Mittelmeer: Der Raubbau an Steindatteln zerstört felsige Küs

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Mittelmeer: Der Raubbau an Steindatteln zerstört felsige Küs

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 12 Aug 2007 09:13

Der Raubbau an Steindatteln („Bohrmuscheln“, Litophaga litophaga) zerstört felsige Küstenabschnitte an den Küsten des Mittelmeeres

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Steindatteln (Litophaga litophaga) sind „Bohrmuscheln“, die im Kalkstein leben und diesen auf chemischen Weg „anbohren“ (in Wirklichkeit sondern sie lediglich säurehaltige Sekrete ab, welche den Kalk langsam aushöhlen und die „Wohnhöhle“ der Muschel immer vergrößern, so dass die Muschel wachsen kann und immer eine Wohnhöhle entsprechender Größe zur Verfügung hat (Bild siehe http://www.menorcaweb.net/aguasch/11bio ... /datil.htm). Steindatteln sind als Delikatesse begehrt und erzielen hohe Preise (z. B. Liguria food: Gastronomy in Golfo dei Poeti and Magra Valley: http://tangoitalia.com/cucina/c_liguria_spezia.html ). Doch es gibt nur einen Weg um an sie heranzukommen: Man muss die Küste, das felsige Litoral aus Kalk völlig zerstören. Die Folgen sind nicht nur ästhetisch, sondern auch ökologisch absolut verheerend!

Bild Die Löcher nach den Bohrmuscheln sind begehrte Wohnstätten der niedlichen Blenniiden (Schleimfische).

Der Raubbau an Steindatteln führte an vielen Küsten des Mittelmeerraumes zur Degradation ganzer Küstenabschnitte. Die Muscheln können nur durch das Zertrümmern der Felsen abgeerntet werden, eine der zerstörerischsten “Erntemethoden“ von Meeresfrüchten überhaupt. Steindatteln (Familie Mytilidae) gehören zu den wichtigsten Arten des so genannten Endolithions, einer Lebensgemeinschaft im Kalkstein.

Litophaga besiedelt ausschließlich (vor allem oolithischen) Kalkstein von der Oberfläche bis in etwa 20 Meter Tiefe. Die höchste Dichte - bis 1600 Individuen pro Quadratmeter Gesteinsoberfläche - erreichen sie zwischen einem und 5 Meter. Bis zu 20 cm unter der Gesteinsoberfläche können die Bohrmuscheln gefunden werden. Steindatteln gehören zur traditionellen Küche vieler mediterraner Regionen und erzielten immer schon sehr hohe Preise. Durch die rasante Entwicklung der Tauchtechnik in den letzten Jahrzehnten und die Nachfrage durch den nach wie vor wachsenden Tourismus, aber auch den heimischen Markt werden die Auswirkungen des Raubbaus immer dramatischer. Besonders wertvolle Habitate - etwa bebrandete Kliffs und Meereshöhlen - werden durch die technisch immer besser ausgerüsteten Taucher erreicht und demoliert.

In manchen Regionen wie etwa im Golf von Neapel, der ganzen Sorrentinischen Halbinsel oder an den Küsten Apuliens sind bis über 30 Prozent der felsigen Bereiche des Medio- und Infralitorals bis in eine Tiefe von 10 Metern durch den Raubbau an Steindatteln beeinträchtigt oder zerstört. Oft werden ganze Gesteinsblöcke in die Boote gehievt, um das Abernten schneller und effektiver zu gestalten. Die zertrümmerten Gesteinsbrocken werden von den Seeigeln Paracentrotus lividus und Arbacia lixula abgeweidet, deren massenhaftes Auftreten ein Nachwachsen der Algen auf den Felsen unmöglich macht. Die ökologischen Wunden an völlig zerstörten Unterwasserlandschaften heilen auch nach Jahren kaum - es bleibt eine Kalksteinwüste zurück.

Die Wiederbesiedelungs- und Wachstumsrate von Steindatteln ist gering. Steindatteln werden 80 Jahre alt und wachsen langsam. Die für die kommerzielle Nutzung notwendige Minimallänge von 5 cm erreichen sie nach 15 oder 20 Jahren. Auch im Idealfall würde es also mehrere Jahrzehnte dauern, bis sich in den zerstörten Lebensräumen wieder eine entsprechende endolithische Fauna entwickeln könnte und eine weitere Nutzung möglich wäre, denn Litophaga-Larven brauchen bestimmte Bedingungen, damit sie ein Gestein besiedeln können.

Die Gesetzeslage ist in manchen Ländern noch nicht klar; klar ist jedoch, dass nur die Gesetzgebung und eine strenge Überwachung der Verbote weitere Zerstörungen verhindern können. In immer mehr Ländern der Mittelmeerregion ist das Abernten der Steimdatteln bereits streng verboten.

Literatur
Fanelli G, Piraino S, Belmonte G, Geraci S, Boreo F (1994) Human predation along Apulian rocky coasts (SE Italy): desertification caused by Lithophaga litophaga (Mollusca) fisheries. Mar Ecol Prog Ser 110: 1-8
Russo GF, Cicogna G (1991) The date mussel (Lithophaga litophaga), a “case“ in the Gulf of Naples. In: Boudouresque CF, Avon M, Gravez V (Hrsg.) Les Espèces Marines à Protéger en Méditerranée. GIS Posidonie publ Fr. 141-150.


http://www.rovinj.info/deu/plaze/zasticeneVrste.asp

Man kann die Verwüstung, zu der es während des Herausfischens von Steindatteln kommt, von der Oberfläche nicht sehen. Argumente, die rein auf Feinschmeckerchatakter beruhen, können keine Ausrede für das unsinnige Zerstören der Unterwasserwelt sein. Steindattelliebhaber wissen wahrscheinlich nicht, was für eine Verwüstung ihr kulinarischer Genuss mit sich zieht. Der Raubbau an Steindatteln zerstört unwiederbringlich felsige Küstenabschnitte und gefährdet auch wesentlich das biologische Potential und die Fischfangmöglichkeiten. Daher ist dem kroatischen Gesetz nach der Fang und der Handel von Steindatteln verboten. Nehmen Sie Steindatteln in Restaurants nicht an, da Sie dadurch das Gesetz brechen und zur Zerstörung der Adriatischen Küste beitragen!
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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