Häuser aus Plastikmüll

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Matthias
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Häuser aus Plastikmüll

Beitrag von Matthias » 13 Jul 2011 21:35

In Schwellenländern entstehen einfache Häuser aus leeren Flaschen. Aber auch Hightech-Gebäude werden bereits gebaut

Die wabenförmigen Bauteile ermöglichen große Stabilität. Weil sie mit Luft gefüllt sind, isolieren sie zudem sehr gut

Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern vermüllen leere Plastikflaschen die Straßen, dabei könnten sie ein wertvoller Rohstoff für Neues sein. Tatsächlich greift seit einigen Jahren eine gute Idee um sich: in Honduras, Nicaragua, Brasilien, Thailand. Die leeren Flaschen, vorzugsweise aus PET (Polyethylenterephthalat), werden mit Erde, Schutt oder Sand gefüllt und mit etwas Mörtel zu Häuserwänden hochgezogen. Das nimmt den Müll von der Straße und liefert umweltschonend und preisgünstig Wohnraum, der mit einfacher Technik herzustellen ist. Einer der Vorreiter der "Plastikmüll-Architektur" ist Andreas Froese aus Herford, ein Zimmermann mit Liebe zu Lateinamerika, der die nützliche Lowtech-Idee nach Südamerika brachte.

Die Hightech-Variante des Bauens mit Recyclingplastik ist Professor Arthur Huang. Der taiwanesische Architekt ging weiter und entwickelte einen Baustoff, der in Taiwan schon als einer der Baustoffe der Zukunft betrachtet wird und auch in Europa kurz vor der Einführung steht. Auch Huang recycelt alte Plastikflaschen sowie anderen Plastikmüll aus PET. Aber er lässt sie von der Firma Miniwiz zu neuen futuristisch anmutenden, mit Luft gefüllten und durchscheinenden Hohlformen von etwa acht Liter Fassungsvermögen gießen. Die Behälter sind wabenförmig - eine statisch besonders günstige Form. Sechsecke wie Bienenwaben kommen in der Industrie überall dort vor, wo ein leichtes und gleichzeitig stabiles Material benötigt wird. Das ist beispielsweise in der Luftfahrt beim Bau von Flugzeugen der Fall oder eben in der Architektur, wenn es darum geht, energiesparende und stabile - etwa erdbebensichere - Gebäude zu entwickeln. "Bei der sechseckigen Zellform werden alle Zellwände doppelt genutzt. Das Verhältnis von Umfang zur Fläche ist viel günstiger als bei allen anderen geometrischen Formen, und letztlich ist die Stabilität der Wabenkonstruktion unübertroffen", meint Huang.

Vor Ort auf der Baustelle werden die Formen zu sogenannten Polli-Brick-Fassaden zusammengesteckt. Huang ließ daraus unter anderem den neun Stockwerke hohen Eco-Ark-Pavillon errichten, der auf der im November 2010 eröffneten Internationalen Gartenschau in Taipeh zum ersten Mal präsentiert wurde. Die Wände des Pavillons bestehen aus 1,5 Millionen recycelten Kunststoffflaschen, die an einem leicht montierbaren und noch leichter wieder demontierbaren Stahlgerüst befestigt sind.

Auch in Deutschland ist Huang tätig. Kürzlich errichtete er einen kleinen Pavillon aus den Polli-Bricks auf dem Gelände des Energieforums Berlin, einem Bürogebäude und Veranstaltungsort mit kombiniert alter Industrie- und moderner Architektur. Er will den hiesigen Ingenieuren und Architekten ein Beispiel für nachhaltiges Bauen vorstellen und in Europa Kooperationspartner finden.

Die innen hohlen Plastiksteine sehen nicht nur futuristisch aus und geben viel Stabilität, sondern vereinen ein Vielzahl von Vorteilen. Sie seien fünfmal leichter als etwa vergleichbare Glaselemente, lichtdurchlässig und sehr haltbar, sagt Huang. "Und sie haben zudem eine optimale Ökobilanz." Die ökologischen Vorteile beruhen unter anderem auf Einsparungen beim Treibhausgas Kohlendioxid. Die kommen dadurch zustande, dass man aufgrund des geringen Gewichts des Baumaterials nur ein leichtes Fundament und einen leichten Stahlunterbau benötigt. Zudem ist die Produktion vor Ort durch mobile Fabriken möglich. Und natürlich ist die Ökobilanz dadurch gut, dass das Material zu 100 Prozent aus Plastikmüll recycelt wird.

Abfall aus Plastik gibt es in Huangs Heimat Taiwan genug. Jährlich wandern dort allein 90 000 Tonnen Plastikflaschen und Behälter in den Müll. Weltweit hat sich die Nachfrage nach PET-Produkten seit 2000 fast verdoppelt. Warum also nichts mit diesem Rohstoff anfangen, fragte sich auch der auf Umweltrecht spezialisierte Berliner Rechtsanwalt Hartmut Gaßner. "In Deutschland wandern jährlich allein 800 Millionen solcher Plastikflaschen in den Müll, wovon 500 Millionen paradoxerweise auch noch um die halbe Welt bis nach Asien geschickt werden. Eine verheerende Ökobilanz", sagt Gaßner. "Da wäre es doch viel schlauer, man würde sie verarbeiten und vor Ort als Baustoff nutzen." Gaßner, der das Zulassungsverfahren der Polli-Bricks in Deutschland betreut, sieht die Verwendung des lichtdurchlässigen Baustoffes vor allem für Lagerhallen, große Einkaufzentren, Museen und andere Kultureinrichtungen.

Während in Deutschland noch das Zulassungsverfahren läuft, steht in Taipeh längst Huangs erste Polli-Brick-Fabrik, die er in Kooperation mit einigen Firmen errichtet hat. In einem riesigen Vorhof stapeln sich die benutzen Plastikflaschen. Im Inneren der Fabrik befindet sich ein gigantisches Tauchbecken, in dem die Flaschen gereinigt werden. Am Fließband rattern die alten Flaschen dann in Öffnungen verschiedenster Größe und werden in einem Ofen eingeschmolzen. Da das Material PET einen niedrigen Schmelzpunkt hat, wird dabei wenig Energie verbraucht. Dann werden sie zu einem Plastikgranulat verkörnt. Dieses wird wiederum in einem sogenannten Streckblasverfahren eingeschmolzen in eine Vorform gebracht und schließlich aufgeblasen. So erhält man die sechseckigen Plastikflaschen, die mit nichts anderem als Luft gefüllt sind und wie ein Ei dem anderen gleichen.

Die große Menge an Luft in den Bauelementen ist auch für die guten Dämmwerte verantwortlich. Außerdem haben mehrere Tests in Taiwan ergeben, dass das Material sowohl sehr bruchsicher als auch schwer entflammbar ist. Alexander Rudolphi, Professor für nachhaltiges Bauen an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, sieht außer den guten Dämmwerten vor allem die ausgezeichnete Ökobilanz als Vorteil: "Gemessen an einer konventionellen Bauweise dürfte es möglich sein, mehr als 70 Prozent des mit Bauteilen verbundenen Treibhauspotentials einzusparen. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass das gesamte System nach der Nutzung leicht demontierbar und recycelbar ist", meint Rudolphi. Deshalb sieht er vor allem einen Einsatzbereich in temporären Bauwerken wie zum Beispiel Ausstellungs- und Verkaufsgebäuden sowie Montage- und Messehallen.
Unter allen Lebensweisen ist das Jagdleben ohne Zweifel der gesitteten Verfassung am meisten zuwider; das Noachische Blutverbot scheint uranfänglich nichts anderes als das Verbot des Jägerlebens gewesen zu sein.

Kant, Immanuel

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