrieben. Doch nur eine kleine Gruppe handverlesener Einwohner votierte in einer Abstimmungsfarce 1969 für die Annexion durch Jakarta. Nach den Wahlen vom 1977 eskalierte die Situation.“

Reportage_Hofrichter_West_Papua_mare-mundi (14 von 37)Wir fragten manche Missionare, die unter den Dani-Völkern aktiv sind nach diesem Genozid, doch erfuhren wir von ihnen nichts. Eher machten sie ein völlig unverständliches Gesicht. Sie waren durchwegs Indonesier – in unserem konkreten Fall von Sumatra.

Der Wiederstand der Papuas gegen die Macht Indonesiens scheint heute weitgehend gebrochen zu sein, wenn es nach den Berichten dieser Missionare geht, die wahrscheinlich ihre eigene Sichtweise präsentieren. Sicher ist, dass die ursprüngliche Bewohner West Papuas, die hier seit Zehntausenden von Jahren leben, nicht wirklich gefragt werden, wenn es um ihren Wald, seine Zerstörung und die Profite geht. Gegen die Übermacht Indonesiens haben sie keine Chance. Die industrielle Produktion von Palmöl und Zellstoff droht die wertvolle Artenvielfalt West Papuas zu vernichten – so wie Borneo und Sumatra bereits zerstört sind. Der indonesische Regenwald ist oder war der drittgrößte tropische Regenwald der Erde nach Brasilien und dem Kongo-Becken. Doch ist Indonesien durch die ausufernde Überbevölkerung (der Grund des Übels) und eine unvertretbare massive Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den natürlichen Ressourcen auf dem besten Weg diesen Reichtum definitiv zu zerstören.

Die nachfolgende Bildserie, welche die deprimierenden Aussichten dokumentiert, entstand bei einem Ausflug vom Baliemtal zum Lake Habema (oder Habbema) im Hochland, ungefähr drei Autostunden mit dem Geländewagen vom Tal entfernt. Rechts und links der Piste, die zum Lake Habema führt, bietet sich ein erschreckendes Bild der Zerstörung, wie wir es vielleicht noch nie gesehen haben. Paradoxerweise ist es auch die Zufahrt zum Lorentz Nationalpark (Taman Nasional Lorentz), dem größten Nationalpark in Südostasiens mit 23.555 km² (die Fläche eines mittleren deutschen Bundeslandes). Er steht seit 1999 als Naturdenkmal auf der World Heritage List der UNESCO und gehört somit zum Weltnaturerbe und erstreckt sich von äquatornahen Gletschern im Hochgebirge bis 5.000 m bis zum tropischen Meer.

Details zum Park siehe:

https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalpark_Lorentz

https://en.wikipedia.org/wiki/Puncak_Trikora

https://de.wikipedia.org/wiki/Hendrikus_Albertus_Lorentz

Wikipedia schreibt: Gefährdet ist der Park auch durch die rapide Bevölkerungszunahme der auf über 100.000 Einwohner angewachsenen Stadt Timika, angelockt durch das Bergbauunternehmen Freeport. Vor dem Bergbau hatte Timika weniger als 2000 Einwohner. Das um die Mine zahlreich stationierte indonesische Militär verbessert seinen kargen Sold u. a. durch illegalen Holzeinschlag und Schmuggel seltener Vögel.

Reportage_Hofrichter_West_Papua_mare-mundi (34 von 37)Wir näherten uns dem Park von Wamena aus – und diese Fahrt wurde zu einer der deprimierendsten, die wir jemals im Leben unternommen haben. Die Route steht auf der Empfehlungsliste des namhaftesten Hotels der Region und wurde uns vom Eigentümer persönlich nahegelgt. Doch würden wir eher jeden davor warnen zum Lake Habema zu fahren, außer man ist kritischer Journalist und möchte die Naturzerstörung in Indonesien dokumentieren.

Stundenlang ging es durch Brandrodung und Abholzung völlig zerstörte Landschaften. Männer schleppten die riesigen Kettensägen, das sind fast durchwegs Indonesier, während sich Papuas unter blauen Plastikplanen vor dem Regen versteckten. Es ist eine verregnete Gegend, die Berge zwischen dem Baliemtal und dem Lorentz Nationalpark, was nicht gerade zur guten Stimmung beitrug. Als wir am Ende den See erreicht haben, erreichten die Depressionen ein Ausmaß, so dass wir nicht einmal mehr aus dem Auto steigen wollten. Rechts und Links der Piste lagen Berge von Abfällen der wesentlichen Zivilisation, überwiegend Plastikflaschen und Coladosen. Der Aussichtspunkt, einst für Besucher eingerichtet, besteht nur noch aus rostigen Ruinen. Die ganze Landschaft bis zum See und Feuchtgebiet in der Senke ist durch Brandrodung zerstört.

Noch nie haben wir Naturzerstörung unmittelbarer und intensiver erlebt. Niedergeschlagen fuhren wir wieder Stunden durch die zerstörte Landschaft zurück, begleitet vom rauch der brennenden Wälder und dem Knatern der Kettensägen.


Eine Umweltreportage von Dr. Robert Hofrichter (mare-mundi.eu, Salzburg) über Brandrodung und die Abholzung der Wälder bei Lake Habema in der Nähe des UNESCO-Weltkulturerbes Lorentz-Nationalparks (Baliemtal, West Papua)

Januar 2016


Bericht und Fotos: Robert Hofrichter, mare-mundi.eu, Salzburg


Informationen auf einen Blick:

Indonesien 

  • der weltgrößte Inselstaat
  • mit 240 Millionen Einwohnern der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt
  • extreme Überbevölkerung, der Druck auf West Papua wird weiter steigen
  • die indonesische Regierung hat West Papua längst im Visier und pumpt viel Geld in den Ausbau der Infrastruktur – die Zunahme der Abholzung ist vorprogrammiert.
  • Transmigrasi-Politik: Umsiedlung der Menschen aus den extrem überbevölkerten Regionen wie Java in weniger besiedelte Gegenden mit weitreichenden Folgen: Auf verschiedenen Inseln traten bewaffnete Konflikte zwischen den muslimischen Javanern und den ursprünglich dort beheimateten, teilweise christlichen Ethnien auf, z. B. auf den Molukken und West Papua. Große Areale des indonesischen Regenwaldes wurden durch die Ansiedlungen zerstört. Durch den geringen Ertrag der neugewonnenen Flächen, bedingt durch den nährstoffarmen Regenwaldboden sowie nicht an den Regenwald angepasste landwirtschaftliche Methoden, kam es zu einer Verarmung der Transmigrasi-Umsiedler.
  • größtes muslimisches Land

Hauptstadt Jakarta, Staatsform Republik, Regierungssystem präsidentielle Demokratie, Fläche   1.904.569 km², Einwohnerzahl 240.000.000, Bevölkerungsdichte 125 Einwohner pro km², Bevölkerungsentwicklung ▲ +1,25 % pro Jahr (2012), Human Development Index ▲ 0,684 (108.)

Indonesiens Wälder schwinden:

https://www.greenpeace.de/themen/waelder/urwaelder/indonesiens-waelder-schwinden

Deforestation in Indonesia:

https://en.wikipedia.org/wiki/Deforestation_in_Indonesia

Borneo und Sumatra:

http://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/borneo-und-sumatra/

Der vergessene Genozid:

http://www.west-papua-netz.de/index.php/mID/11.1/lan/de/xtra/94fd2694b9e7c6fab8ae2316d55c8e44/msg/f6212c2e347fba86eb67da0bee7b7569/itt/Der_vergessene_Genozid/index.html

Human rights in West Papua:

http://ipwp.org/human-rights-in-west-papua/

100,000 Papuans are estimated to have been killed by the Indonesian government since 1963:

http://sydney.edu.au/news/84.html?newsstoryid=651

Wikipedia: Human rights in Indonesia (einschließlich West Papua)

https://en.wikipedia.org/wiki/Human_rights_in_Indonesia#Papua_and_West_Papua

Karte Lorentz National

2 Kommentare

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Mare-Mundi.eu | Straßenbau in Indonesien als Botschafter der …07.03.2016 – Straßenbau in Indonesien als Botschafter der Zerstörung. 7. … Doch nur eine kleine Gruppe handverlesener Einwohner votierte in einer … […]

  2. […] rücksichtlos auch noch die letzten Refugien rauben, den Wald abholzen (siehe MareMundi-Bericht Straßenbau in Indonesien als Botschafter der Zerstörung), die Riffe zerstören und das Meer mit Plastik verschmutzen. Der Meeresbiologe und […]

Kommentare sind deaktiviert.