Im Gespräch mit dem Malakologen, Meeresbiologen und Naturschützer Dr. Hubert Blatterer

Welche Geschichten erzählen große Muscheln und kleine Schnecken aus dem Roten Meer?

 

 

Dr. Hubert Blatterer (Jahrgang 1964) ist Biologe mit Leib und Seele. Mehr Informationen über ihn finden Sie unter Researchgate und Zobodat. Die Malakologie, der er sich neben andere Fachgebieten widmet, beschäftigt sich mit Weichtieren, also Muscheln, Schnecken, Käferschnecken, Kopffüßern und weiteren Arten. Hubert Blatterer bestimmte auch die Molluskensammlung (ein kleines „Museum“) unserer Schule am Meer in Punat auf Krk. Er ist zudem Protozoologe und kennt sich also auch mit Einzellern aus. Wie nicht anders zu erwarten, ist er auch Taucher und Unterwasserfotograf. Die für diese Tätigkeiten erforderliche Ausrüstung wie Tauchermaske und Kamera hat er immer dabei, und es macht für ihn keinen großen Unterschied, ob es sich um ein indopazifisches Riff handelt, eine mit Mangroven bewachsene Lagune am Roten Meer oder einen Sumpf in seiner Heimat in Oberösterreich. Unserem Meeresschutzverein MareMundi steht er seit seiner Entstehung zur Seite. 2003 war er als „Mann der ersten Stunde“ an der RSEC-MareMundi-Station in Dahab am Roten Meer dabei, wo er seither einen enormen Beitrag zur Erforschung der Weichtierfauna leistet. Die Arbeit dieser Feldstation haben wir erst vor wenigen Wochen wieder verstärkt in den Mittelpunkt unseres Interesses gerückt.

 

Hubert Blatterer hat seinen Beruf ganz bestimmt nicht verfehlt. Seine Begeisterung steckt an – und wir wünschen uns, dass in Zeiten wie diesen, Zeiten der Orientierungslosigkeit und Ohnmacht, möglichst viele Jungbiologen seinem Beispiel folgen. Die Welt braucht ganze Heerscharen solcher Enthusiasten, um die Gedanken des Naturschutzes und des Respekts vor unserem Heimatplaneten weiter stärken zu können. Folgen Sie unserem Gespräch mit jemanden, für den Natur viel mehr bedeutet als nur einen gelegentlichen Spaziergang in den Wald.

 

Die faszinierende Welt der Weichtiere begeistert den Biologen Hubert Blatterer – einen langjährgen Unterstützer von MareMundi. Bild oben: Dermatobranchus ornatus bei Caves südlich von Dahab.

 

Redaktion: Wann ist in Dir der Entschluss gereift Biologe zu werden – und war der Weg dorthin leicht? War es zu Deiner Zeit leichter einen solchen Lebensweg einzuschlagen und die Biologie zum Beruf zu machen? Haben heutige Studenten auch diese Chancen? Oder ist alles anders geworden?

Hubert Blatterer: Schon als Volks- und Hauptschüler haben mich ganz besonders die Filme von Hans Hass und Jacques-Yves Cousteau fasziniert und bald den Wunsch, Biologe zu werden, in mir geweckt. Die ersten eigenen Muschelschalenfunde am Golf von Genua im Jahr 1971, Maturareise in die Ägäis, Hochzeitsreise auf die Malediven,… bis zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Meeresbiologie ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

Bei der Maturantenberatung 1982 wurde mehrmals aufs Eindringlichste davon abgeraten, eine Biologenlaufbahn einzuschlagen, egal ob als Lehrer oder Wissenschaftler. Es wird heute wohl ähnlich sein, aber wenn jemand klare Vorstellungen, entsprechendes Interesse und einen starken Willen hat die unvermeidlichen Mühen auf sich zu nehmen, dann sind immer Chancen da sich auch beruflich zu verwirklichen.

Man soll sich aber genau darüber informieren, ob die jeweilige Hochschule auch ein entsprechendes Bildungsangebot bereitstellt. An der Universität Salzburg hat sich das Angebot einer umfassenden organismischen Ausbildung gegenüber früher sehr verschlechtert. Und Leute mit Artenkenntnis sind Mangelwahre geworden, auch wer sich nur mehr mit Genen (Stichworte: Umwelt-DNA, Biodiversitäts-Verlust) beschäftigt sollte die Lebewesen morphologisch ansprechen können.

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Im Laufe vieler Jahre hat Hubert Blatterer die Molluskenfauna des Golfes von Aqaba – speziell der Gegend von Dahab – akribisch und wissenschaftlich präzise erfasst. Ein großers Werk darüber ist in Vorbereitung. Die Sammlung in Dahab befindet sich in den hervorragend ausgestatteten Kursräumen der an das Jowhara (Jewel) Hotel angeschlossenen Tauchschule Aquanautic Dahab (früher I-Dive Dahab). Hier wird mittels den Nichtregierungs-Organisationen – EECAA (Egyptian Environmental Conservation and Awareness Association) und Open Ocean Science Centre auch Meeresschutz vermittelt und Forschung ermöglicht.

https://www.facebook.com/EECAA1/

https://www.facebook.com/OpenOceanProject/

 

Redaktion: Dein ursprüngliches Fachgebiet von der Ausbildung her war die Protozoologie, ganz speziell die Ciliaten oder Wimpertierchen. Erzähle unseren Lesern kurz, warum dieses Wissen von allergrößter Bedeutung für ein ökologisches Grundverständnis ist. Auch die Kläranlagen gehören ja dazu …

Hubert Blatterer: Ökosysteme sind meist sehr komplex, und es sind nach wie vor nicht alle Zusammenhänge geklärt. Geht man in die Natur sieht man Pflanzen, Pilze, Wirbeltiere, Groß-Insekten. Sieht man genauer hin, dann entdeckt man auch Schnecken, Würmer, Asseln, Spinnen und Springschwänze. Ab dann braucht es das Mikroskop, von den Einzellern bis zu den Bakterien und Viren sind es dann noch einmal ein paar Vergrößerungsstufen mehr. Das Große kann ohne das Kleinere nicht existieren. So sind in Österreich bisher etwas mehr als 1000 verschiedene Ciliaten-Arten bekannt, aber noch längst nicht alle wissenschaftlich beschrieben. Dass es in der Mikrowelt im Kleinen so zugeht wie bei einer Großtier-Safari durch die Serengeti bei einer Universum-Dokumentation ist nur wenigen bekannt. Und Bakterien, die Abwasser aufarbeiten, werden erst durch den Fraß durch Einzeller in Trab gehalten.

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Einst fanden sich überall am Strand sozusagen „tonnenweise“ die Schalen toter Mollusken, wie es der Biologe und Tauchpionier Armin Svoboda zu Beginn der 19070 er Jahre dokumentiert hat. Diese Zeiten sind längst vorbei.

 

Redaktion: Was könntest Du unseren Lesern über Weichtiere bzw. Mollusken erzählen? Mir scheint, die meisten Menschen wissen nicht sehr viel über sie – und verwechseln grundsätzlich Muscheln und Schnecken …

Hubert Blatterer: Zu den Mollusken gehören neben Muscheln und Schnecken auch Tintenfische, Käferschnecken, Kahnfüßer (Elefantenzahnschnecken). Diese kann man allesamt schon beim Schnorcheln im Mittelmeer entdecken. Daneben gibt es Einschaler – da muss man schon in die Tiefsee, – sowie die wurmförmigen Schildfüßer und Furchenfüßer, um die zu sehen braucht man meistens eine Lupe oder ein Mikroskop. In der Regel haben Schnecken eine gewundene Schale und Muscheln sind zweischalig. Aber es gibt Ausnahmen, z.B. Nacktschnecken ohne äußere oder innere Schale bzw. die Schlundsackschnecken (Juliidae) mit zwei Schalen. Und bei der längsten Muschel der Welt, dem Schiffswurm (Kuphus polythalamia), ist die Schale eine verwachsene Röhre. Also alles ganz einfach, eine Kauri ist keine Muschel, sondern eine (Porzellan)Schnecke!

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Ein Blick auf das Untersuchungsgebiet aus westlicher Richtung nach Osten: Die Lagune von Dahab, abgeschlossen von einer markanten Nehrung, die nach Süden wächst (das zeigt die dominante Wind- und Strömungsrichtung an). Der Golf von Akaba ist an dieser Stelle etwa 25 Kilometer breit. Das bekannte Napolenonriff ist massiv durch menschliche Eingriffe bedroht, wie die nachfolgenden Fotos zeigen. 

 

Redaktion: Wenn man die Welt unter Wasser entdecken möchte, muss man den Kopf unter Wasser stecken, tauchend, schnorcheln, sonst irgendwie … Wie hat sich das bei Dir gestaltet? Wann hast Du dann Tauchen gelernt und zählst Du noch die Tauchgänge?

Hubert Blatterer: Bis 1985 habe ich geschnorchelt, für meine erste Australienreise habe ich die Tauchausbildung begonnen – kein drei Tageskurs in einem Tropenmeer – sondern ein halbes Jahr wöchentlich Theorie im Tauchclub. Unterwasser-Rugby und Training im Hallenbad und erste Tauchgänge und Notfalls-Übungen bei Schneefall in unseren etwa 4 °C warmen Alpenseen, natürlich mit Nassanzug. Das alles hat sich bewährt und mittlerweile habe ich 660 geloggte Tauchgänge. Zum Beispiel – von den 177 in der Dahab Region (Sinai, Rotes Meer) – waren 16 in der Nacht. In Summe war ich über 30 Tage lang (Tag und Nacht) mit dem Tauchgerät unter Wasser und schnorchelnd natürlich noch länger unterwegs.

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Ein gesundes Riff sieht anders aus: Einst war das Napoleon-Riff ein wunderbares Riff an der Lagune von Dahab. Heute kann man hier die regionale und globale Bedrohung der Korallenriffe beobachten. Stellenweise sind etwa 70 % des Riffdachs tot – das Karbonatsubstrat der einstigen Korallen ist mit Algen überwuchert. Und auch auf noch lebenden riffbildenden Steinkorallen sieht man, dass sie angeschlagen sind. Von Jahr zu Jahr stärker sind sie von Braunalgen der Gattung Padina (Trichteralge) überwuchert.

 

Redaktion: Erzähle uns von Deinen Eindrücken von der Unterwasserwelt aus den früheren Tagen und heute? Hat sich viel geändert?

Hubert Blatterer: Ich habe mir in vielen Regionen der Weltmeere gedacht, dass ich gegenüber den ersten Entdeckern schon vieles versäumt habe. Gespräche mit den „noch älteren Hasen“ bestätigten mir das.

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Alles ändert sich rasant: In den Wadis gibt es statt himmlischer Ruhe immer mehr Lärm und Staub unzähliger Touristen, im Riff sieht man keine Fischschwärme mehr, dafür Unmengen von Netzen und abgerissenen Angelschnüren. In nur 15 Jahren (die RSEC-Feldstation wurde 2002 gegründet) hat sich hier die Umweltsituation dramatisch verschlechtert.

 

Redaktion: Wie ist es konkret am Roten Meer? Du hast mich von Anfang an ans Rote Meer an den Sinai begleitet. 2002 ist hier die marinbiologische Feldstation RSEC entstanden (Red Sea Environmental Centre). 15 Jahre lang hast Du die Gewässer intensiv betaucht und beobachtet. Was genau kannst Du heute, im Jahr 2018 sagen?

Hubert Blatterer: Hin und wieder Haie, immer wieder Schildkröten, unglaubliche Fischschwärme verschiedener Arten und auch große Langusten selbst tagsüber beim Strandspaziergang, wie Zeitzeugen berichten, konnte auch ich hier nicht mehr erleben. In Dahab war ich erst nach dem ersten großen Ausbruch des Dornenkronen-Seesterns, der die Korallen in der Lagune fast vollständig aufgefressen hat. Möglicherweise ein erstes auffälliges Anzeichen der durch Menschen verursachten Veränderungen. Dennoch waren damals viele Riffe in einem guten Zustand, und auch größere Fische (Federschwanz-Rochen, Barrakudas, Adlerrochen) konnten beobachtet werden. Sehr auffallend ist der weitere Rückgang der Rifffische in den letzten 5 Jahren. Dass das Riff seit 1983 eigentlich unter strengem Schutz steht ist in den Wirren der Zeit untergegangen. Früher haben nur ein paar Beduinen für den Eigenbedarf mit Handgeräten fischen dürfen. Jetzt ist die Bevölkerungszahl um ein Vielfaches angestiegen. Nach den Bomben-Anschlägen und dem Ausbleiben der tauchenden Touristen, haben die Behörden anscheinend immer mehr das Fischen für den Eigenbedarf toleriert. Und jetzt sind tausende vor allem reichere Ägypter aus Kairo hier, die meist nicht zum Tauchen kommen. Alle wollen abends Fisch essen, und Umweltverständnis ist kaum vorhanden. Fragt man in den Restaurants woher die Meeresfrüchte kommen, wird meist behauptet, sie seien aus Fischzuchten aus dem Golf von Suez. Tatsächlich erfolgt aber ein reger früh morgentlicher illegaler Verkauf lokaler Fänge an den Hintertüren der Küchen. Und beim Schnorchel am Napoleon-Riff, einem früher zumindest von den Tauchbasen verteidigten Platz, fand ich heuer gleich 3 über 50 m lange und 10m tiefe Stellnetze. Am Riffdach selbst haufenweise frisch ausgenommene leere Riesenmuschel-Schalen. Dass das ursprünglich relativ stabile Riff-Gefüge zunehmend ins Schwanken gerät, sieht man an lokalen Seeigel-Überpopulationen, einem auf und ab an Korallen überwuchernden Algen, und jetzt werden auch schon die Seegurken weniger. Von der Leoparden-Kauri, eine Porzellan-Schnecke, die früher gelegentlich auch auf dem Bazar verkauft wurde, habe ich in 15 Jahren nur ein einziges Mal ein totes Exemplar gefunden. Ebenfalls illegal, aber sogar offensichtlich für jeden, werden gleich neben dem Polizeigebäude halberwachsene Spinnen-Schnecken als Aschenbecher verhökert.

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Redaktion: Und wie ist es in der heimischen Natur, konkret in den heimischen Gewässern? Gibt es ausreichend sinnvolle Gesetze und wird ihre Einhaltung ausreichend geprüft?

Hubert Blatterer: Es gibt Gesetze und Überprüfungen, aus Sicht eines Biologen zu wenig, aus Sicht einiger Unternehmen und der Landwirte zu viele. Das Sterben und die Veränderung unserer terrestrischen und aquatischen Systeme geht oft schleichend. Fischsterben fallen in kleinen Bächen mit landwirtschaftlichem Einzugsgebiet oft gar nicht mehr auf, weil der Bestand ohnehin nur mehr gering ist. Gülleeinleitungen, Boden- und Nährstoff-Abschwemmungen, Begradigungen und Drainagen, Bodenverbrauch, Kraftwerke, sowie fehlende Uferstreifen und Pufferzonen sind die Hauptfaktoren. Dazu kommen eine Reihe weiterer Belastungen wie chemische Schadstoffe, Arzneimittel, Hormone, Müll, Mikroplastik, aber auch der anthropogen beschleunigte Klimawandel.

Ich möchte gerade hier betonen, dass wir schon einige Erfolge beim Erhalt und Verbessern der ökologischen Zustände von heimischen Gewässern verzeichnen können, und es spornt uns an, leidenschaftlich weiter daran zu arbeiten und nicht aufzugeben. Eine wichtige Arbeit für unsere Gesellschaft und das Überleben der Menschheit überhaupt.

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Die Fahne des Meeresschutzes gemeinsam hochhalten: Robert Hofrichter mit Hubert Blatterer unterwegs im Untersuchungsgebiet. Rechts unser beduinischer Freund und Fahrer Ibrahim.

 

Redaktion: Die Weltbevölkerung explodiert, es gibt immer mehr Flächenverbrauch, Lebensräume werden vernichtet, unter unserer Mitwirkung verändert sich die Welt global. Die meisten Menschen haben den Eindruck, dass alles ohnehin seinen Weg geht und wir nichts daran ändern können. Was würdest Du konkret entgegnen?

Hubert Blatterer: Ein globales sozial verträgliches Maßnahmenprogramm, um das Bevölkerungswachstum zu beenden ist absolut notwendig, sonst wird es bald einmal unaufhaltsam drastisch (Völkerwanderungen, Kriege, Hungerkatastrophen, …). Mindestbedürfnisse eines jeden sollten erfüllt werden können, Vermögen darf nicht unbegrenzt aufgebaut werden können. Umweltschädigende Investitionen müssen „sündhaft teuer“ werden, am besten exponentiell zunehmend mit der verbrauchten Fläche. Wie wäre es, wenn jede Stadt oder Gemeinde mindestens 10% der Fläche unter Befreiung der Grundsteuer außer wirtschaftlicher Nutzung stellen muss? Länder und Staaten prozentuell noch mehr. Ebenso müssen Küstenstreifen und Gewässerflächen definiert werden, in denen absolut nicht eingegriffen werden darf, plus zusätzliche Pufferzonen mit eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten. Die Überwachung der Einhaltung dieser Maßnahmen sowie Verbesserungen sollten aus den Gebühren für Umweltnutzungen sowie Übertretungs-Strafen finanziert werden. Gibt’s viele Übertretungen, dann gibt´s viel Geld für Maßnahmen, gibt´s keine Übertretungen passt alles – so einfach.

In meiner Heimatgemeinde St. Valentin ist gerade ein für die Natur äußerst wertvolles Gebiet, der Raader Wald, in Gefahr für immer vernichtet zu werden. Eine aktive Gruppe von Naturliebhabern und Biologen (Die Freunde des Raader Waldes) kümmert sich aufopfernd um die Bekanntmachung des Naturschatzes um ihn vor dem im Raum stehenden Ausverkauf zu retten und für künftige Generationen zu bewahren.

Ich hoffe sehr, dass unsere politisch Verantwortlichen auf Gemeinde- und Landes-Ebene die Chance erkennen und wichtige nachhaltige Entscheidungen für diesen äußerst artenreichen Lebensraum treffen. Schaut euch das bitte an – es geht auch ohne Taucherbrille, Schnorchel und Flossen.

http://www.raaderwald.at/

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Redaktion: Psychologen und Psychiater sprechen heute von einem Natur-Entfremdungs-Syndrom. Viele Menschen verlieren den Kontakt und vor allem die Empathie der Natur gegenüber. Virtuell und durch Elektronik geprägte neue Generationen wachsen heran, deren Welt eine völlig andere ist als jene eines Jugendlichen vor 60 Jahren. Was soll und kann daraus werden? Welche Verantwortung tragen NGOs wie MareMundi?

Hubert Blatterer: Neue Generationen müssen informiert und ausgebildet werden, um ein Verständnis für die sehr heikle Biosphäre zu entwickeln. Jeder Schüler soll in jedem Jahr mindestes einmal in den (mindestens 10% siehe oben) geschützten Naturflächen seiner Gemeinde gewesen sein, begleitet und unterrichtet von Fachpersonal (Biologielehrer, Umweltpädagoge, Naturführer, …). Eine der wichtigsten Leistungen von MareMundi ist das heranführen junger Schüler an die Natur zum Beispiel in der Schule am Meer. Aber auch die Aus- und Weiterbildung und Vernetzung der Naturvermittler/Schützer ist enorm wichtig. Keiner kämpft gerne allein an der Front.

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Schneckenhäuser unterschiedlicher Größen am Strand sind für Einsiedlerkrebse lebenswichtig. Ohne sie können sie nicht überleben. Foto: Armin Svoboda, Sinai, 1970er Jahre.

 

Redaktion: Was konkret können / sollen Menschen tun, denen das Schicksal unseres Planeten und seiner natürlichen Lebensräume durchaus am Herzen liegt, die aber nicht wissen, was sie tun sollen?

Hubert Blatterer: Kontakt aufnehmen mit Institutionen, Vereinen und Personen, wenn möglich im nahen Umfeld (NGOs, Biologiezentren, Naturkundemuseen, Universitäten, Biologen). Den Umweltschutz ernst nehmen, dazu stehen, ihn vorzuleben und andere enthusiastisch mitreißen. Herausfordernd ist es auch, sich eine vielfältige Artenkenntnis anzueignen. Einen seltenen Tagfalter zu fotografieren ist sicher spannender als ein virtuelles Pokémon zu fangen.

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Redaktion: Wird es einmal eine Lösung für die negative ökologische Entwicklung unserer Erde und der Menschheit geben? Oder müssen wir uns darauf einstellen, dass die Zeiten einer „heilen Natur“ unwiederbringlich vorbei sind?

Hubert Blatterer: Das einzige beständige ist der Wandel. Der Mensch muss als Teil der Natur gesehen werden. Aber wohin wir uns entwickeln, was wir daraus machen, da müssen wir selbst mitgestalten. „Wir“ sind zum Mond geflogen, aber wenn „wir“ es nicht schaffen auf der Erde (dem Boden) zu bleiben, war´s das wohl!

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Redaktion: Könntest Du uns einige konkrete Beispiele für ökologische Veränderungen nennen, welche Dir in der letzten Zeit aufgefallen sind, egal ob ihm heimischen Bach oder Tümpel, in der Kläranlage oder im Meer?

Hubert Blatterer: Flächenverbrauch, Insektensterben, Biotopverluste vor allem naturnaher Wälder und Feuchtgebiete, Einschleppung gebietsfremder Arten, Überfischung. Kläranlagen funktionieren heute anders als von 25 Jahren, demensprechend hat sich die Besiedlung des Belebtschlammes ebenfalls verändert.

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Redaktion: Siehst Du auch positive Beispiele? Entwickelt sich irgendetwas auch in die richtige Richtung?

Hubert Blatterer: Wir haben es geschafft, die organische Belastung unsere Gewässer mit leicht abbaubaren Substanzen (ungeklärte Abwässer) auf ein verträgliches Maß zu reduzieren. Einige harte Flussverbauungen wurden rückgebaut und Wanderhindernisse wurden durchgängig gemacht – leider fehlt (angeblich) das Geld um den eingeschlagenen Weg hier forciert weiterzugehen.

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Redaktion: Was sollten und müssen Organisationen wie MareMundi Deiner Meinung nach verstärkt tun? Wie können sie die äußerst beschränkten Ressourcen am effektivsten einsetzen?

Hubert Blatterer: Wie wäre es in den Städten (auf den Inseln), in denen MareMundi tätig ist, jeweils ein konkretes Schutzgebiet gemeinsam mit Behörden, der Bevölkerung, den Schulen, Vereinen und Berufsfischern, einzurichten. Den langfristigen ökologischen Erfolg könnte man dokumentieren und die frohe Botschaft in die Welt hinaustragen (vgl. Unser Meer – unsere Sorge: die Charta für das Mittelmeer in 5 Sprachen ).

 

Unberschreiblihche Schönheit in Miniaturausgabe. Viele der Schneckenarten sind nur wenige Millimeter groß. Jahrelanges Studium durch das Mikroskop ist erforderlich um die Biodiversität auf dieser Ebene erfassen zu können.

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Redaktion: Die letzte Frage sollst Du selbst stellen – und sie auch beantworten ….

Hubert Blatterer: Man wird nie alle Antworten kennen, deshalb gibt es auch nie eine letzte Frage für einen Interessierten! Besonders spannend sind die unbequemen Fragen.

Also lieber Leser – Was hast du in der letzten Woche für die Natur positives geleistet?

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Die Redaktion unseres Vereins dankt Dir recht herzlich für das Gespräch und wünscht weiterhin viel Erfolg in Deiner Arbeit! Und alles Gute für Dein Monumentalwerk über die Mollusken von Dahab!

 

  • Das Gespräch führte Robert Hofrichter, MareMundi
  • Fotos: Robert Hofrichter, Hubert Blatterer (alle wissenschaftlichen Molluskenfotos und Tafeln – ein Vorgeschmack auf das Werk exklusiv bei MareMundi) und Maria Hofrichter
  • Redaktionelle Bearbeitung: Walter Buchinger und Gerald Blaich
  • Persönliches: Robert Hofrichter ist mit Hubert Blatterer seit 1989 befreundet. Kennengelernt haben sich die beiden Biologen während einer meeresbiologischen Exkursion der Universitäten Salzburg und Innsbruck in Rovinj.

 

Spannendes von der MareMundi-Webseite, bestimmt auch für Sie interessant!

Mollusca from the Dahab region (Gulf of Aqaba, Red Sea)

Goal: The purpose of this project is to provide an illustrated faunal list, determination tool and a reference collection for molluscs of this region. I pictured all species I could find since the year 2003 so my list of taxa can be checked for accuracy.
Altogether more than 1000 molluscan species (735 gastropoda, 246 bivalvia, 6 scaphopoda, 16 polyplacophora, 11 cephalopoda) were found.
A book shall be published in 2018 and will contain also undetermined or even undescribed species in order to be of help for further exploration of the diverse molluscan fauna especially for the micro shells were a lot taxonomical problems are evident. Several species are seldom found or have never been mentioned in this geographical region before.