Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

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ClaudiaBryozoa
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Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

Beitrag von ClaudiaBryozoa » 24 Okt 2010 13:52

hi,

ich habe mich ja schon früher als Freund der Limnologie (Süßwasserökologie) geoutet und habe mir dieses Jahr endlich Zeit genommen, in diese Richtung mehr praktisch zu arbeiten. Über das Projektpraktikum Fischökologie habe ich ja schon einmal kurz berichtet (https://mare-mundi.org/forum/view ... =12&t=5127). Diesmal möchte ich den traditionellen Lunz-Kurs vorstellen, den ich selber gerne als "Rovinj-Kurs der Limnologen" bezeichne.


Offiziell heißt der Kurs mittlerweile "Aquatische Biozönosen" und stellt einen fortgeschrittenen Limnologie-Kurs der Uni Wien dar, der jedes Jahr im Summer im Bootshaus am Lunzer Untersee in Niederösterreich abgehalten wird. Im Kurs werden verschiedene Lebensräume und Lebensgemeinschaften besprochen und beprobt. Dabei werden etwa Zoo- und Phytoplanktongemeinschaften unterschiedlicher stehender Gewässer - wie etwa dem relativ nährstoffarmen Lunzer Untersee im Vergleich zu einem Karpfen- oder Forellenteich oder dem Lunzer Obersee, der ein Hochmoorsee ist, die Faunen- und Florengemeinschaften in unterschiedlichen Makrophytenbeständen oder Makrozoobenthos aus dem Lunzer Seebach und sowie seinem Hyporheal verglichen. Die Studenten finden sich dazu zu Kleingruppen zusammen, wobei jede Kleingruppe ein Habitat bearbeitet und die Ergebnisse in einer Präsentation vorstellt.

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Sauerstoff- und Leitfähigkeitsmessungen am Lunzer Seebach

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eine der beiden nicht invasiven Springkraut-Arten in Österreich (Impatiens sp.)

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die Ausrüstung eines aquatischen Ökologen :lol:

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Kletten im Haar: Der letzte Schrei

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der Schwingrasen des Lunzer Obersees!

Dabei handelt es sich um eine Vegetationsfläche, die auf dem See schwimmt. Die Dicke des Schwingrasen beträgt einen halben Meter bis zu einem Meter, und er besteht vor allem aus dem Torfmoos Sphagnum. Es wird vermutet, dass der Schwingrasen des Lunzer Obersees etwa 2.000 Jahre alt und durch einen Felssturz in den See entstanden ist: Der Felssturz hat den Pegel des Obersees angehoben und dadurch den Rasen abgerissen, der nun auf dem See schwimmt. Flächenmäßig hat sich der Schwingrasen angeblich nicht vergrößert, jedoch gibt es durchaus Höhenwachstum - neues Torfmoos wächst auf abgestorbenem Torfmoos..

bei diesem Schwingrasen handelt es sich übrigens um den größten und wohl bestuntersuchten in ganz Österreich :) so manche Diplomarbeit hat dort oben schon Form angenommen..

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wir landen auf dem Schwingrasen

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es wird empfohlen, sich nur ohne Schuhwerk auf einen Schwingrasen zu stellen.

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auf dem Schwingrasen gedeiht auch der Sonnentau (Drosera), eine carnivore Pflanze. Das "Fleischfressen" ist eine Anpassung an den Stickstoffmangel des Lebensraums.

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das Torfmoos kann auch rötlich sein

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Raupe der Erlen-Rindeneule (Acronicta alni)

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Gründlinge (Gobio gobio) im Lunzer Untersee (was hab ich da drin geforen!!)

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Elritzen oder Pfrillen (Phoxinus phoxinus) im Lunzer Untersee

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das Süßwasser-Rädertier Philodina im Mikroskop

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Blaualgen der Gattung Oscillatoria. Diese Gattung ist ein Eutrophieanzeiger.

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das Gelbe Laichkraut (Nuphar lutea), eine sehr ansprechende Schwimmblattpflanze

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eine Hornisse auf meiner Brotzeit :lol:

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Auch Methoden der Probennahme werden gelernt: Der Ekman-Greifer ist eine gute Methode, quantitativ benthische Organismen zu sampeln. In diesem Fall waren wir auf Proben aus dem Profundal des Lunzer Untersees aus.

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organischer Debris im Binokular: man erkennt deutlich die Exuvien und Kadaver zahlloser Mikro-Crustaceen und möglicherweise pflanzliche Übeerreste...

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in Lunz habe ich endlich zum ersten Mal ein besonderes Tierchen gesehen, das ich in marinen Sedimenten jahrelang vergeblich gesucht habe: einen Gastrotrichen! Dieses Exemplar ist Chaetonotus maximus.

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der große dunkelgrüne Klecks ist ein Ciliat, Stentor polymorphus. Die Leiter-artige Alge links daneben ist die Grünalge Spirogyra. (ich möchte noch darauf hinweisen, dass wir mit SEHR miesen Mikroskopen gearbeitet haben :lol: die Fotoqualität ist leider dementsprechend lausig..)

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sehr ästhetisch: Das Froschlaichkraut (Batrachospermum sp.), eine Rotalge

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ein alter Bekannter: der Wasserfloh Daphnia longispinis

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einige Fäden der Alge Spirogyra


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ein Bärtierchen der Gattung Macrobiotus. Wohl eines der charismatischsten Kreaturen im Mikroskop :)

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Algenmatten sind doch was Schönes!


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tote Elritzen

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natürlich darf man bei einem Freilandkurs im Sommer auch auf eines nicht vergessen: aufs Grillen! :D

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jamjam: Tomatenbutter!

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zum Abschluss darf natürlich eines nicht fehlen: Elektrofrischen :wink:

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"Fischääääääääää!!!"

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hier der Beweis, dass die gefangenen Fische die vorgestellte Fangmethode überstanden haben :)

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Bachforelle (Salmo trutta forma fario)

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ein wunderschöner Saibling (Salvelinus sp.)

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ein wichtiger Vertreter der Bachfauna: die Koppe (Cottus gobio)

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Regenbogenforelle (Onkorhynchus mykiss), eine eingeschleppte Art aus Nordamerika, im Vergleich mit der heimischen Bachforelle (unten)

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Grüße aus Wien!

Claudia
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Re: Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 24 Okt 2010 15:58

:applaus: :respect: :streichel: Wunderbarer Bericht, liebe Claudia, wenn das keine Lust macht auf ein Biologiestudium ... Die Uni sollte Dir unbedingt etwas für wirksame PR zahlen! Das Leben im Wassertropfen... Da sieht man wieder, dass Limnologie auch spannend ist..., das Wasser muss nicht immer salzig sein ... :wink:
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Re: Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

Beitrag von Caro » 24 Okt 2010 16:13

Toll, einfach nur noch toll, liebe Claudia !!!!!
:applaus:
DANKE für den auch für ausgeprägte Landratten :oops: hochinteressanten und spannenden Bericht :D
Und wie Robert schon sagte: das macht definitiv Lust auf ein Biologiestudium !!!!!!!!

Noch was ... als Tierschutztante vom Dienst sorge ich mich immer mehr um der Tierschutz bei Aquakulturen ... insbesondere die (ich nenne sie) inhumanen Methoden des Abstreifens von sog. "Sexualprodukten" :( - von der Schlachtung ganz zu schweigen :|
Euere Betäubungsmethode hat mich da nämlich sehr interessiert ...
UND ich würde mir SOLCHE Biologen wie EUCH bei der Arbeit und Entwicklung von tierschonenden Methoden bei der Aquakultur wünschen !!!!

Liebe Grüße
Caro
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Re: Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 24 Okt 2010 16:22

ClaudiaBryozoa hat geschrieben: Bild

Gründlinge (Gobio gobio) im Lunzer Untersee (was hab ich da drin geforen!!)

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Der von Linné verliehene wissenschaftliche Name erinnert freilich stark an die Grundeln - Gobiidae (die Gattung Gobius und der Familienname gehen auch auf Linné zurück :arrow: http://www.gobiidae.com/histgoby.htm ). Freilich, es besteht keinerlei Verwandtschaft zwischen den beiden, ganz schön verwirrend, was da Linné angestellt hat ... : Gründlinge sind Karpfenfische, Grundeln Barschartige ... Eine interessangte Abhandlung zur Etymologie des Namens Gründling findet sich auch im Internet und stammt von einer einstigen Studienkollegin von mir :arrow: http://www.oefg1880.at/fischarten/fisch ... ndling.pdf
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Re: Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

Beitrag von Tich » 25 Okt 2010 11:32

Sehr toller Bericht!
Werd das Praktikum wohl auch bald mal machen, bevor es eingespart werden muss oder aus irgendwelchen anderen dummen Gründen gestrichen wird.
In der Limnologie, speziell bei den Fischen, klafft bei mir sowieso noch eine Wissenslücke bzw. sollte ich das in Salzburg gelernte auch wieder einmal auffrischen.

lg Andi

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Re: Uni Wien: Aquatische Biozönoschen (Limnologie)

Beitrag von ClaudiaBryozoa » 29 Okt 2010 19:11

hey Andi,

für Makrozoobenthos, Zooplankton und Algen ist der Kurs sehr zu empfehlen. Wenn du speziell Fische auffrischen willst, ist das PP Fischökologie oder die Übung Systematik einheimischer Fische interessanter - beim Biozönosen-Kurs wird den Fischen leider nur mehr ein Halbtag gewidmet, und da ist beim Elektrofischen das Spektrum eher eng und sehr salmoniden-lastig. Trotzdem, ein empfehlenswerter Kurs für (nicht nur) aquatische Ökologen :)
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