…und die Invasion schreitet weiter…

Der Rotfeuerfisch rückt im Mittelmeer Richtung Westen vor

Wie uns Martina Stockinger von der meeresbiologischen Feldstation vor Plakias (Kreta) berichtet, seien nun erstmalig im Juni und Juli Rotfeuerfische – vermutlich Pterois miles (Familie Skorpionfische) von Gästen und einem Tauchlehrer der Tauchschule Dive2gether in dieser Region gefunden und auch fotografiert worden.

Als 1869 der Suezkanal fertiggestellt und eröffnet wurde, feierte man die Vorteile der nun wesentlich verkürzten Handelsrouten, mögliche zoografische und ökologische Folgen für das Mittelmeer waren mit dem damaligen Wissensstand kein Thema. Erst in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde den ersten Neuankömmlingen aus dem Roten Meer Beachtung geschenkt, der israelische Wissenschafter Francis Dov Por prägte als erster – mit Hinweis auf den Erbauer des Suezkanals, Ferdinand de Lesseps – den Terminus der „Lesseps`schen Migranten“.

Nahaufnahme des Mauls eines Rotfeuerfisches im Roten Meer (Robert Hofrichter)

Insgesamt schätzt man bis dato über 1000 indowestpazifische Arten – nicht nur, aber vor allem Fische, Krebse und Mollusken – die über den Suezkanal ins Mittelmeer gelangten. Der Rotfeuerfisch hat also kein Alleinstellungsmerkmal, auf Grund seiner Physiognomie ist er aber auffällig, deshalb leicht zu identifizieren und zudem noch ein beliebtes Fotomotiv für Taucher, was die Verfolgung seiner Wanderwege erleichtert.
Außerdem ist er ein Inbegriff des tropischen Korallenriffs und verdeutlicht daher das Phänomen in einem warm-gemäßigten Meer (vorerst) ohne Korallenriffe besonders anschaulich.
Historisch gesehen wurde er erstmalig 1991 vor der Küste Israels entdeckt, 2012 zunächst in den Gewässern Libanons, 2014 folgten dann Sichtungen in der Türkei, 2015 an der gesamten Südküste Zyperns, dann in Rhodos und 2016 erstmalig an der Südostküste von Kreta. Wenn er nun vor Plakias den Tauchern vor die Linse schwimmt bedeutet das, dass er in einem Jahr etwa 200 Kilometer seines Weges Richtung Westen fortsetzen konnte.

Diese „Tropikalisierung“ hat auch mit physikalischen (und nicht zuletzt anthropogen verursachten oder verstärkten) Veränderungen im Mittelmeer zu tun – sowohl Meerestemperatur wie auch Salinität des Mittelmeeres gleichen sich zunehmend von West nach Ost den Verhältnissen im Roten Meer an.

Der Ausbau des Suezkanals 2014/15 macht es den exotischen Meerestieren immer leichter ins mediterrane Becken vorzudringen und eine „Neue Welt“ zu entdecken.

Experten meinen, dass, zusammen mit Überfischung und Erwärmung die Lesseps`sche Migration zu den größten negativen Einflüssen auf das Mittelmeer zählen. So ist beispielsweise der Rotfeuerfisch ein Prädator („Raubfisch“), der jedoch kaum Fressfeinde hat. Im Westatlantik, in den er auch zugewandert ist, ist sein Vorkommen zwischenzeitlich größer als in seiner Ursprungsregion, die Population an ortsständigen Rifffischen hat um 40% abgenommen! Pterois miles laichen jeden vierten Tag, produzieren damit etwa 2 Millionen Eier pro Jahr (die zum Glück Großteils als Plankton durch die Meere schweben und selbst wieder Nahrung für die Unterwasserwelt darstellen).

Wissenschaftliche Organisationen bemühen sich um Kooperation mit allen, die Daten zum Vorkommen von Pterois miles im Mittelmeer beitragen können. So steht auch die meeresbiologische Feldstation in Plakias mit einem Wissenschaftler des Hellenic Center for Marine Research (HCMR) in Kontakt.

Und wenn es stimmt, was man der Literatur entnehmen kann: Nicht nur die propagierte „Einsammlung“ der Rotfeuerfische, wie sie beispielsweise in der Karibik praktiziert wird, wäre eine Lösung des Problems. Nach Beobachtungen im Westatlantik haben offensichtlich große Grouper  (Zackenbarsche oder Sägebarsche)  gelernt, die giftigen Rotfeuerfische zu ihrem Speiseplan hinzuzufügen. Im Mittelmeer sind jedoch große Zackenbarsche überfischt und sehr rar geworden. Nur eine radikale Adaptierung der Fischereipolitik im Mittelmeer könnte ihren Beständen helfen.

Text: Martina Stockinger/Walter Buchinger
D. Kletou et al.: A lionfish (Pterois miles) invasion has begun in the Mediterranean Sea, 2016, Marine Biodiversity Records
D. Marmara et al.: The invasive Lionfish in Greece, 2016, Research Gate