Riesen haben selten Krebs

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Riesen haben selten Krebs

Beitrag von mare-mundi Redaktion » 23 Jan 2013 18:20

Riesen haben selten Krebs

Bei der Suche nach einem Mittel gegen Krebs geraten nun der Blauwal und andere Riesensäuger in den Fokus der Wissenschaft. Möglicherweise sind große Tiere besser vor Tumoren geschützt als kleine.

:arrow: http://science.orf.at/stories/1711448/

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Wäre die Entstehung von Krebs nur vom Zufall abhängig, dann hätte der Blauwal schlechte Karten. Er besitzt als größtes Tier der Erde auch die meisten Körperzellen, die zu bösartigen Tumoren mutieren könnten. Und sollte daher öfter an Krebs erkranken als alle anderen. Allein, der Wal erfreut sich bester Gesundheit. Während ungefähr jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens an Krebs erkrankt, sind es bei großen Meeressäugern weniger als 20 Prozent.

Der britische Statistiker und Epidemiologe Richard Peto war der erste, dem aufgefallen ist, dass große Tiere öfter Tumoren entwickeln sollten - es aber offensichtlich nicht tun. Seit Peto diesen Widerspruch notiert hat, sind mehr als 40 Jahre vergangen. Nun, spät aber doch, erhält er eine Antwort aus Frankreich.

Benjamin Roche, ein Biomathematiker aus Montpellier, hat das Paradox in ein mathematisches Modell gegossen und daraus ein paar interessante Antworten abgeleitet. Roches Modell besteht aus zwei Hauptzutaten, nämlich jenen Genen, die Krebs verhindern oder fördern. Sie heißen "Tumorsuppressorgene" bzw. "Protoonkogene". Erstere sind quasi die Bremsen der Krebsentwicklung, letztere die Gaspedale. Mutationen in diesen Genen können jedenfalls den Zellzyklus außer Kontrolle bringen. Ist das der Fall, beginnt der Tumor zu wachsen.

Evolution: Kein Wunschkonzert
Dass die Sache mit biologischen Mitteln zu verhindern wäre, beweisen Wale, Elefanten und die anderen Riesen des Tierreichs. Wie Roche schreibt, sind die Gegenmaßnahmen aber teuer. "Teuer" im evolutionären Sinn: Denn die Pflege der Tumorsuppressoren geht offenbar auf Kosten der Fortpflanzungsrate. Mit anderen Worten, bei vielen kleineren Tierarten zahlt sich ein besonderes Investment in die Krebsprophylaxe nicht aus. Ökonomisch sinnvoll ist sie nur bei schweren Tieren. Pech für Mittelgewichtler wie den Menschen.

Das ist natürlich nicht die einzige mögliche Erklärung. Wie Carlo Maley von der University of California in San Francisco gegenüber "Nature" betont, könnte auch der Stoffwechsel der großen Tiere eine entscheidende Rolle spielen. Bei ihnen ist der Umsatz pro Körpergewicht geringer, daher entstehen auch weniger schädliche Abfallprodukte, die wiederum die DNA schädigen können. Maley möchte nun das Genom des Buckelwals sequenzieren, um das Erfolgsgeheimnis der Großsäuger zu lüften.

Roche hält dagegen: "Evolutionär betrachtet ist es für die Population oft besser, wenn sie Todesfälle durch Krebs toleriert als in teure Schutzmaßnahmen zu investieren." Er ist im Übrigen nicht der einzige, der Krankheit als evolutionäres Buchhaltungsproblem deutet. Der US-Biologe George C. Williams hat in seinem 1994 erschienenen Buch "Why we get sick" ähnlich argumentiert. Schutz vor Krankheit wäre per se möglich, schreibt er. Nur wurde sie aus Kostengründen selten realisiert.

Robert Czepel, science.ORF.at

Die Studie
"Peto's paradox revisited: theoretical evolutionary dynamics of cancer in wild populations", Evolutionary Applications, Jänner 2013 (doi: 10.1111/eva.12025) :arrow: http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1 ... 5/abstract

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