Buchempfehlung „2052“: Tun Sie mehr als Sie müssen. So vermeiden Sie später ein schlechtes Gewissen.

Wir geben zu, eine ungewöhnliche Überschrift für eine Buchempfehlung. Doch lautet einer der 20 Ratschläge von Jørgen Randers genau so. Wer Jørgen Randers ist? Randers wurde 1972 als Koautor der legendären Studie Die Grenzen des Wachstums für den Club of Rome bekannt, der zum Millionenseller wurde und weltweit für Furore sorgte. Dieses Buch war das schlechte Gewissen für Generationen. Seit 2012 schon gibt es ein neues, komplett überarbeitetes, aktualisiertes und etwas anders konzipiertes Buch. Eine absolute Pflichtlektüre für alle, die wissen wollen, wie ihre Kinder und Kindeskinder in 35 Jahren leben werden. Für alle, die sich Sorgen um unseren Planeten machen. 

Jørgen Randers: „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre.

 

Der Mensch hinterlässt Spuren auf dem Planeten. Die Frage, die sich denkende Menschen stellen: Sind es irgendwann zu viele Spuren, so dass die Prozesse auf dem Planeten unumkehrbar werden? „2052“ beantwortet diese Frage sehr präzise. Oder: „Kommt es mit dem Beginn des dritten Jahrtausend zu einer Wiedergeburt visionär denkender Menschen, die das entleerte Prinzip Hoffnung von neuem mit Ideen füllen, die weit in die Zukunft reichen?“ Foto Robert Hofrichter.

 

Der neue Bericht an den Club of Rome

Der neue Bericht an den Club of Rome „2052“ gehört zu den besten und realistischsten Zusammenfassungen von wissenschaftlich fundierten Zukunftsprognosen für das kommende halbe Jahrhundert, die es derzeit gibt, nach Ansicht von Rezensenten eine „Pflichtlektüre“ und eine „Inspiration für alle, denen die Zukunft unseres Planeten am Herzen liegt“. Also auch für uns von MareMundi.

 

Jørgen Randers (* 22. Mai 1945 in Worcester, England) ist jener norwegischer Hochschullehrer, Autor und Zukunftsforscher, dem wir „2052“ verdanken. Foto: Wikipedia.

20 persönliche Ratschläge – 20 ungewöhnliche Ratschläge – 20 aufrüttelnde Ratschläge

Das Buch „2052“ bietet zum Schluss „20 persönliche Ratschläge“ des Autors für ein besseres, nachhaltigeres und glücklicheres Leben. Wir müssen zugeben, dass diese Ratschläge teilweise so ungewöhnlich und derartig anders (um nicht zu sagen: befremdlich) sind, anders als man es von den endlos vielen Ratgebern kennt, dass man sie zwei- oder dreimal durchlesen muss, um zu verstehen, dass sie in Wirklichkeit genial sind. Sie verblüffen Punkt für Punkt und sind schonungslos wahr – und inspirieren gerade dadurch mehr zum Nachdenken als alle anderen, auf die wir vielleicht in unserem bisherigen Leben gestoßen sind.

 

 

Erziehen Sie Ihre Kinder nicht zu Naturliebhabern!

Nur ein Beispiel: „Erziehen Sie Ihre Kinder nicht zu Naturliebhabern“. Was soll denn das?  Nun, die Erklärung: „Wenn Ihr Kind also das Nächste Mal am Computer sitzt, Ihrer Meinung nach aber im Freien an einem Lagerfeuer sitzen sollte, sagen Sie lieber nichts. Wenn Sie Ihrem Kind beibringen, die Einsamkeit der unberührten Wildnis zu lieben, wird es etwas lieben, das es immer seltener geben wird. Sie erhöhen dadurch die Chance, dass Ihr Kind unglücklich wird, weil es das, was es sich wünscht, nicht mehr finden wird in einer Welt mit acht Milliarden Einwohnern … Die neue Generation lernt besser von Anfang an, im pulsierenden Leben der Megastädte zu Frieden, Ruhe und Zufriedenheit zu finden und bei endloser Musikuntermalung in den Ohren.“

Das schmerzt, ist aber realistisch, wenn man die Augen nicht vor den Fakten verschließt.

 

Wunderschöne Unterwasserwelt des Mittelmeeres. Doch Jørgen Randers gibt uns den Rat „die Vorliebe für Dinge, die bald verschwunden sein werden, zu vermeiden“. Foto Robert Hofrichter.

 

Und in diesem Ton geht es weiter …

„Vermeiden Sie eine Vorliebe für Dinge, die bald verschwunden sein werden … Investieren Sie in hochwertige Unterhaltungselektronik als Ersatz für die Realität … der Fußabdruck der elektronischen Touristen wird kleiner sein, als wenn alle tatsächlich verreisten und die Tiere haben ihre Ruhe … Wenn Ihnen die Vielfalt des Lebens am Herzen liegt, genießen Sie sie, solange Sie noch können … Besuchen Sie die Sehenswürdigkeiten der Welt, bevor Sie durch die Menschenmassen ruiniert werden …“

Die Ratschläge werden ausführlich begründet. Wir können Ihnen „2052“ als Meeresschutzorganisation nur empfehlen. Sie erhalten darin brauchbare Antworten auf die alles entscheidende Frage: Was sollen wir tun? Sollten wir darauf hinarbeiten, die im Buch prognostizierte Zukunft einer stark veränderten Welt zu verhindern, oder sich lieber darauf vorbereiten? Beides sollten wir tun, sagt Randers.

 

Im Korallendreieck – dem Ort der höchsten marinen Biodiversität (und Schönheit) weltweit. … Wenn Ihnen die Vielfalt des Lebens am Herzen liegt, genießen Sie sie, solange Sie noch können … Foto Robert Hofrichter.

 

Anthropozän: Es wäre völlig illusorisch zu glauben, alles würde (wie immer schon) seinen Weg weiter gehen

2052 – das ist in etwa 35 Jahren. Es wäre völlig illusorisch zu glauben, dass sich die Welt in dieser Zeit nicht radikal verändern würde. Denn die negativen Veränderungen im Meer laufen heute in einer Geschwindigkeit ab, die es bisher wahrscheinlich noch nie gegeben hat. Oder aber nur wenige Male, und dann kam es zu den fünf dramatischsten Aussterbewellen der Erdgeschichte – den so genannten big five. Die schlechte Nachricht: Wir leben nach neuesten Publikationen bereits in der sechsten großen Aussterbewelle. Willkommen im Anthropozän, der neuen geochronologischen Epoche, in der wir Menschen zum entscheidenden Einflussfaktor auf sämtliche biologische, geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde geworden sind. Angefangen hat es spätestens in der Mitte der 20. Jahrhunderts. 2016 hat der Internationale Geologische Kongress in Kapstadt bestätigt, dass wir in dieser neuen, menschlich geprägten Weltepoche leben, die in neu entstehenden geologischen Schichten für alle Zukunft dauerhaft ihre Spuren hinterlassen wird.

 

Heile Welt der Korallenriffe irgendwo in der Ferne? „Investieren Sie in hochwertige Unterhaltungselektronik als Ersatz für die Realität … der Fußabdruck der elektronischen Touristen wird kleiner sein, als wenn alle tatsächlich verreisten und die Tiere haben ihre Ruhe …“ Außerdem: Wie Sie den Medien entnehmen können, gehen derzeit Korallenriffe vor unseren Augen großflächig zugrunde. Foto Robert Hofrichter.

 

2017 war die Korallenbleiche ausgedehnter und länger andauernder als jemals zuvor. Obwohl El Niño zu Ende ging, das Korallensterben tat es nicht. Satellitendaten zeigen das Ausmaß des Sterbens in aller Klarheit. Mark Eakin, Korallenexperte der NOAA, machte den Medienvertretern klar: „Das ist die ausgedehnteste und am längsten dauernde Korallenbleiche, die weltweit jemals aufgetreten ist“. Und diesmal blieb auch die Südhalbkugel nicht verschont. Das Great Barrier Reef bot mit 35 Prozent abgestorbener Korallen einen besonders traurigen Anblick.

Selbst jene Menschen, die nicht anders können und die Bedeutung des wirtschaftlichen Aufschwungs höher einschätzen als die Erhaltung der natürlichen Umwelt, in der wir leben, werden nun in Australien eines Besseren gelehrt. Die verheerende Korallenbleiche bedroht den Tourismus des Landes. Mehr als eine Million Touristen pro Jahr und damit knapp 710 Millionen Euro Umsatz könnten ausbleiben. Das größte Korallenriff der Welt ist eben eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des australischen Kontinents. Doch im Frühjahr 2017 veröffentlichte Aufnahmen legten nahe, dass zwei Drittel des gesamten Riffs auf einer Länge von insgesamt 1.500 Kilometern ausgebleicht sind.

Die Rechnung ist für jeden, der die Grundlagen der Meereskunde kennt, einfach: Bei fortschreitender Klimaerwärmung werden solche Bleichen in den kommenden Jahrzehnten nur noch schlimmer und noch häufiger werden – mit katastrophalen Auswirkungen für die Wirtschaft des Landes.

 

Trostloser Anblick: Großflächig ausgebleichte Korallen des größten jemals von Lebewesen erbauten Bauwerks der Erde (great Barriere reef). Foto: weather.com

 

Blieb zumindest die Tiefsee verschont?

Ozeanologen der University of Aberdeen haben erst kürzlich festgestellt, dass selbst die Organismen der tiefsten Tiefsee mittlerweile im erschreckenden Ausmaß mit langlebigen organischen Schadstoffen vollgepumpt sind. Die Konzentrationen sind so hoch, wie sie sonst nur in der Nähe von Industriegebieten üblich seien. Das Hadal unterhalb von 6.000 Metern galt lange Zeit als relativ verschont vor Verschmutzung. Doch das war eine Illusion, wie sich herausstellt, und wenn schon die tiefsten Punkte vergiftet sind, drängt sich die ungute Vorahnung in unser Bewusstsein, dass alles darüber nicht unbelastet sein kann. Die in Flohkrebsen entdeckten Stoffe sind nicht irgendwelche, sondern führend im Gruselkabinett der menschengemachten Toxine: PCBs (polychlorierte Biphenyle), polybromierte Diphenyl-Ether, persistent organic pollutants (POPs)dioxinähnliche Stoffe, allesamt krebserregend, mit hormonähnlichen Wirkungen und sich in der Nahrungskette anreichernd.

 

Selbst die tiefsten Stellen der Ozeane sind von Verschmutzung und Vergiftung des Lebensraumes betroffen. Foto: http://www.nhm.ac.uk/ Natural History Museum

 

Versauerung der Meere

Seriöse Prognosen sagen, dass der pH-Wert des Meerwassers in den nächsten Jahrzehnten von derzeit 8,2 auf 7,9 absinken wird. Wie der norwegische Biologieprofessor Dag O. Hessen schreibt, war 8,2 ein langzeitig stabiler Wert, auf den sich das marine Ökosystem eingestellt hat. Ein Absinken auf 7,9 wird eine schwerwiegende Veränderung sein, die es schalenbildenden Organismen schwer machen wird ihr Außenskelett auszubilden. Zu diesen Tieren gehören auch die Krebschen des Planktons, die allerwichtigste Gruppe des tierischen Planktons in den Ozeanen überhaupt, das Fundament ganzer mariner Ökosysteme. Ein Mangel an Ruderfußkrebschen – das bedeutet automatisch einen Mangel an kleinen Fischen. Und das wiederum wirkt sich direkt auf alle aus, auf Seevögel, Robben, Eisbären und Pinguine. Hessens verheerende Prognose: „Im Jahr 2052 werden nur noch kleine Reste dieses einzigartigen Nahrungsnetzes übrig sein … Ein Nahrungsnetz ist eben genau das: ein Netz …“. Ökologische Kettenreaktionen werden sich auf das gesamte System auswirken. Und auch die riffbildenden Steinkorallen werden unter der Versauerung der Meere leiden.

 

Eine der sehr konkreten Bedrohungen des Ozeans ist der sinkende pH-Wert – also die Versauerng der Meere. Bis 2052 wird sich dieser Wer von 8,2 zu 7,9 entwickeln. Das wird sich auf die elementarsten Grundlagen des Ökosystems Ozean auswirken, denn der pH-Wert ist für den Prozess der Kalkbildung entscheidend. Nicht nur Korallen sind davon betroffen, sondern auch Planktonorganismen wie kleine Krebschen, die Basis mariner Nahrungsnetze.  Illustration: https://www.pmel.noaa.gov/

 

 

Wir schließen uns den Ratschlägen von Jørgen Randers an. Tun Sie mehr als Sie müssen. So vermeiden Sie später ein schlechtes Gewissen. Das Meer kann uns nicht egal sein! Die Welt verändert sich bereits vor unseren Augen, und sie wird es immer schneller und immer tiefgreifender tun. Melden Sie sich bei uns und helfen Sie bei konkreten Meeresschutzprojekten mit.

 

Bericht: Robert Hofrichter, MareMundi