Ein Nachmittag und Abend für Haie im Haus des Meeres

Haie faszinieren, Haie lehren uns das Fürchten, in aller Regel wissen viele Menschen aber nichts über sie. Und das, was sie zu wissen glauben, entspricht häufig nicht der Realität. Andererseits wächst dank der unermüdlichen Arbeit von Meeresschützern auch das Wissen über sie. In den letzten 20 Jahren haben viele Menschen gelernt, dass Haie nicht die hirnlosen Killerbestien sind, die nichts anders im Sinn haben als Menschen zu fressen. Manche Menschen wissen auch schon, dass nichts von der Wahrheit weiter entfernt sein könnte wie diese irrationale Vorstellung. Die in so einem Fall zu erwartenden Scharen von Toten, die gibt es einfach nicht.

einzigartige Kulisse mit Blick über die Dächer von Wien im Haus des Meeres

Am 22. März folgten die Aktivisten der Meeresschutzorganisation MareMundi der Einladung der Freunde des Haus des Meres und leisteten einen Beitrag für die Aufklärung.  Es geht nicht allein um die „Haie an sich“ (obwohl es um diese auch geht), es geht um das Ökosystem Ozean, dessen Bestandteile Haie seit mehr als 400 Millionen Jahren sind. Es geht darum, dass die Erde in der sechsten großen Aussterbewelle der Erdgeschichte steckt, doch diesmal waren keine fremden Himmelskörper oder sonstige Schicksalsschläge für sie verantwortlich, sondern wir selbst, die wir uns für die Krone der Schöpfung halten. Die Übernutzung und Überfischung der Meere, die ausufernde Überbevölkerung, die Verschmutzung durch Plastik, jede Menge unsichtbare Gifte und Lärm, die politische Destabilisierung der Weltordnung, der beschleunigte Klimawandel sind nur einige Aspekte, die wir zu verantworten haben. Die Meere sind über große Strecken leergefischt, und auch die Bestände der Haie sind bis auf klägliche Restbestände kollabiert. Mit ihnen ändert sich das gesamt Ökosystem Ozean, dessen entscheidender Teil sie über die Erdgeschichte waren. Nichts bleibt so wie es einmal war.

direkt vor dem Aquarium der Hammerhaie fanden die Vorträge statt

viele Kinder lauschtem dem spannenden Vortrag von Elisabeth Buchinger

die Kinder arbeiteten aktiv mit

auch Videos die direkt im Haus des Meeres erstellt worden sind wurden gezeigt

Nein, keine Sorge, unsere Vortragenden von MareMundi, Elisabeth und Walter Buchinger, gehören nicht zu jenen Meeres- und Haischützern, die krampfhaft versuchen Haie als völlig harmlos darzustellen, in der Hoffnung, dass man sie dann effektiver schützen und die öffentliche Meinung zu ihrem Gunsten drehen könnte. Vielmehr liefern sie ein völlig realistisches Bild dieser Tiere, die sie aus eigener Erfahrung seit Jahrzehnten sehr gut kennen. Sie haben nicht nur über den beklagenswerten Zustand der Meere gejammert, sondern sich seit langem aktiv für den Meeresschutz eingesetzt.
Haie gibt es wie gesagt seit mehr als 410 Millionen Jahren (ungefähr so alt sind die ältesten Haifossilien, und das waren bereits deutlich erkennbare Haie). Nach vielen Höhen und Tiefs der Erdgeschichte und fünf massiven Aussterbewellen in den Ozeanen (heute leben wir bereits in der sechsten) leben auch heute noch an die 530 Haiarten. Von diesen 530 Spezies waren in den letzten Jahrzehnten vielleicht 25 (und das ist sehr hoch gerechnet) überhaupt in statistisch erfassbare Zwischenfälle mit Menschen verwickelt. Zwischenfälle mit Haien sind noch lange keine Todesfälle, oft handelt es sich bloß um Hautabschürfungen, da Haie eine raue, mit so genannten Hautzähnchen oder Plakoidschuppen versehene Haut haben. Von diesen 25 waren in Wirklichkeit nur etwa zehn bis zwölf Arten regelmäßiger an Zwischenfällen beteiligt, und von diesen wiederum nur drei mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Das sind die big three der Haie, wenn es um ihre potenzielle Gefährlichkeit geht. Und da dürfen wir nicht vergessen, dass der allergrößte Hai überhaupt, der tropische Walhai mit vielleicht bis zu 14 Metern (so große Exemplare werden immer seltener), ein völlig harmloser, friedlicher Filtrierer ist, der primär Plankton und kleine Fische frisst. Nicht minder harmlos ist der zweitgrößte Hai der Gegenwart, der Riesenhai, der selbst im Mittelmeer und in der Nordadria bis Rijeka, Triest und Venedig vorkommt. Die Gefährlichkeit hat also nicht zwingend mit der Größe zu tun.

zum Abschluss hatten die Kinder die Möglichkeit ein Quiz zu beantworten und bekamen als Belohnung einen echten fossilen Haizahn

Die Präsidenten im Gespräch vor dem Abendvortrag

Wie gefährlich sind Haie wirklich? Und das führt uns zu den wirklichen Fakten jenseits der billigen medialen Berichterstattung, in der bereits jede Sichtung eines Haies zu einem Drama hochstilisiert wird, bei dem zwangsläufig oder mit hoher Wahrscheinlichkeit Blut fließen wird. Die Fakten sind recht verblüffend.  Beide Quellen, die uns für solche Überlegungen zur Verfügung stehen, sind in den USA angesiedelt und sind sich konkurrierende Nichtregierungsstellen. Das Global Shark Attack File (GSAF, sharkattackfile.net) sitzt in Princeton, das International Shark Attack File (ISAF, floridamuseum.ufl.edu) in Florida. So gut wie immer sind die Angaben in den Haiunfallstatistiken unterschiedlich, um ganz ehrlich zu sein, können wir uns nicht erklären, wie dies in der heutigen vernetzten Welt möglich ist. Doch für unsere Überlegungen wesentlich sind die Unterschiede nicht wirklich. Ihre Grundaussage bleibt gleich. Und da zeigt sich, dass in zehn Jahren durchschnittlich zwischen etwa 70 und 100 „unprovozierte Angriffe“ jährlich passieren. Das sind solche, die im Lebensraum der Haie erfolgen (sprich der Mensch begibt sich selbst in den Ozean) und ohne ersichtliche Provokation seitens der Menschen, also etwa durch blutige und zappelnde Fische, die sich ein Harpunenjäger an seinen Gurt hängt (denn dann würde das Interesse des Hais einfach nur diesen Fischen gelten, nicht dem Taucher). In vielen Fällen handelte es sich wie angedeutet um harmlose Schrammen, Kratzer und abgeschürfte Haut. Oder nicht lebensbedrohliche Bisswunden. Keine besonderen Dramen also. Fassen wir die bisher bekannten Fakten zusammen: Von 530 Haiarten sind drei Spezies besonders häufig in Zwischenfälle mit Menschen verwickelt, bei weiteren zehn   kommt dies recht selten vor. Obwohl hunderte Millionen Menschen, in Wirklichkeit sind es Milliarden, jährlich eine Begegnung mit dem Ozean haben, sprich in den Lebensraum der Haie steigen (für eine sinnvolle Statistik müssen wir jede solche Wasserbegegnung einzeln zählen, also auch, wenn jemand mehrmals täglich ins Wasser steigt und etwa im Tauchurlaub fünf Tauchgänge macht oder im Badeurlaub achtmal am Tag ins Wasser steigt). Und dann passieren – wenn wir es eher hoch schätzen – 100 „unprovozierte Angriffe“ im Jahr, von denen wir bereits wissen, dass es sich größtenteils um Kratzer handelt.
 

Der Andrang war so groß, dass kurzfristig zusätzliche Sitzreihen aufgestellt wurden

volles Haus beim Abendvortrag von Dr. Walter Buchinger

Wie viele Menschen sterben tatsächlich in Folge von Haibissen? Da ISAF die ältere Organisation ist – sie besteht seit 1958 – und eine Datenbank von etwa 6.000 Fällen dokumentiert (die ältesten gehen auf die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück), nehmen wir sie als Basis her. 2007 hat es 70 „unprovozierte Angriffe“ gegeben, davon nur einen tödlichen, 2008 55 Angriffe und vier tödliche,  2009 68 Angriffe, von denen sieben tödlich endeten. Da es langweilig wäre alle Jahre aufzulisten, es bewegt sich statistisch immer in dieser Größenordnung, heben wir die zwei schrecklichsten Jahre der letzten Zeit hervor: 2011 hat es 79 unprovozierte Angriffe mit 13 Toten gegeben, 2013 waren es 77 Angriffe mit zehn Toten.

sogar Ökoparteien nutzen das schlechte Image des Hais. Hier ist Aufklärung ganz wichtig.

der spannende Vortag lässt die Zeit wie im Flug vergehen

Wie auch immer man die Statistiken dreht und wendet, es stellt sich heraus, dass die Gefahr durch einen Hai zu sterben zu den unwahrscheinlichsten Todesursachen der Welt zählt. Fast jedes Tier entsprechender Größe tötet mehr Menschen, einschließlich Haushunde (nicht aber Wölfe, die in dieser Beziehung geradezu harmlos sind). An einem einzigen starken Wochenende wie etwa Pfingsten, sterben in manchen Jahren in Österreich beispielsweise 17 Menschen im Straßenverkehr. An drei Tagen, in einem kleinen Land mit acht Millionen Einwohnern. Weltweit sterben bei hunderten Millionen Badenden maximal zehn Menschen durch Haie – in einem ganzen Jahr und in allen Ländern der Welt. Sie sehen, mit Realität hat die medial geschürte hysterische Angst vor Haien rein gar nichts zu tun. Wenn Haie darauf aus wären Menschen als ihre Nahrungsgrundlage zu betrachten und zu fressen, dann müsste es viele zehntausende Tote jährlich geben oder noch mehr. Das ist aber nicht der Fall. Apropos fressen: Von den sechs, acht oder zehn Toten durch Haie werden die wenigsten gefressen. Sie sterben in der Regel durch den Schock und vor allem durch den massiven Blutverlust. Immer wieder gelingt es von Haien angegriffene Menschen zu retten. Nicht wenige haben mit dem Verlust eines Beins oder Armes einen Angriff überlebt.

am Schluss werden natürlich noch offene Fragen beantwortet

MareMundi wird von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt. Daher freuen wir uns, dass während des Vortrags einige Spenden gesammelt werden konnten.

MareMundi bedankt sich herzlich bei den Organisatoren der Freunde des Haus des Meeres für die Anregung, diesen Nachmittag und Abend gestalten zu dürfen und freut sich über weitere Kooperationen. Ganz besonders deshalb, da dies die ERSTE Versanstaltung speziell für Kinder im Haus des Meeres war!

MareMundi Logo

Fotos: Alexander Wunderer
Bericht: Dr. Walter Buchinger und Dr. Robert Hofrichter
Redaktion: Alexander und Ramona Wunderer