Artenvielfalt: Mysteriöses Amphibiensterben

Informationen über Lurche und ihren Schutz daheim und weltweit

Moderator: A-Team

Antworten
Benutzeravatar
Dr. Robert Hofrichter
Geschäftsführer
Geschäftsführer
Beiträge: 5606
Registriert: 08 Sep 2006 13:44
Kontaktdaten:

Artenvielfalt: Mysteriöses Amphibiensterben

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 26 Mai 2008 08:02

Artenvielfalt: Mysteriöses Amphibiensterben

Das Artensterben läuft im Zeitraffer ab. Frösche trifft es besonders hart - als würden sie sich in Luft auflösen.
Von FOCUS-Redakteur Michael Odenwald

http://www.focus.de/wissen/wissenschaft ... 03385.html

Froscharten sterben im ZeitrafferAuf dem gesamten Globus vollzieht sich das Artensterben gewissermaßen im Zeitraffer: Unter den Augen der entsetzten Herpetologen - also der Amphibien- und Reptilienkundler - verschwindet seit fast zwei Jahrzehnten eine Art Amphibien nach der anderen. Besonders hart trifft es die Frösche. Als würden sie sich in Luft auflösen, fehlen sie selbst in scheinbar intakten Biotopen. Und das an vielen Orten parallel, ob in den Nebelwäldern Mittelamerikas, in australischen Regenwaldgebieten, in den äquatorialen Hochanden oder den unzugänglichen Tälern des Küstengebirges in Chile.

In Europa und Nordamerika brechen ebenfalls Populationen sonst durchaus häufiger Froscharten ein, aber auch von Kröten und Salamandern. „Die Zahlen sind schockierend“, klagte jüngst die Fachzeitschrift „Nature“. „Schätzungsweise die Hälfte der knapp 6000 bekannten Arten Amphibien ist von Krankheiten, Umweltverschmutzung, Zerstörung ihrer Lebensräume oder dem Klimawandel bedroht; etwa ein Drittel der Spezies, nämlich 1896, stehen vor dem Artentod.“ Von den 113 bekannten Arten der Stummelfußkröten etwa sind gerade fünf bis zehn Prozent als nicht bereits ausgestorben oder vom Aussterben bedroht eingestuft. Mit den chilenischen Darwinfröschen - wegen ihrer spitzen Schnauzen werden die nur drei Zentimeter langen Hüpfer auch Nasenfrösche genannt - droht sogar eine ganze Amphibiengruppe zu verschwinden. Die Daten wurden vom „Global Amphibian Assessment“ (GAA) erhoben. Dieses Netzwerk internationaler Forscher führte eine Art weltweiter Lurch-Inventur durch.
Killerpilz erstickt Lurche
Laut GAA könnten seit 1980 bereits 165 Amphibienarten dahingerafft worden sein, darunter ein magenbrütender Frosch in Australien, der seinen Nachwuchs im Bauch aufzieht, und die einst in Costa Rica heimische Goldkröte. Allerdings wurden davon nur 34 Arten offiziell für ausgestorben erklärt, denn der Nachweis, dass es keine einzelnen Exemplare einer Spezies mehr gibt, ist schwierig. Von weiteren 130 Arten wurde längere Zeit kein Tier mehr gesehen, was nun auch für diese Spezies das Schlimmste befürchten lässt.
Den Niedergang der Lurche bewirkt in vielen Fällen ein sogenannter Chytridpilz, der vermutlich aus Südafrika stammt. Er blockiert die Hautatmung der Tiere und lässt sie ersticken. Der Killerpilz verbreitet sich in der ganzen Welt. Mancherorts vernichtet er bis zu 85 Prozent einer Population. Die überlebenden Frösche können den Bestand nicht aufrechterhalten, weil sie keine Partner mehr zur Fortpflanzung finden. Manche Biologen glauben, der Pilz sei mit afrikanischen Krallenfröschen, verschleppt worden. Diese Art ist resistent gegen den Pilz. Gegen diese These spricht, dass auch besonders abgelegene Gebiete betroffen sind, in die nie ein Krallenfrosch kam.
Unkrautvernichtungsmittel und UV-Strahlung
Daneben machen auch Auswirkungen des Klimawandels auf die Lebensräume den Amphibien zu schaffen sowie die UV-Strahlung, die aufgrund der Zerstörung des stratosphärischen Ozons in vielen Regionen zunahm. Eine Studie US-amerikanischer Forscher zeigt zudem einen signifikanten Zusammenhang zwischen hoher Amphibiensterblichkeit und der Ausbringung des weltweit am häufigsten verwendeten Unkrautvernichtungsmittels „RoundUp“ des Agrochemie- und Saatgut-Konzerns Monsanto. Vermutlich verstärken Parallel- und Wechselwirkungen dieser Faktoren die Bedrohung für die Lurche. In Mitteleuropa bringen demgegenüber der Straßenverkehr und die Zerstörung oder Vergiftung der Lebensräume - Kleingewässer und umgebende Biotope wie Wälder, Wiesen, Auen und Moore - durch Landwirtschaft, Industrie sowie Siedlungs-, Straßen- und Wasserbau die meisten Amphibien zur Strecke.
Das in Teilen noch immer mysteriöse Amphibiensterben schreckte die Forschergemeinschaft auf. Um zu verhindern, dass die Lurche ganz von der Erde verschwinden, startete der Welt-Zooverband Waza in Verbindung mit der Internationalen Naturschutzunion IUCN ein Notprogramm. Es sieht vor, besonders gefährdete Arten in Gefangenschaft nachzuzüchten. Dazu sammeln Herpetologen von manchen Spezies buchstäblich die letzten in freier Wildbahn lebenden Exemplare ein. Ziel der „Amphibien-Arche“ - so der Name des 400 Millionen Dollar teuren Projekts - ist, in den kommenden fünf Jahren jeweils 500 Tiere von 500 Arten in Zoos und Terrarien zu überführen, wo sie sich vermehren sollen.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

Benutzeravatar
horstartur
Profi
Profi
Beiträge: 653
Registriert: 13 Sep 2007 12:41
Wohnort: Essen
Kontaktdaten:

Beitrag von horstartur » 26 Mai 2008 16:07

Unter dem Focus-Artikel habe ich auch einen Leserbrief gefunden, der die Kryokonservierung vorschlägt. "Die Technik wäre vorhanden". Das stimmt nicht ganz. Amphibieneier, besser gesagt > Embryonen (und um die geht es, nicht so sehr um die winzigen Spermien) sind meistens mindestens 1 mm im Durchmesser, also das 10fache von ("höheren") Säugereiern einschließlich Mensch. Letztere lassen sich tatsächlich einfrieren und (wichtig) vital wieder auftauen. Amphibieneier enthalten im Gegensatz zu denen höherer Säuger dotterreiches (mesolecithal) Material, das beim Auftauen den Embryo zerstört. Mit höher meine ich eben nicht die dotterreichen Eier von den niederen Mammalia (Monotremata, australische "Kloakentiere"). Die Kryokonservierung von Gepardembryonen ist dagegen tatsächlich gelungen(Hab ich selbst auf einem Meeting in Südafrika gehört). Für Amphibeien dürfte diese Methode nicht geeignet sein. Es bleibt dann wirklich nur die "Arche" (bzw. andere Rettungsmethoden > Fungizide??). Übrigends, wenn die Kryomethode mit Amphibien problemlos ginge, hätten wir sie längst angewandt. Früher zu Nobelpreisträger Hans Spemann's Zeiten bekam man für Untersuchungen im Winter keine Amphibien-Embryonen. Dann hätte man einfach die eingefrorenen Eier aufgetauen können. Seit 1980 haben wir Krallenfrosch-Embryonen (Xenopus laevis, X.tropicalis oder X.borealis) für unser Untersuchungen verwendet, die man durch Hormoninjektion ganzjährig erhalten kann.
Embryologie, Entwicklungsbiologie, Zoologie, Evolution,Gentechnik, Amphibien, Video (auch UW-Fluoreszenz) , Naturschutz, Galapagos, Seniorkapitän, LeipzigAir http://www.leipzigair.de/
Homepage: http://www.uni-due.de/zoophysiologie/

Antworten

Zurück zu „Amphibien, herpetologische Arbeitsgemeinschaft“