Entwicklung der (riffbildenden) Steinkorallen Seychellen

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Dr. Robert Hofrichter
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Entwicklung der (riffbildenden) Steinkorallen Seychellen

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 22 Apr 2012 16:49

Entwicklung der (riffbildenden) Steinkorallen auf den Seychellen

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Die 1990er Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen - und 1998 war das wärmste Jahr der Dekade. Die Folgen für die Korallenriffe des Indopazifiks waren bekanntlich verheerend. :arrow: http://www.mendeley.com/research/ecolog ... e-changes/

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Der westliche Indische Ozean war besonders stark betroffen, ebenso die Seychellen. :arrow: http://www.natureseychelles.org/index.p ... iew&id=208 Die Besucher der Seychellen nach 1998 kennen den verheerenden Anblick rund um die Inneren Inseln. Einer der besten Schnorchhelplätze war z.B. Cocos Island, diese Riffe haben sich praktisch in keiner Weise erholt. Alles was man früher als "Korallenriff" bezeichnen konnte (die Riffe der Seychellen sind oder vielmehr waren meistens Saumriffe), ist praktisch tot.

Während der mare-mundi Exkursion im April 2012 haben wir viele Tauch- und Schnorchelplätze unter die Lupe genommen. Die Schilderung der Ergebnisse dieser Beobachtungen lässt sich wie manche Witze beginnen: Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Beobachtungen decken sich gut mit den Ergebnissen einer Studie, die mare-mundi vor 4 Jahren in Kooperation mit Reef Check durchgeführt hat: Korallen auf Granit ja, Korallen auf Karbonatflächen kaum.

:arrow: Die gute Nachricht ist: :) Riffbildende Steinkorallen (Scleractinia) entwickeln sich an vielen exponierten Stellen mit Granitfelsen als Untergrund ganz prächtig. Nur wenige Beispiele können genannt werden: Die Insel Conception (südöstliche Seite, im Kanal zwischen Mahé und Conception): imposante, beeindruckende Korallenentwicklung, ebenso Brissaire Rock oder Dragons Tail oder Dragons Teeth, Shark Bank (obwohl es mit 26 m schon ziemlich tief liegt)... Ile aux Vaches weiter im Süden von Therese... und so könnte man fortsetzen. Manche Tauchplätze bieten einen sehr erfreulichen Anblick (allerdings muss die Jahres- bzw. Monsunzeit berücksichtigt werden; die beste Zeit um zu tauchen ist der April und Anfang Mai, bevor der Sommermonsun losgeht).
Die (absolute) Stabilität des Untergrundes dürfte eine entscheidende Rolle spielen. Weniger Sedimentation ist wohl auch ein Faktor.

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:arrow: Die schlechte Nachricht: :? Die ehemaligen Riffe (Karbonatflächen, Karbonat-Untergrund) regenerieren so gut wie gar nicht. Der Anblick ist immer noch genauso wie vor 14 Jahren nach dem dramatischen Absterben der Korallenriffe, ein Korallenfriedhof (siehe nächstes Foto von Cocos Island; so sieht es aber eigentlich bei allen einstigen Riffen aus, egal wo).

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... mit Weißspitzen-Riffhai.

Ökologische Gründe für diesen wirklich auffälligen Unterschied zwischen Granitfelsen und den Karbonatflächen wird es wohl mehrere geben. Einer davon ist die fehlende Stabilität des Untergrundes auf den Friedhöfen der einstigen Riffe (man denke auch an St. Pierre bei Praslin, auch ein legendärer Schnorchelplatz). Die einzelnen Bruchstücke sind in ihrer Position nicht langfristig stabil, bei sehr hohen Wellen und sehr starken Strömungen können die Bruchstücke ihre Lage verändern, und Korallenlarven, Primärpolypen oder junge Korallenstöcke können dadurch zugrunde gehen. Selbst Lebewesen wie Papageienfische und andere können die Lage des Untergrundes verändern. Und der Mensch macht es auch, leider wird sich an vielen Stellen, an denen es einen Massentourismus gibt (Cocos ist ein gutes Beispiel, aber auch Felicité und viele andere), kaum eine Koralle entwickeln können, denn die Menschen machen sie mit ihren Flossen oder Füßen kaputt. Immer wieder sieht man einzelne junge Korallenstöcke, die abgebrochen, umgestoßen oder umgedreht wurden, ob durch natürliche Ursachen oder durch Menschen. Die Anker der Motorboote und die Ketten dieser Anker (!) tragen auch zur Zerstörung der jungen Korallen bei. In diesen ganzen "Marine National Parks", die diesen Namen nicht verdienen (wiederum ist Cocos ein Beispiel), gibt es keine einzige Boje,auch bei St. Pierre, überall wird geankert, jeden Tag hundertfach (Ägypten hat am Roten Meer diesbezüglich wesentlich größere Fortschritte gemacht). Eigentlich eine Schande für dieses Land, in Anbetracht der Tatsache, dass es ohnehin sehr wenige brauchbare Schnorcheplätze gibt, und dass man für die Schutzgebiete Eintritte verlangt. Eintritte sind in Ordnung - wenn man anschließend auch etwas für den Naturschutz tut. Solange 50 Boote am Tag die Anker dort werfen und 100 ahnungslose Touristen alles niedermachen, ist es bloße Abzocke, kein Naturschutz.

Ein neuer Aspekt soll noch erwähnt werden, die Anzeichen von Eutrophierung (übermäßiger Nährstoffeintrag) der Gewässer z-B. bei L'Ilot, einem bekannten Tauchplatz bei der Nordspitze von Mahé (siehe nächstes Foto). Noch nie seir 1999 habe ich eine solche Entwicklung von "Fadenalgen" auf den Korallen und überall auf anderen Lebewesen beobachtet (Vorsicht: die Bezeichnung Fadenalgen muss biologisch nicht korrekt sein: Es gibt zwar Braunalgen, die solche Fäden bilden, doch könnten es auch Diatomeen (Kieselalgen) oder Cyanobakterien ("Blaualgen") sein; nur im Mikroskop könnte man es sehen). Was auch immer es ist, es ist im Riff nichts Gesundes, nichts, was man in Korallenriffen normalerweise in Massen vorfindet. Es sah eindeutig wie ein Eutrophierungsphänomen aus (wenn man Erfahrung damit hat kann man es einschätzen), in diesem Fall wäre die wahrscheinlichste Erklärung, dass in der Beau Vallon Bucht und bei der Nordspitze Mahés ungeklärte Abwässer ins Meer eingeleitet werden. Bemerkenswert ist, dass nur L'Ilot davon betroffen war, nicht die weiter entfernten Tauchplätze wie Brissaire Rock oder Shark Bank. Das würde dafür sprechen, dass es sich tatsächlich um Eutrophierung handelt. Manchmal können aber auch starke Regenfälle, die irgendwelche Nährstoffe/Schlamm ins Meer spülen, solche Phänomene auslösen. Man müsste die weitere Entwicklung verfolgen.
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Die Belastung der Korallen"riffe" durch Dornenkronenseesterne kann derzeit als normal betrachtet werden; es findet kein übermäßiger "outbreak" (Massenentwicklung) statt. Manchmal findet man Flecken mit mehreren Dornenkronen, insgesamt haben wir in den 2 Wochen vielleicht 6 oder 8 Tiere beobachtet.
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Nächste mare-mundi Seychellen Exkursion mit Dr. Robert Hofrichter findet im Oktober wieder statt :arrow: https://mare-mundi.eu/forum/viewtopic.php?t=6262
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Kerstin
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Re: Entwicklung der (riffbildenden) Steinkorallen Seychellen

Beitrag von Kerstin » 22 Apr 2012 17:17

Also, mein Eindruck von allen Tauchplätzen in der Beau Vallon-Bucht war ebenfalls, dass es unübersehbar viele Schäden an den rezenten Korallenstöcken gibt, die durch Taucher verursacht werden. Besonders viel Bruch gab es im Marine Nat. Park, Baie Ternay.
Kann man nicht einen Aufruf an die Tauchschulen starten, dass sie bei Ihren Tauchgästen mehr auf berührungsfreies Tauchen achten (die Russen waren diesbezüglich absolut unsensibel, aber wenn die Guides darauf mehr achten würden - und natürlich die Ankerproblematik - hast Du mit Mike darüber gesprochen? Damit könnte man schon einiges erreichen.
Zu den Dornenkronen: bei einem Tauchgang hat einer der Tauchguides erklärt, dass man die Dornen ganz gezielt eingesammelt bzw. unschädlich gemacht hat, da gabe es wohl bereits Kampagnen. Ich hab - so wie Du es beschreibst - an den verschiedenen Tauchplätzen nur Einzeltiere gesehen.

Lieben Gruß, Kerstin

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