Mit Plastik gegen Plastik

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Matthias
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Mit Plastik gegen Plastik

Beitrag von Matthias » 10 Dez 2010 07:55

http://www.nationalgeographic.de/ng-mag ... en-plastik

Mit Plastik gegen Plastik
Autor: Kara Miskarian

David de Rothschilds Engagement ist schon von vielen internationalen Organisationen gewürdigt worden - auch von der National Geographic Society, die ihn in den Kreis ihrer Emerging Explorer, der Nachwuchsforscher, aufnahm. Mit seinen Aktionen will Rothschild die Menschen motivieren - vor allem junge Leute. Zu diesem Zweck gründete er 2005 die Organisation Adventure Ecology. Unter http://www.adventureecology.com informiert er im Internet per Video, Blog und mit Computerspielen über seine Expeditionen in ökologisch gefährdete Regionen der Erde. Seine nächste Reise wird ihn bald von San Francisco bis nach Sydney führen: 10000 Seemeilen über den Pazifik - und durch den größten Müllstrudel der Welt. Rothschilds Schiff, ein Katamaran, besteht zum Teil aus wiederverwerteten Plastikflaschen. Der Abenteurer hofft, die Menschen durch diese Aktion für eine umweltschonendere Lebensweise zu gewinnen.

Sie wurden in London geboren. Woher rührt Ihre Liebe zur Natur?
Solange ich zurückdenken kann, interessiere ich mich für eine gesunde Lebensweise: was wir essen, welche Qualität die Luft hat, die wir atmen. Seit meiner Kindheit begeistere ich mich auch für Reiten und Triathlon - Sportarten also, denen man an der frischen Luft nachgehen kann. Nach meinem Abschluss in Politologie in Oxford und dem darauf folgenden Studium am College of Naturopathic Medicine in London - einer Ausbildungsstätte für Naturheilkunde - erwarb ich 2003 etwa 450 Hektar Land auf der Südinsel von Neuseeland. Ich wollte dort ökologische Landwirtschaft betreiben. Je mehr ich mich dort engagierte, desto mehr wuchs mein Interesse an der Umwelt und an „grünen“ Themen. Zu jener Zeit kam auch der Wunsch auf, die Welt zu sehen.

Und wohin wollten Sie als Erstes reisen?
Zum Nordpol. Die Expedition trug den Namen „Top of the World“ und dauerte 100 Tage. Unser vierköpfiges Team legte insgesamt 1500 Kilometer zurück. Wir wurden mit völlig unerwarteten Situationen konfrontiert. Vor allem natürlich durch den Klimawandel, der ja das Eis schmelzen lässt. Wir mussten unsere Reise früher beenden als geplant.

Die Chronik dieser Odyssee wurde auf der Website von Adventure Ecology veröffentlicht und sorgte für weltweites Interesse.
Das stimmt. Wir bekamen viele E-Mails, in denen uns die Menschen darin bestärkten, wie wichtig das ein Jahr zuvor gestartete Projekt war. Auch die folgende Expedition nach Ecuador fand viel Aufmerksamkeit. Dort wollten wir auf das Problem des Giftmülls hinweisen, der bei den Ölbohrungen im Regenwald des Amazonasbeckens entsteht.

Wie kamen Sie denn auf die Idee, mit einem Schiff aus Plastikflaschen den Pazifik zu überqueren?
Im Juni 2006 stieß ich auf einen Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, der Unep, über den Müll im Meer. Es ging darin auch um eine riesige Ansammlung von Abfall vor Hawaii: einen Müllstrudel, der Great Pacific Garbage Patch genannt wird. Er hat etwa die Größe von Mitteleuropa.

Laut Unep schwimmen auf jedem Quadratkilometer rund 18000 Plastikteile. Können Sie erklären, weshalb sich gerade in dieser Region so viel Abfall ansammelt?
Das liegt am Nordpazifikwirbel. Die Meeresströmung verlangsamt sich dort, und es ist fast windstill. Nachdem ich weiterrecherchiert hatte, verspürte ich den Drang, etwas Ungewöhnliches zu unternehmen, damit alle von diesem Albtraum erfahren. 90 Prozent des Mülls bestehen in der Tat aus Plastik, das praktisch nicht verrottet.

So entstand die Idee, ein Segelschiff aus Plastik zu bauen?
Aus recyceltem Plastik! Zum einen richten wir damit das Augenmerk auf das eigentliche Problem - auf den Müll im Meer. Und zum anderen liefern wir ein Beispiel für tatsächliche Wiederverwertung.

Kaum vorstellbar, dass ein solches, gerade mal 20 Meter langes Boot den Stürmen und Wellen widerstehen kann und Sie sicher über den Pazifik bringt...
Die „Plastiki“, wie wir unser Schiff getauft haben, ist eine Geschichte für sich. Die Expedition musste bereits mehrmals verschoben werden, weil wir beim Bau vielen technischen Problemen begegneten. Nie zuvor hat jemand ein solches Projekt in Angriff genommen. An der Konstruktion waren die besten Ingenieure und Designer beteiligt.

Was ist daran neu?
Wir haben viele Ideen ausprobiert. Einerseits war es notwendig, ein zuverlässiges, sicheres Schiff zu bauen - andererseits verwendeten wir Abfall. Für mich war es wichtig, dass von außen zu erkennen ist, woraus das Boot besteht. Nach vielen Versuchen konstruierten wir schließlich einen neun Tonnen schweren Katamaran, dessen Doppelrumpf aus recycelten Plastikflaschen besteht. Die „Plastiki“ wird außerdem mit zwei Windturbinen sowie Sonnenkollektoren zum Betrieb der Navigationsausrüstung ausgestattet. Sie ist also ein echtes Ökoschiff.

Was werden Sie nach Abschluss der Expedition mit diesem Boot machen? Sie wollen die Menschen schließlich darauf hinweisen, Müll grundsätzlich als Rohstoff zu betrachten.
Wahrscheinlich wird es vollständig genutzt und zu einem anderen Schiff umgestaltet. Mag sein, dass aus seinem Material Kleidung oder Schuhe gefertigt werden. Möglicherweise werden daraus ja auch neue Wasserbehälter.

Warum nennen Sie das Schiff „Plastiki“?
Ich habe mich von der berühmten „Kon-Tiki“ inspirieren lassen, dem aus Balsaholz gebauten Floß des norwegischen Forschers Thor Heyerdahl. Er segelte damit 1947 fast 7000 Kilometer über den Pazifik. So wollte er beweisen, dass Polynesien von Amerika aus besiedelt wurde.

Sie werden durch einige der abgelegensten und empfindlichsten Ökosysteme reisen. Auf welcher Route?
Zunächst wollen wir Kurs auf Hawaii nehmen. Diese Etappe wird uns durch den besonders vermüllten Teil des Pazifiks führen, mitten durch den Nordpazifikwirbel. Von Hawaii geht es weiter nach Südwesten. Der nächste Stopp ist das Bikini-Atoll in Mikronesien. Im Gebiet der Marshallinseln wollen wir die Nachwirkungen der amerikanischen Atombombentests der vierziger und fünfziger Jahre untersuchen. Danach segeln wir nach Tuvalu, einer verstreuten Inselgruppe, die durch den Klimawandel und den Anstieg des Meeresspiegels vom Untergang bedroht ist. Weiter geht es über Neukaledonien nach Australien. An jedem Punkt unserer Reise werden wir Proben von Meerwasser nehmen und seine Temperatur messen.

Steht die Mannschaft schon fest?
Im Moment besteht sie mit Sicherheit aus mir und dem Skipper Jo Royle. Die restliche vierköpfige Crew wird gerade zusammengestellt. Wie bei den vorigen Projekten sollen Ökologen, Fotografen und professionell Reisende dabei sein. Die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Müll und das Recycling zu lenken ist aber nur ein erster Schritt. Irgendjemand muss danach konkrete Maßnahmen treffen.

Wen meinen Sie?
Die Politiker müssen tätig werden, und auch die Unternehmer. Bei ihnen muss das Thema Umwelt einen größeren Stellenwert bekommen. Ein Beispiel ist einer unserer Hauptsponsoren. Er förderte unsere Expedition nach Ecuador und ist offizieller Partner der „Plastiki“-Expedition. Seit 2001 hat dieser Uhrenhersteller am Standort Schaffhausen den Kohlendioxidausstoß um die Hälfte verringert.

Ihre Reise zum Nordpol im Jahr 2006 begann in Russland. Dort hatten Sie eine interessante Begegnung...
Das ist richtig. Leider war ich nur kurz im Land, im Grunde nur auf dem Flughafen von Norilsk, irgendwo im Nirgendwo von Sibirien. Wir saßen dort wegen schlechten Wetters fünf Tage lang fest. Ich hatte mich zwar fünf Monate lang auf die Arktisexpedition vorbereitet, doch erst während dieser Zwangspause wurde mir bewusst, was mich erwartete. Trotzdem beschloss ich, keine Panik aufkommen zu lassen, und vertrieb meine Befürchtungen durch Unterhaltungen mit einem einfachen russischen Grenzbeamten. Nach ein paar anfänglichen Missverständnissen war das Eis gebrochen - und ich lernte eine der schillerndsten Persönlichkeiten kennen, die mir je auf meinen Reisen begegnet ist. So etwas passiert mir selten.

Sie haben viele Orte der Welt besucht. Wohin würden Sie am liebsten zurückkehren?
Wenn ich ein Land auf der Erde nennen sollte, das man einmal im Leben gesehen haben muss, dann Neuseeland. Ich habe mich unsterblich in die Wildnis dieses Landes verliebt. Das ist meine Heimat.
Unter allen Lebensweisen ist das Jagdleben ohne Zweifel der gesitteten Verfassung am meisten zuwider; das Noachische Blutverbot scheint uranfänglich nichts anderes als das Verbot des Jägerlebens gewesen zu sein.

Kant, Immanuel

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