Platz für Mensch und Natur: mare-mundi im dt. Bundestag

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Dr. Robert Hofrichter
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Platz für Mensch und Natur: mare-mundi im dt. Bundestag

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 21 Nov 2009 12:22

Platz für Mensch und Natur: mare-mundi Interview und das Mittelmeer
in der Zeitschrift des Deutschen Bundestages - Das Parlament -
Nr. 32/33 - 3./10. August 2009


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ROBERT HOFRICHTER: Damit das sensible Ökosystem Mittelmeer überleben kann, fordert der Meeresforscher stärkere Kontrollen, mehr Respekt vor Naturschutzgebieten und den Schutz von Haien

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Sie sind in der (Tschecho)Slowakei geboren und als Student nach Österreich emigriert - beides Länder ohne Meeresküste. Woher rührt Ihre Faszination für das Mittelmeer? Das ist bei mir eine Liebe seit meiner Kindheit. Mit ungefähr zehn Jahren bin ich zum ersten Mal mit meinen Eltern nach Rovinj in Istrien gefahren. Damals habe ich schätzungsweise acht Stunden am Tag schnorchelnd im Wasser verbracht. Der Duft der Pinien, die Zikaden, der Hafen mit den Booten und dann die Unterwasserwelt - das alles hat mich schon als Kind gepackt.

War das Mittelmeer damals noch eher eine heile Welt als heute? Ich habe zwanzig Jahre nach meinem ersten Besuch als Student einen meeresbiologischen Kurs in Rovinj gemacht. Ich habe an der gleichen Stelle geschnorchelt wie als neunjähriges Kind und gemerkt, wie viel sich verändert hatte. Früher waren die Felsen dicht mit Braunalgen bewachsen. Auf Felsgrund ist das eine ganz wichtige Art, die einen ganzen Lebensraum prägt. Es gab auch große Schwärme von Goldstriemen, algenfressende Fische aus der Gruppe der Meerbrassen. Als ich dann 1988 mit der Uni wiederkam, waren die Algenfelder kahlgefressen von Seeigeln, die sich massenhaft vermehrt hatten. Die Fischschwärme waren auch weg. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.

Warum sind die Algenfelder und die Fischschwärme verschwunden?
Als Naturwissenschaftler ist man sehr vorsichtig mit einfachen Erklärungen. Meistens gibt es eine ganze Reihe von Einflussfaktoren. Natürlich spielt Überfischung eine Rolle. Es gibt ja nicht nur die große Fischerei, mit Trawlern und Schleppnetzen, sondern auch küstennahe Fischerei. Auch die Eutrophierung, der Nährstoffeintrag durch den Menschen, verändert die Zusammensetzung der Arten.

Sie kritisieren, dass Algen ein zu negatives Image haben und in den Medien nur im Zusammenhang mit „Algenplagen“ oder „Killeralgen“ auftauchen. Was ist der Nutzen von Algen? Die Algen stehen am Anfang der Nahrungskette im Meer. Die Mikroalgen sind die Basis des Lebens: Unzählige dieser Kleinstorganismen schwimmen in jedem Milliliter
Wasser und produzieren Sauerstoff und Biomasse. Die Mikroalgen werden dann vom tierischen Plankton gefressen. Das sind in der Regel kleine Krebschen, die von Fischlarven, von kleinen Fischen und Sardinen
gefressen werden. Und so geht das dann weiter zu den Thunfischen und Delfinen und anderen wunderbaren Meeresorganismen. Aber sie alle könnte es ohne Mikroalgen gar nicht geben.

Als Mitautor eines Buches mit dem Titel „Räuber, Monster, Menschenfresser“ gehen Sie Vorurteilen über Haie nach. Woher haben Menschen diese? 1975 kam der Film „Der weiße Hai“ von Steven Spielberg in die Kinos. Zwar hatten Menschen auch vor dem Film schon Angst vor Haien und sprachen beispielsweise von „haiverseuchten Gewässern“. Aber der Film hat eine wahre Hysterie ausgelöst. Es
ist geradezu ein Hass gegen Haie entstanden, was zum Feldzug gegen sie führte. Überall hat man sie abgeschlachtet, und der Weiße Hai gehört inzwischen zu den am stärksten bedrohten Haiarten.

Auch im Mittelmeer sind Weiße Haie... Ja, das überrascht die meisten Menschen, weil sie denken, sie würden nur an den Küsten von Australien, Südafrika oder Kalifornien vorkommen. Aber Weiße Haie
sind keine tropischen Haie: Sie bevorzugen warm-gemäßigte Gewässer. Das finden sie im Mittelmeer. Das europäische Mittelmeer gehört sogar zu ihren Kernverbreitungsgebieten. Mit maximal sechseinhalb Metern Länge ist es die größte Raubhaiart der Gegenwart, und natürlich sehr furcheinflößend. Bei meinen Tauchgängen bin ich allerdings vielen Haien begegnet, aber nicht dem Weißen Hai.

Schützen Menschen denn lieber Tiere, die ihnen sympathischer oder niedlicher scheinen, wie Delfine oder Wale? Zum Schutz der Wale ist seit etwa 30 bis 40 Jahren eine ganz starke Bewegung entstanden, an der beispielsweise Greenpeace sehr stark beteiligt war. Wale sind heute mit Ausnahme von Japan, Dänemark und Island so gut wie überall geschützt. Und es ist ein allgemeines ethisches Empfinden entstanden bei der Mehrheit der Menschen, dass man Wale nicht abschlachtet. Um Haie hat sich keiner gekümmert.

Wer bedroht denn die Haie? Mit der Erschließung der asiatischen
Märkte ist auch im Mittelmeerraum der Bedarf nach Haiprodukten gewachsen. Beim Fang werden Haien oft bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten, die sterbenden Tiere werden zurück ins Meer geworfen. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist vielen bewusst geworden, wie dramatisch es da wirklich zugeht. Die Haifischpopulationen im Mittelmeer
sind inzwischen um bis zu 95 Prozent dezimiert oder völlig verschwunden.

In der Europäischen Union ist diese Praxis, das „finning“, verboten.
Das ist Augenwischerei. Ich habe mich intensiv damit befasst, als ich vor einigen Jahren einen Film für das Österreichische Fernsehen gedreht habe. Wir waren auf den Seychellen und auf Galapagos unterwegs und
haben festgestellt: Die meisten Schuldigen, die dort „finning“ praktizieren, sind EUSchiffe: hauptsächlich spanische, aber auch
französische und italienische. Die Ware übergeben sie auf hoher See asiatischen Schiffen, kein Mensch kontrolliert das. Gesetze helfen gar nichts, solange ihre Einhaltung nicht strengstens kontrolliert wird.

Haie brauchen große Beutetiere, beispielsweise Robben. Doch auch die
Mönchsrobbe als einzige Art im Mittelmeer ist fast verschwunden. Warum?
Weil die Fischer sie als Konkurrenz um ihre Beute empfunden haben, wurde sie vertrieben und teilweise auch erschossen. Aber auch der zunehmende Wohlstand und damit die steigende Zahl von Motorbooten hat eine große Rolle gespielt: In vielen Regionen
gibt es keinen Fleck mehr, wo die Robbe überleben kann. Sie braucht ja Ruhe, um ihre Jungen aufzuziehen, und in der Saison rasen alle zwei Minuten Motorboote mit 500 PS an ihren Plätzen vorbei.

Den Massentourismus halten Sie für eine schwere Belastung für das Mittelmeer. Könnten Sie sich eine naturverträglichere Form des Reisens vorstellen? An den Küsten des Mittelmeers leben mehr als 200 Millionen Menschen in über zwanzig Ländern. Es wäre illusorisch zu verlangen, dass jede Nutzung des Meeres aufhört. Der Mensch nutzt das Meer und hat es immer genutzt. Aber es muss Platz geben für den Menschen und genauso für die Natur.

Was bedeutet das für die Touristen? Naturschutzgebiete müssen als solche respektiert werden. Wer für Kunden im höheren Preissegment Hotels in geschützte Gebiete baut - wie auf den Kanaren oder in Spanien -, nimmt der Natur die letzten Rückzugsgebiete. Dieser Entwicklung muss man gegensteuern.

Was fordern Sie? Die Politiker der betroffenen Länder sollten die grenzenlose Zubetonierung der Küste verhindern. Es muss eine Mindestlänge an unbebauter Küste geben, damit das Mittelmeer
als Ökosystem überlebt.

Sie organisieren in Kooperation mit Tauchschulen Kurse mit meeresbiologischer Begleitung. Sind Taucher denn keine
Belastung für die Umwelt?
Gerade Taucher haben in den letzten Jahrzehnten ein unheimliches Umweltbewusstsein entwickelt. Früher, in den Pionierzeiten des Tauchens, waren sie allerdings überhaupt nicht umweltbewusst. Da war Tauchen aber noch keine Massenbewegung
und das Meer konnte es verkraften.

Was haben sie damals angestellt? Sie haben Schildkröten festgehalten, sich von Haien und Delfinen ziehen lassen, Tiere harpuniert. Als Tauchen zur Massenbewegung wurde, hat das Harpunieren ganze Bestände vernichtet. Ein Beispiel: Einer der begehrtesten Fische im Mittelmeer ist der braune Zackenbarsch, eine imposante, mehr als ein Meter lange Art. Der ist auf Hunderten von Kilometern verschwunden. In vielen romanischen Ländern ist ja dieses Machogehabe unter Wasser wahnsinnig verbreitet, je länger die Harpune ist, umso besser. Inzwischen ist Harpunieren mit Tauchgerät aber in den meisten Ländern
verboten.

Und die Taucher? In den letzten 20 Jahren hat sich eine sehr starke Unterwasserethik entwickelt: Tauchschulen achten sehr darauf, dass man nichts anfasst und den Grund nicht berührt. Im Roten Meer, wo das Tauchen eine Massenbewegung ist, gibt es aber noch schlecht ausgebildete Taucher, die Korallen abbrechen. Aber im Mittelmeer gibt es ja keine Korallenriffe, und das Umweltbewusstsein ist sehr groß.

Sie fordern auch von den Touristen mehr Verantwortung. Man sollte durch sein Konsumverhalten bestimmte Dinge vermeiden. Haiprodukte sollte man beispielsweise boykottieren. Natürlich kann man durch sein Konsumverhalten keine Wunder von heute auf morgen bewirken. Aber es muss auch eine bürgerliche Bewegung geben, das kann
nicht alles die Politik machen.

Macht die Politik denn genug? Es gibt für das Mittelmeer sehr viele Netzwerke, Organisationen, Meetings und Kongresse, wo zum Teil sehr viel EU-Geld ausgegeben wird. Da entstehen dann Tagungshefte und programmatische Erklärungen, aber davon gibt es genug. Es gibt auch EUInitiativen und Programme, die aber an der Umsetzung scheitern. Da sind zu viele Interessen im Spiel: Die Fischerei hat eine sehr starke Lobby, die immer versucht zu bremsen, wenn es um Quoten oder
wirklich konkrete Schutzmaßnahmen geht. Wenn es um wirtschaftliche Interessen geht, denken viele sehr kurzfristig.

Sie haben die Organisation „mare mundi“ gegründet. Womit beschäftigt
sie sich?
Unsere Arbeit hat drei Säulen: Forschung, Ausbildung und Meeresschutz. Wir unterstützen Studienarbeiten, die beispielsweise
die Lebensräume bedrohter Arten erforschen. Wir bieten Exkursionen für
Studenten zu unserer Forschungsstation in Krk in Kroatien an. Denn leider verliert die klassische Zoologie an den meisten Universitäten
immer mehr an Bedeutung zugunsten der Molekularbiologie. Und Meeresschutz bedeutet auch Müll sammeln am Strand. Wenn uns Touristen in der prallen Sonne tonnenweise Müll sammeln sehen, sind manche beschämt und machen sogar mit.

Das Interview führte Kata Kottra.

Im WDR-Fernsehen läuft am 3. und 10. August die Dokumentation "Bedrohte Paradiese“, an der Hofrichter mitgewirkt hat.

An den Küsten des Mittelmeeres leben mehr als 200 Millionen Menschen. Es wäre illusorisch zu verlangen, dass jede Nutzung des Meeres aufhört.


ZUR PERSON
Robert Hofrichter wurde 1957 in der heute slowakischen Hauptstadt Bratislava geboren. Der promovierte Meeresbiologe hat zahlreiche Bücher geschrieben, unter anderem ein zweibändiges Standardwerk zu „Flora, Fauna und Ökologie“ des Mittelmeers. Er betreut Tauchexkursionen am Mittelmeer, hat ein Forschungsinstitut am Roten Meer gegründet und baut ein weiteres im kroatischen Krk auf. Seine Organisation „mare mundi“ setzt sich für den Schutz des Mittelmeeres ein.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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Beitrag von Maximilian Wagner » 21 Nov 2009 13:15

Hey.. dann hat sich das 2 stündige Telephonat ja doch ausgeszahlt :wink:
In der Natur durchströmt den Menschen trotz all seiner Sorgen natürliches Wohlbehagen. Ralph Waldo Emerson

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Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 21 Nov 2009 13:34

Maximilian Wagner hat geschrieben:Hey.. dann hat sich das 2 stündige Telephonat ja doch ausgeszahlt :wink:
Ja genau, Du warst ja dabei ...vor Krk, immer am letzten Tag kommen noch so unerwartete Dinge ... Aber so haben die deutschen Abgeordneten zumindest etwas über Haie gelesen ... :)
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Beitrag von Helmut Wipplinger » 21 Nov 2009 14:50

super!
www.mare-mundi.org

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Beitrag von hendrik » 21 Nov 2009 16:44

Schön zu lesen -->
Ich hab auf Korcula in Vela Luka oder besser noch im Wasser davor Schwimmen und Schnorcheln gelernt und war bestimmt noch keine 10. Geld verdient haben wir uns mit dem Verkauf von Seesternen und Seeigeln, die wir für die Touris da raus gehlot haben. Deutsch konnten wir ja nicht mehr, nur noch kroastisch zählen, bis es für ein großes Eis gelangt hat. Wie das heute wohl über und unter Wasser aussieht?? Ich war nie mehr dort.

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Interview

Beitrag von hendrik » 21 Nov 2009 16:46

Tolle klare Antworten ohne Schnörkel. Hab ich mir gleich ausgedruckt.

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amatpress
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Beitrag von amatpress » 22 Nov 2009 11:21

:oops: Na sooowas !!! :roll: :respect: und GRATULATION auch von mir :!:

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