Haie: Im Gespräch mit Elisabeth und Walter Buchinger

Die bedrohten Haie und der Auftrag die Meere zu schützen

Seit vielen Jahren setzen sich Elisabeth und Dr. Walter Buchinger für den Hai- und Meeresschutz ein. Seit dem Herbst 2016 sind sie Vorstandsmitglieder in der Meeresschutzorganisation MareMundi. Grund genug für unsere Redaktion, den beiden wohlverdienten Aktivisten für den Erhalt der Meere einige Fragen zu stellen. Nicht zuletzt in der Hoffnung dadurch mehr Menschen (unabhängig vom Alter) dafür zu motivieren einen aktiven Beitrag für den Meeresschutz zu leisten.

 

Elisabeth und Walter Buchinger besuchten unsere MareMundi „Schule am Meer“ auf der kroatischen Insel Krk zum ersten Mal irgendwann im Jahr 2010. Foto: Robert Hofrichter. 

 

Redaktion: Die meisten Menschen gehen einer Beschäftigung nach, erfüllen ihre Aufgaben im Berufsleben und gehen irgendwann in den wohlverdienten Ruhestand. Wie seid ihr auf die Idee gekommen statt dem Faulenzen viele Jahre einen großen Teil Eurer Zeit dem Haischutz, später auch dem Meeresschutz generell zu widmen?

Elisabeth Buchinger: Ich bin am Land aufgewachsen, wir hatten immer Katzen als Haustiere und schon als Kind war es meine größte Freude, wenn ich mit Tieren am benachbarten Bauernhof interagieren konnte. Dass Tiere nur zur Nahrungsmittelproduktion dienen habe ich schon als Kind nicht verstanden, hab auch seit meinem 4. Lebensjahr aus diesem Grund kaum Fleisch gegessen.

Viel später dann rückte das Tauchen in meinen Fokus und mir wurde klar, dass Haie völlig verkannte Lebewesen und vom Aussterben bedroht sind. Es war für mich selbstverständlich etwas dagegen zu tun. Kurz vor meiner Pensionierung bin ich über Sharkproject gestolpert, hab sofort beschlossen die Zeit zu nutzen und Aufklärungsarbeit in Schulen zu leisten. Solange ich mich bewegen kann ist rein hedonistisch auf mein Ende zu warten kein Thema, ich möchte mich sinnvoll fürs Wohl bedrohter Lebensräume und Tiere engagieren und Freude dabei haben.

Walter Buchinger: Als Unfallchirurg war ich „Action“ während meiner mehr als 40jährigen Berufstätigkeit gewohnt. Im August 2008, an einem besonders heißen Tag, setzte der Notarzthubschrauber mit einem Schwerverletzten um etwa 15 Uhr 30 an unserem Spital zur Landung an. Ich war eben im Begriff, früher als üblich meine Arbeitsstätte zu verlassen, wohl wissend, dass auch ohne Chef eine kompetente Mannschaft zur Verfügung stand. Nur – der Polytraumabehandlung galt meine besondere Zuwendung, aber auf einmal verspürte ich nicht mehr das Gefühl „Action, da muss ich dabei sein…“, sondern eher „Sch…. schon wieder…“. Da merkte ich, dass ich müde werde und Kraft und Begeisterung für die bis dahin in meinem Leben im Vordergrund stehenden Aufgaben nachließen. Um Statements wie „Wann geht der Alte endlich…“ zu vermeiden, regelte ich noch meine Nachfolge, zog mich 2009 in den Ruhestand zurück und plante ein Leben in Besinnlichkeit und Ruhe. Kurze Zeit später wurden Elisabeth und ich gebeten, die Leitung einer Haischutzorganisation zu übernehmen. Wir haben in diese Aufgabe unendlich viel Zeit investiert, Vorträge gehalten, Jugendliche und Erwachsene über Haie informiert und die Organisation auf eine solide wirtschaftliche Basis gestellt – da war allerdings von „Besinnlichkeit und Ruhe“ keine Rede mehr. Diese neuerliche „Action“ hat aber Spaß gemacht – und war unsere Motivation – unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit Haien (und auch über ihre Gefährdung) einem zwar interessierten, aber diesbezüglich unbedarften Publikum zu vermitteln. Irgendwann merkten wir, dass PR für Haie nicht die alleinige Lösung zur Bewahrung unserer Ökosysteme sein kann. Und damit kamen wir 2016 bei MareMundi an.

 

Mit dem größten und mächtigsten aller Raubhaie, dem Weißen Hai (Carcharodon carcharias) auf Guadalupe.

 

Redaktion: Angefangen hat Euer Interesse mit der Taucherei und mit den Haien. Waren sie der Auslöser dafür sich aktiv einzubringen? Habt ihr die negative Entwicklung der Haibestände im Laufe der Jahre auch direkt beobachten können?

Elisabeth Buchinger: Meine ersten Tauchurlaube führten mich in den 80iger Jahren ans Rote Meer, die Haisichtungen hielten sich damals in Grenzen, an eigene Longimanusbegegnungen kann ich mich nicht erinnern, auch nicht an Sichtungen durch Tauchpartner. Heute sind derartige Beobachtungen im Roten Meer an der Tagesordnung, ob das eine positive Entwicklung ist, kann ich nicht beurteilen. Haie waren für mich damals nicht das Thema. Das änderte sich schlagartig, als wir im Februar 1995 zum ersten Mal in Galapagos tauchten. Gardner- Bay auf Espanola, die südlichste Insel des Archipels, war die erste Bucht in der wir ankerten. Die Wasseroberfläche hatte gebrodelt durch Hammerhaie, Flosse an Flosse soweit man blicken konnte, unfassbar! Es müssen mehrere hundert gewesen sein. Wir sind ins Wasser geglitten, haben uns in 10 Meter Tiefe zusammengefunden und waren fasziniert von dem Anblick über uns.

Bereits 2010 mussten wir – um Hammerhaischulen zu beobachten- nach Darwin und Wolf, zu den entlegensten Inseln fahren. Diese negative Entwicklung in Galapagos ist für mich eindeutig beobachtbar.

Walter Buchinger: Angefangen mit dem Tauchen habe ich in den frühen 70er Jahren bei der Wiener Wasserrettung. Da stand allerdings das soziale Engagement im Vordergrund, ich muss zugeben, die Unterwasserwelt bei den Trainingseinheiten im Hallenbad oder bei Schulungen wie beispielsweise Orientierungstauchen im Donau-Oderkanal haben meine Begeisterung für diesen Sport zunächst in Grenzen gehalten. Das änderte sich dann schlagartig, als ich zum ersten Mal in einem tropischen Meer tauchte. Und das war eher Zufall…das Bundesheer hatte meine wiederholten Aufschübe zum Grundwehrdienst nicht mehr länger toleriert, und um nicht in einer Gott verlassenen Gegend mein Kasernendasein fristen zu müssen, meldete ich mich als Arzt zum Österreichischen UN-Kontingent auf die Golanhöhen. Mein erster Urlaub führte mich zum Jahreswechsel 1976/77 ans Rote Meer. Schlagartig war ich fasziniert von den bunten Korallenriffen und –fischen. Nur – ein Jahr vorher hatte ich im Kino den Film „Der weiße Hai“ gesehen. Entsprechend panisch war meine Reaktion, wenn in der Ferne nur die Umrisse eines Hais zu sehen waren, da saß ich schon am nächsten Riffdach mit angewinkelten Knien, Kopf aus dem Wasser, nach dem Motto: was ich nicht sehen kann, sieht auch mich nicht…von „Liebe auf den ersten Blick“ Haien gegenüber kann also keine Rede sein. Das änderte sich auch zunächst nicht, als ich in den darauffolgenden Jahren regelmäßig mit meinem Tauchklub ans Rote Meer zurückkam. Erst als wir auf den schweizer Meeresbiologen Dr. Erich Ritter trafen, mit ihm tauchten und in seinen Vorträgen die wahre Natur der Haie – und ihre Gefährdung – kennenlernen konnten, hat sich meine Einstellung diesen Tieren gegenüber grundlegend geändert. In der Folge wählten Elisabeth und ich in unseren Urlauben vorwiegend Tauchgebiete, die bekanntermaßen als „haiverseucht“ galten. Wir haben es nicht bereut, großartige Abenteuer erleben dürfen, und darüber berichtet. Über die Abnahme der Populationsgrößen von Haiarten forschen seriöse Wissenschafter über Jahre. Dies während eines 14tägigen Tauchurlaubs zu evaluieren und dezidiert zu behaupten, wäre anmaßend. Doch hatten wir bei wiederholten Besuchen an bestimmten Destinationen aufgrund unserer Sichtungen schon das Gefühl, dass der Bestand an Haien offensichtlich abnahm, das galt für die Gewässer um die Galapagosinseln ebenso wie für Südafrika!

 

Auge im Auge mit dem Großen Hammerhai (Sphyrna mokarran) auf den Bahamas.

 

Redaktion: Haie sind faszinierende, doch in den Augen der meisten Menschen furchteinflößende Meerestiere. Nicht wenige haben eine geradezu irrationale Angst vor ihnen, wohl gerade deswegen, weil sie noch nie einem begegnet sind. Bei euch ist es ganz anders: Ihr hattet unzählige unmittelbare Begegnungen mit den verschiedensten Haiarten. Erzählt dem Leser etwas darüber …

Elisabeth Buchinger: Ich kenne diese irrationale Angst aus meiner Anfangszeit des Tauchens, ich hatte Angst vorm Wasser und den Haien. Meine Neugier war größer und nachdem ich in Galapagos mindestens 10 Minuten Flosse an Flosse mit einem Galapagoshai in der Putzerstation gelegen bin – ohne zu wissen in welcher Situation ich mich befand – war meine Angst besiegt und ein Lernprozess über die Tiere hatte begonnen. Wir haben dann Sharkschools in Südafrika und auf den Bahamas mitgemacht, haben sicher Sinnvolles gelernt, bevor wir uns dann auf eigene Faust in unseren Tauchurlauben rund um die Welt den Haien genähert haben.

Prinzipiell gibt es 3 Möglichkeiten große Haie zu beobachten:

Am großartigsten sind Tauchurlaube, bei denen man diese Tiere „in freier Wildbahn“ – ohne menschliches Zutun – beobachten kann. Da muss man allerdings zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, das ist zeitaufwändig und teuer, setzt verlässliche Informationen durch ein kompetentes Reisebüro voraus – und trotzdem eine Portion Glück! Das hatten wir beispielsweise auf Cocos oder Galapagos mit den riesigen Schulen von Hammer- und Silberspitzenhaien die dort zu bestimmten Zeiten anzutreffen sind.

Die zweite Möglichkeit sind geköderte Haitauchgänge. Der Fischköder befindet sich in einer Box mit kleinen Öffnungen, sodass nur eine Geruchsspur bzw. kleinste Fischteilchen austreten und durch die Strömung verteilt werden können. Oft muss man stundenlang warten bis die Haie so angelockt endlich zum Köder kommen und ihn neugierig umkreisen. Hier beginnt bereits das Risiko – man muss die Strömungen beachten, um nicht in die „Duftspur“ zu geraten. Auf diese Weise konnten wir Tiger- und Zitronenhaie auf den Bahamas, oder Schwarzspitzen- Seiden- und Bullenhaie in Südafrika beobachten.

Wenn die Köderspur nicht mehr zu riechen ist, verschwinden alle Haie wieder in die Weiten des Ozeans.

Tauchgänge, bei denen Haie angefüttert werden, sind am risikoreichsten. Dabei werden große Fischteile den Haien zugeworfen, diese Brocken können aber durch Strömungen unkontrolliert im Wasser verteilt werden und unbemerkt in die Nähe oder zwischen die Beine der Taucher gelangen. Unerschrockene Haie, wie Bullen- oder Tigerhaie schnappen auch nach den menschennahen Fischteilen, wodurch schwere Verletzungen an Tauchern zustande kommen können. Auch solche Tauchgänge haben wir absolviert, sind aber im Nachhinein betrachtet nicht stolz darauf…durch diese „Konditionierung“ (die Tauchanbieter in bestimmten Regionen wiederholen das ja mehrmals in der Woche) wird die Erwartungshaltung der Tiere – und damit ihre sonst kaum vorhandene Aggressivität – gefördert. So etwas sollte man besser lassen!

Walter Buchinger: Am meisten beeindruckt hat mich ein Tauchurlaub auf den Cocos-Inseln, da sahen wir Hammerhaischulen soweit das Auge reichte. An Putzerstationen konnten wir Hammerhaie aus nächster Nähe erleben und filmen, die waren keinesfalls aggressiv, eher scheu, Luft anhalten war angesagt, denn sobald sie Luftblasen sahen, suchten sie das Weite. Großartig waren unsere Begegnungen mit Walhaien vor Westneuguinea, mit Weißen Haien vor Guadeloupe und Tiger- und Zitronenhaien auf den Bahamas. Ganz besonders ist mir ein Tauchgang in Indonesien in Erinnerung – da fand ich in einer Höhle einen etwa 1,5m großen Teppichhai (Wobbegong). Nach der obligaten Filmaufnahme schwamm ich weiter, hatte nach 30m aber irgendwie das Gefühl, dass mich wer verfolgt. Ich ließ mich auf einem Granitvorsprung nieder, drehte mich um – da kam der Wobbegong geradewegs auf mich zu und legte sich vor meine Flossen, sein Augenaufschlag schien zu sagen: „Willst du mich nicht streicheln?“ WAS ICH NATÜRLICH NICHT TAT!

Ein Ranking unserer Haitauchgänge aufzustellen, ist für mich unmöglich. Vor allem auch deshalb, da bei jedem Tauchgang unzählige andere durchaus bemerkenswerte Meereslebewesen in unser Blickfeld geraten – vom kaum übersehbaren Manta über zentimetergroße bunte Nacktschnecken bis zu millimetergroßen Putzergarnelen… das sind nicht nur interessante Fotoobjekte – sie dokumentieren die Biodiversität unserer Ozeane. Wir sollten nicht vergessen (so sehr Haie als Prädatoren am Ende der Nahrungskette auch von Wichtigkeit sind) – den Fokus ausschließlich auf Haie zu richten, würde bedeuten, einen wesentlichen Teil der Unterwasserfauna zu vernachlässigen!

 

Walter Buchinger in jüngeren Jahren seiner Taucherlaufbahn.

 

Redaktion: Wie habt ihr den Haischutz in den letzten Jahrzehnten erlebt – international und in den deutschsprachigen Ländern? Hat sich etwas zum Positiven entwickelt?

Elisabeth Buchinger: Meine persönliche Wahrnehmung ist, dass heute wesentlich mehr Schüler ein realistisches Bild von Haien haben als vor 15 Jahren. Damals war in der Regel nur ein Kind in der Klasse der Meinung, dass Haie wichtig und schützenswert sind, heute ists die halbe Klasse, eine sehr positive Entwicklung. Die Ursache für diesen Wandel liegt meiner Ansicht nach in der steigenden Anzahl von guten Fernsehdokumentationen über die Ozeane und die damit verbundene Problematik. Unsere Aufklärungsarbeit halte ich für wichtig, aber die große Masse an gedankenlosen Konsumenten erreichen wir – noch – nicht.

Die findet man, wenn man beispielsweise die Zahlen zum Haikonsum betrachtet, auch nicht vorrangig in Österreich, sondern bereits in der Urlaubsregion Kroatien, bevölkert von deutschsprachigen Touristen.

Walter Buchinger: Zweifelsfrei hat sich seit Steven Spielbergs Film „Der Weiße Hai“ ´, der 1975 gedreht wurde, einiges geändert. Sogar Peter Benchley, der die Vorlage mit seinem Roman „Jaws“ zum Film geliefert hatte, bereute, dass er damit zur irrationale Angst vor Haien beitrug und bemühte sich bis zu seinem Tod 2006, die Menschen über Haie aufzuklären.

International gibt es zahlreiche wissenschaftliche Organisationen, die seriöse Daten erheben, plausible Zahlen und Fakten über Haibestände und deren Gefährdung publizieren und Lösungsvorschläge – etwa die Etablierung von Schutzgebieten zu bestimmten Zeiten in bestimmten Regionen – präsentieren.

In den deutschsprachigen Ländern sehe ich die Entwicklung nicht ganz so rosig. Zwar hat die Aufklärungsarbeit (Vorträge, Messepräsentationen, Kampagnen gegen Haiprodukte in Restaurants, etc.) einiges bewirken können. Eitelkeiten unter bzw. zwischen den Organisationen fordern aber sinnloser Weise Substanz, die man besser einsetzen könnte. „Wissenschaftliche“ Kampagnen von selbsternannten Experten, die sich letztendlich bei näherer Betrachtung als PR-Aktionen demaskieren (und, da gut vermarktet, auch Kohle bringen), sind für Glaubwürdig- und Notwendigkeit des Haischutzes leider kontraproduktiv.

Und selbst wenn ich jetzt an Sympathien verlieren sollte – bis vor kurzer Zeit waren Zoos und Aquarien noch Verbündete, von denen einige deutschsprachige Haischutzorganisationen auch gerne finanzielle Unterstützung angenommen haben. Neuen Strategien, die sich gegen Aquarien richten („heutzutage ist eh alles im Fernsehen zu sehen“) sind, wie man beispielsweise bei einem Besuch im „Haus des Meeres“ in Wien anhand der Begeisterung von Jung und Alt feststellen kann, schlicht Unsinn. Nicht jeder ist in der privilegierten Situation wie wir, die Meeresfauna vor Ort beobachten zu dürfen…

 

Ein Wobbegong (Teppichhai) in West Papua.

 

Redaktion: In der Öffentlichkeit begegnen uns in der Regel zwei grundsätzliche Einstellungen Haien gegenüber: Die zum Teil völlig unbegründete, pauschalisierte Verteufelung (das wohl bei 99 Prozent aller Menschen und mehr) und bei einer wesentlich kleineren Gruppe etwas, was manche für Verharmlosung halten. Haie seien ja nach dieser Meinung nicht gefährlicher… als beispielsweise Forellen…

Elisabeth Buchinger: Beide Einstellungen sind völlig absurd. Zur Verharmlosung: Ein allesfressendes Raubtier das 500 kg und mehr wiegt kann – wenn`s hungrig und grantig ist – für uns Menschen gefährlich sein. Dieser Allesfresser meidet aber den Menschen, weil er einfach nicht in sein Beuteschema passt. Er verlässt aber auch seine angestammten Wanderrouten (wie auch der Wolf) nicht, nur weil da zufällig Menschen des Weges sind.

Walter Buchinger: Na ja, einem Weißer Hai mit einer Tonne oder mehr, oder einem Tigerhai mit ähnlichem Gewicht sollte man schon anders begegnen als einer Forelle… Dazu fällt mir ein sehr geläufiges Bonmont ein, dass ich selbst in meinen Vorträgen oft verwendet habe: „Es gibt keine gefährlichen Haie, nur gefährliche Situationen mit Haien“. Dazu habe ich selbst meine Erfahrungen machen können. Prinzipiell kann man sagen, mangelnder Respekt den Tieren gegenüber, Anfütterungen (damit Konkurrenz unter den Tieren und Konditionierung) sowie Situationen, die die Sinne der Haie irritieren können (Brandung, trübes Wasser, Nachttauchgänge) können für Unfälle prädisponierend wirken. Und was wir nicht vergessen sollten: Haie sind Raubtiere, auch einem vergleichsweise kleinem Fuchs im Wienerwald würden wir uns nur mit Vorsicht nähern…

 

Mitten in der „Haisuppe“ auf den Bahamas.

 

Redaktion: Gibt es unter den 530 derzeit lebenden Haiarten solche, die ihr „fürchtet“? Oder zumindest wo das Signallicht angeht und ihr sagt: Respekt, hier ist Vorsicht angesagt? Bestimmt habt ihr genug persönliche Erlebnisse, die ihr mit unseren Lesern teilen könntet…

Elisabeth Buchinger: Jedes Tier, das größer und schwerer ist als wir ist potentiell gefährlich für uns, auch z.B. Pflanzenfresser wie Pferde oder Kühe, wenn sie gerade in Panik vor einem Wespenschwarm fliehen. Dieses Beispiel soll veranschaulichen, dass selbst harmlose Tiere in bestimmten Situationen für uns gefährlich sein können. Das trifft natürlich auch für Haie zu.

Das Signallicht geht zweifellos an bei Tigerhaien vor allem wenn sie in größerer Anzahl auftreten, man verliert die Übersicht, kann sich nicht jedem einzelnen Tier zuwenden und entsprechend agieren. Für die Beobachtung von Weißen Haien ist man in der Regel ohnehin in den Käfig verbannt, was ein gefahrloses Beobachten der angeköderten Tiere ermöglicht. In Guadalupe sind wir im Anschluss an einen geköderten Käfigtauchgang nach ca. halbstündiger Bootsfahrt frei getaucht, es war kein Weißer Hai zu sehen, obwohl man sicher sein konnte, dass sie uns registriert hatten. Aber Menschen ohne Leckerli sind eben völlig uninteressant für sie…

Eine andere Situation: Tauchsafari Galapagos. Nach dem Abendessen, ein Scheinwerfer leuchtet ins Wasser, Fische tummeln sich im Lichtkegel, ein Weissspitzenriffhai zieht ruhig durchs Wasser. Ich springe mit ABC-Ausrüstung in die Fischsuppe, es kommen zwei weitere Haie dazu, sie bewegen sich völlig ruhig und unaufgeregt um mich herum. Plötzlich änderte sich die Situation: alle Haie, wie auf Kommando, schießen wild durchs Wasser, der Konkurrenzkampf hatte begonnen, sie achteten nicht mehr auf Hindernisse, stießen und rempelten um, was immer zufällig im Weg war. Da geht das Signallicht an, das ist der Zeitpunkt das Wasser zu verlassen.

Walter Buchinger: Nach der Statistik sind die meisten Unfälle durch 1. Weiße Haie, 2. Tigerhaie und 3. Bullenhaie verursacht. Ich persönlich kann nur über einen Zwischenfall mit einem Tigerhai, der sich für die Videokamera einer Tauchpartnerin interessierte (und in die Kamera biss) berichten. Dabei haben wir allerdings die Vorsichtsmaßnahmen, die uns vor dem Tauchgang beim Briefing vermittelt wurden: „steht Schulter an Schulter, wenn der Hai passiert“ außer Acht gelassen…Schulter an Schulter ist weder für Foto- noch Videografen – alle mit hirschgeweihartig aufgepflanzten Scheinwerfern über der Kamera – eine wünschenswerte Position…nach einer viertel Stunde unter Wasser waren die guten Vorsätze dahin, zwischen uns klafften Zwischenräume, und da kam er, der Tigerhai…

Respekt hatten wir vor Weißen Haien, die haben wir vom Käfig aus beobachtet, 81 kg versus Tonnen – muss ja nicht sein…

 

Walter Buchinger schließt auf den Bahamas nähere Bekanntschaft mit einem Hammerhai. Für viele Menschen schwer vorstellbar, doch man sieht, Haie sind auch nur Fische, keine Monster. Sie sind in aller Regel nicht darauf aus Menschen zu fressen.

 

Redaktion: Sind die Haie die größte Gefahr des Meeres?

Elisabeth Buchinger: Definitiv nicht, für mich sind nicht Lebewesen die große Gefahr sondern die für Laien unsichtbaren physikalischen Kräfte des Ozeans, alle Arten von Strömungen, besonders Brandungsströmungen, die zu 80% Ursache für den Ertrinkungstod von Schwimmern und Schnorchlern darstellen. Wenn man sich an die Grundregeln hält, nämlich nichts berühren und nicht den Boden betreten sind Lebewesen für mich nicht die größte Gefahr im Meer und schon gar nicht Haie.

Walter Buchinger: Definitiv NEIN!

Wenn man den Statistiken Glauben schenken darf, sind Todesfälle durch Quallen (z.B. Seewespe, portugiesische Galeere) mehr als zehnmal häufiger als durch Haie. Auch Tiere, die sich in den Sandboden eingraben und damit für Taucher kaum zu erkennen sind, können durch ihre Toxine Lähmungen (u.U. der Atemmuskulatur) und Herzrhythmusstörungen auslösen. Beispielhaft seien hier der Steinfisch und das auch im Mittelmeer beheimatete Petermännchen genannt. Blauringoktopus und Seeschlange sind – wie Haie – keine aggressiven Tiere, unachtsames Verhalten bei Kontakt mit diesen Meeresbewohnern (sie sind ja begehrte Fotoobjekte) kann zu schweren Folgen führen. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen…und auch der Tritt auf einen Seeigel wird zumindest für einige Zeit den Urlaub vermiesen…

 

Ein kolossaler Weißer Hai (Carcharodon carcharias) auf Guadalupe. Diese Fische erreichen sieben Meter Länge.

 

Redaktion: Wie sieht es im Mittelmeer aus? Habt ihr dort jemals auch nur einen Hai gesehen? Was sagt es Euch über den ökologischen Zustand dieses Meeres?

Elisabeth Buchinger und Walter Buchinger: Wir müssen gestehen, bis vor kurzer Zeit lag der Schwerpunkt unserer Taucherlebnisse im Pazifik, Atlantik und im Indischen Ozean. Erst seit wir bei und für MareMundi werken, beschäftigen wir uns näher mit der Adria. Haie haben wir schon gesehen – allerdings nicht dort, wo sie hingehören, nämlich im Meer, sondern auf den Speisekarten zahlreicher Restaurants in Kroatien! Wie wir der Masterarbeit einer von uns geförderten Studentin entnehmen können, gibt es sie NOCH…die in dieser Arbeit erhobene Anzahl der in kurzer Zeit mit Schleppnetzen als Beifang eliminierten Katzen- Dorn- und Glatthaie mit Größen von 37 bis 129 cm war erschreckend hoch. Diese gedankenlose Überfischung ist mit ein Grund für den bedenklichen ökologischen Zustand des Mittelmeeres.

 

 Ammenhaie (Ginglymostomatidae) sind eine artenarme Familie von bodenbewohnenden Haien. Manche Tiere werden mehr als vier Meter lang.

 

Redaktion: Ihr habt Hans Hass, den bekanntesten Pionier des Tauchens, der Meeresforschung und später auch des Meeresschutzes persönlich gekannt. Welche Rolle spielen Vorbilder wie er und seine Frau Lotte?

Elisabeth Buchinger: Als Tauchpionier, zu einer Zeit als Meeresschutz noch kein Thema war, hat er wesentlich zur Entwicklung der Tauch-Technik und auch zur Erforschung der Haie beigetragen. Er hat schon in den 30iger Jahren erkannt, dass Haie keine Menschenfresser sind und dies in seinen Filmen vermittelt. Damals hat er zu Forschungszwecken alles was ihm vor die Harpune kam gnadenlos gejagt und eingesammelt.

Unzähligen Tauchern galt er in den 60iger Jahren als Vorbild. Später ist er dann zum Naturschützer mutiert. In dieser Funktion habe ich ihn weniger als Vorbild wahrgenommen, wie auch immer, er ist eine Legende.

Walter Buchinger: Die Filme der beiden haben mich schon als Kind fasziniert. Die Fernsehserien im Vorabendprogramm in den 50er Jahren waren Pflichttermine für mich. Natürlich war für mich das Abenteuer, das Vordringen in eine völlig unbekannte Welt, Auslöser für meine Begeisterung. DAS, schwor ich mir, werde ich später auch einmal machen. An Meeresschutz dachte ich damals noch nicht, Wissen und Notwendigkeit für diese Maßnahme waren – auch für das Ehepaar Hass – zu dieser Zeit nur ein marginales Thema. Leider hat sich das seither geändert, und ich habe Hans Hass für sein späteres Engagement, das er diesbezüglich bis ins hohe Alter zeigte, bewundert. Ich denke, die Welt von heute würde mehr solcher Vorbilder brauchen!

 

Ein Walhai (Rhincodon typus) in West Papua, der größte Hai und Fisch der Gegenwart. Nur noch selten werden Exemplare gesichtet, die ihre Maximalgröße von etwa 14 Metern erreichen.

 

Redaktion: Scheinbar mit Recht haben manche Menschen das Gefühl, dass wir in Anbetracht des ökologischen Niedergangs unseres Planeten am Lauf der Dinge ohnehin nichts verändern können. Was würdet ihr dem entgegenhalten?

Elisabeth Buchinger: Es gibt wesentliche Veränderungen, die niemand für möglich gehalten hätte, und doch sind sie passiert. Worüber nicht mehr ständig berichtet wird, verschwindet offensichtlich aus unserer Wahrnehmung und man kriegt das Gefühl es ändert sich nichts, hier 3 Beispiele:

Das Waldsterben durch den sauren Regen ist heute kein Thema mehr.

Die Maßnahmen, Katalysatoren obligat für Kraftfahrzeuge zu verordnen und Filteranlagen zur Reduzierung von Schadstoffen in der Luft haben gegriffen. Das hätte ich vor 35 Jahren nicht für möglich gehalten. Heute gibt’s nur mehr kleine lokale Probleme mit saurem Regen.

Die FCKW-freien Kühlschränke wurden durchgesetzt, erinnert ihr euch?

Das Ozonloch ist heuer so klein wie nie seit den 80iger Jahren.

Ein Grund dafür ist auch, dass die heutigen Chlorkonzentrationen in der Stratosphäre deutlich geringer sind als zum Ende des letzten Jahrhunderts und daher Ozon nicht mehr so stark zerstören können. Aktuelle Messungen zeigen rund 15 Prozent geringere Chlorkonzentrationen als im Jahr 2000. Das ist ein großer Erfolg der Montrealer und Londoner Protokolle, welche die Produktion und Nutzung Ozonzerstörender Substanzen reglementieren. Diese Umweltabkommen von 1987 und 1990 wurden von allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen völkerrechtlich verbindend unterzeichnet.

Der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen ist ebenfalls im Gange…

Also es passiert schon etwas zur positiven Veränderung, vielleicht kann die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen durch kollektive Bewusstseinsbildung etwas beschleunigt werden.

Walter Buchinger: Die (zu) rasch wachsende Weltbevölkerung und unser Lebensstil sind wohl die Hauptübel für den ökologischen Zustand unseres Planeten. Auf den ersten Blick könnte man ja durchaus zur Meinung gelangen, als „kleinstes Rädchen im Uhrwerk“ daran kaum etwas ändern zu können. Gleichgültigkeit sollte aber ebenso wenig angesagt sein wie grenzenloser Optimismus oder destruierende Panikmache. Noch gebe es viel zu retten – Voraussetzung wäre nur einmal, das Bewusstsein für negative Entwicklungen zu schärfen.

 

Wie groß ist er nur im Vergleich zu uns Menschen: der Walhai (Rhincodon typus), ein sanfter Riese, ein Hai, der sich wie ein Bartenwal ernährt. Ansonsten hat aber aber mit Walen wenig gemeinsam, sind doch Wale Säugetiere und er ein waschechter Hai.

 

Redaktion: Ihr habt viel mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, unzählige Messen besucht und die Öffentlichkeit aufgeklärt. Welche Rolle spielt die Jugendarbeit für den Meeresschutz?

Elisabeth Buchinger: Eine Große! Kinder betrachten die Welt unvoreingenommen, stellen auch die richtigen Fragen und beeinflussen dadurch auch andere Generationen!

Umwerfend fand ich das Wissen eines 5jährigen in einem Kindergarten. Ich erzählte vom Lebensraum der Haie und meinte „… das Meer ist an manchen Stellen so tief, dass man sich das gar nicht vorstellen kann.“ Darauf der Knirps trocken: „Elftausend Meter, Marianengraben.“

Walter Buchinger: Es ist erstaunlich, was Kinder oftmals über die Ozeane wissen. Elisabeth, die häufig in Schulen und Kindergärten unterwegs war, kann da mehr darüber erzählen. An Messen waren es vielfach die Kinder, die ihre begleitenden Eltern oder Großeltern mit ihrem Interesse für die Meere „angesteckt“ haben. Wir konnten so drei Generationen erreichen und hörten nicht selten von zunächst desinteressiert wirkenden Erwachsenen am Ende unseres Gesprächs: „…gut, dass ich da jetzt Bescheid weiß…“

 

Unter Schwarzspitzen-Riffhaien (Carcharhinus melanopterus)  in Französich-Polynesien.

 

Redaktion: Welche konkreten Ratschläge würdet ihr Menschen geben, die zumindest etwas Positives zum Umweltschutz beitragen möchten? Was können sie ganz konkret tun – mit dem Gefühl, dass es auch etwas bringt?

Elisabeth Buchinger: Das globale Verantwortungsbewusstsein wird wahrscheinlich nicht vom Himmel fallen, also kann nur jeder für sich Verantwortung für seine Umwelt übernehmen, auch wenn man weiß, dass andere es nicht tun. Ich meine konkret mitzudenken z.B. wo kommt meine Nahrung oder Kleidung her, wie wird sie produziert, genügt nicht 1x pro Woche Fleisch zu essen, welche Ressourcen werden dabei vernichtet, geht’s nicht auch nachhaltig und ohne Tierleid… als Taucher weiß man, wo die Scholle lebt, und dass sie mit zerstörerischen Grundschleppnetzen gefangen wird. Wenn man sie also isst, kann man wohl seine Vernetzungen im Hirn nicht nützen…, Plastiksackerl meiden oder wenigstens mehrfach verwenden, es gibt so viel Konkretes, das man beitragen kann. Womit man sich natürlich keine Freunde in unserer Wohlstandsgesellschaft macht ist die Tatsache, dass ein wenig mehr Bescheidenheit der Schlüssel für einen verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt wäre. Gandhi hat schon gesagt: „The world provides for our needs, but not for our greeds“

Walter Buchinger: Nur eine kleine Auswahl:

  • Als erstes: Lassen Sie sich nicht entmutigen! Neben vielen negativen Nachrichten gibt es auch immer wieder positive, die zur Motivation Anlass geben können.
  • Weiters: Überprüfen Sie Ihr Konsumverhalten – noch immer scheinen Plastiksackeln und -verpackungen in den meisten Handelsketten unabdingbar (damit vermüllen wir zunehmend unsere Meere…)
  • Fisch ist aufgrund seines Gehalts an Omega 3 Fettsäuren sehr gesund…nur – weniger „gesund“ ist die zunehmende Überfischung unserer Ozeane. Und vertrauen Sie nicht auf kommerziell gestylte Gütesiegel, sondern eher auf Fischratgeber wie dem von Greenpeace (siehe – Fischratgeber)
  • Und auch Rind- Huhn- oder Schweinefleisch muss (egal, wie liebevoll gehalten und getötet die Tiere werden) nicht jeden Tag auf den Teller.
  • Überprüfen Sie Ihren Energiehaushalt (es muss bei Dunkelheit nicht jede Lampe in jedem Zimmer Ihrer Wohnung brennen).
  • Wählen Sie jene Parteien und Politiker, von denen Sie sinnvolle Aktionen zum Naturschutz erwarten können (…ich weiß, das ist leicht gesagt…)
  • Diskutieren Sie mit Freunden und Bekannten über diese Themen und wecken Sie damit Bewusstsein.
  • Wenn es Ihnen möglich ist – beteiligen Sie sich aktiv an der Arbeit von Natur- bzw. Umweltorganisationen, denen Sie Ihre Sympathie entgegenbringen, oder unterstützen Sie diese finanziell.

 

 

Redaktion: Wo liegen heute aus Eurer Sicht die größten Probleme im Hai- und Meeresschutz?

Elisabeth und Walter Buchinger: Kurz zusammengefasst, um uns nicht zu wiederholen: legale Überfischung, illegale Befischung, Verschmutzung der Meere durch Schadstoffe aller Arten, Tourismus an den Küsten und unter Wasser.

 

 

Redaktion: Was wünscht ihr Euch für das Neue Jahr 2018 – außer Gesundheit, die wir Euch an dieser Stelle wünschen?

Elisabeth und Walter Buchinger: Gesundheit ist wohl das Wichtigste, danke für die Wünsche. Daneben wünschen wir uns, dass das Bewusstsein über die Gefährdung unserer Umwelt und damit unseres Planeten weltweit ankommen möge. Und dass daraus eine positive Bewegung im Sinne „gemmas jetzt an“ (für unsere nördlichen Lieblingsnachbarn: „starten wir nun“) zustande kommt. Unseren Beitrag möchten wir dazu leisten.

 

 

Liebe Elisabeth, lieber Walter, danke für dieses spannende und anregende Gespräch!

Und, vor allem:

Das Team von MareMundi dankt Euch für Euren unermüdlichen Einsatz für den Schutz der Meere!

 

 

Das Gespräch führte Robert Hofrichter (Danke an Ramona und Alexander Wunderer für die redaktionelle Mitarbeit)

Fotos: Archiv Elisabeth und Walter Buchinger

 

 

Elisabeth und Walter Buchinger bei der letzten Generalversammlung von MareMundi im November 2017.