Ist die Welt noch zu retten? Im Gespräch mit Dr. Christian Voll

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Dr. Christian Voll ist seinem Beruf nach Arzt, konkreter Neonatologe in Passau (Bayern). Seit dem Herbst 2016 ist er Vorstandsmitglied in der Meeresschutzorganisation MareMundi. In seiner Freizeit widmet er sich einer entscheidenden Frage, die uns alle angeht: Was passiert mit unserer Welt? Warum beschleunigen sich die Prozesse des ökologischen Niedergangs? Was wird mit der Artenvielfalt bzw. der Biodiversität allgemein passieren? Kann wilde Natur auf unserem Planeten überleben? (überspitzt formuliert: Ist das Ende unserer schönen Welt in Sicht? Wird alles untergehen?) Was sind die Gründe und treibenden Kräfte hinter dem schleichenden und auch offensichtlichen Negativtrend? Welche sind die größten Probleme der Gegenwart? Doch alles entscheidend sind diese Fragen: Was können wir tun? Und können wir überhaupt etwas tun?

 

Zugegeben: Es sind schwierige und komplexe Fragen. Doch sie sind ausschlaggebend für die Arbeit unserer Meeresschutzorganisation MareMundi. Es sind die wirklich grundlegenden Fragen. Denn es zählt zu unseren Aufgaben aufzuklären und Antworten zu liefern. Über all das führt Robert Hofrichter, Präsident von MareMundi, ein Gespräch mit Christian Voll.

Soviel von den Antworten können wir jetzt schon vorwegnehmen: Noch gibt es viel zu retten, werden Sie aktiv und Teil der Problemlösung! Mit den Worten von Jørgen Randers: „Tun Sie mehr als Sie müssen. So vermeiden Sie später ein schlechtes Gewissen.“

 

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Was auf dem Spiel steht: Unter anderem auch das Meer, der schönste und artenreichste Lebensraum unseres Planeten.

 

Redaktion: Lieber Christian, Du bist Arzt. Wie kam es dazu, dass Du Dich in diese schwierige Thematik vertieft hast?

Christian Voll: Die natürliche und kulturelle Vielfalt, die wir auf der Erde erleben dürfen, habe ich immer als Geschenk empfunden. Schon als Kind stand ich dieser Vielfalt mit dankbarem und naivem Staunen gegenüber. Im Lauf der Zeit ist das Bedürfnis, das Sinnfällige nicht nur zu genießen sondern auch zu verstehen, stetig gewachsen. Dieses Bedürfnis hat eine ganz eigene Dynamik entwickelt. Dabei wurden auch viele bedrohliche Entwicklungen offensichtlich. Außerdem merkte ich, dass viele Menschen den teils epochalen Herausforderungen resigniert oder zynisch gegenüber stehen.

Die Größe der anstehenden Aufgabe schien beängstigend. Nimmt nicht alles ohnehin seinen Lauf? Ich wollte konstruktiv mit dieser Art von Angst umgehen und bin in die Analyse eingestiegen. Diese Analyse ist komplex aber äußerst spannend. Sie nimmt mir die Angst und bereichert mein Leben. Sie führt mich in eine nahezu grenzenlose Gedankenwelt. Sie ist ein guter erster Schritt.

 

Redaktion: Das Buch von Jørgen Randers „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“ hat Dich und die Arbeit unserer Meeresschutzorganisation MareMundi geprägt. Erzähle uns etwas darüber …

Christian Voll: Randers wurde 1972 als Koautor der legendären Studie „Die Grenzen des Wachstums“ für den Club of Rome bekannt, der zum Millionenseller wurde und für Furore sorgte. 40 Jahre später (2012) hat Randers eine Prognose für die kommenden 40 Jahre gewagt (bis 2052). Viel wichtiger als die konkreten Vorhersagen war für mich aber sein nüchterner systematischer Denkansatz. Für mich war dieses Buch eine Art Initialzündung für die seither anhaltende Auseinandersetzung mit den treibenden Kräften in unserer Gesellschaft.

 

Die Internetseite Get the future wurde in Kooperation mit MareMundi erarbeitet, um auf die größten Probleme der Gegenwart aufmerksam zu machen, die Ursachen aufzuzeigen und Lösungsansätze in den Mittelpunkt zu stellen.

 

Redaktion: Dein Interesse an sinnvollen Antworten auf schwierige Fragen ging soweit, dass Du in Absprache mit MareMundi eine ganze Webseite erstellt hast – ein Versuch der komplexen Thematik Herr zu werden? Sie heißt Get the future https://www.get-the-future.com . Erzähle uns etwas über diese Arbeit, welchen Problemen man dabei begegnet und wie Du weiter kommst

Christian Voll: Ich habe im Netz immer eine Seite vermisst, die eine kurze aber gut belastbare Übersicht über alle ökologisch relevanten Themen bietet. Mir fehlte die sachliche Information samt den dahintersteckenden Quellen ohne ideologische Färbung. Eine Seite, die keine spektakulären Halbwahrheiten braucht, um Spenden zu „erzwingen“.

Da ich diese Seite nicht gefunden habe, habe ich mich selbst an die Arbeit gemacht. Ich bin dabei in stetigem Austausch mit anderen, die meine Ideen und Darstellungen reflektieren. Vieles wird erneuert, weil ich nicht mehr zufrieden bin mit der bisherigen Arbeit. Das ganze macht viel Spaß und benötigt sehr viel Zeit, obwohl man nie auch nur annähernd fertig werden kann. Es gibt meinem Denken eine Struktur. Aktuelle arbeite ich an neuen Themen, die ich erst dann präsentieren will, wenn ich die Grundzüge durchdrungen habe.

Der Mensch hinterlässt immer mehr Spuren auf unserem Planeten. Wieviel Platz bleibt noch für Wildnis und Natur? Experten sind sich einig: Sie werden von der wachsenden Weltbevölkerung immer mehr zurückgedrängt. Das geht mit einem massiven Verlust an Biodiversität einher.

 

Redaktion: Salopp formuliert hat man den Eindruck, dass in Sachen Natur „alles den Bach runtergeht“. Du beginnst Deine Seite mit einer „ökologischen Grundgleichung“. Warum so und was wolltest Du damit zum Ausdruck bringen?

Christian Voll: Wir brauchen ein Denkgerüst, um Zusammenhänge zu verstehen und um die einzelnen Bausteine zu einem Ganzen zusammenzufügen. Die „ökologische Grundgleichung“ ist dieses Gerüst. Sie ist für mich unverzichtbar. Ich habe mittlerweile entdeckt, dass es ähnliche Formeln in der soziologisch-ökologischen Forschung gibt. Das hat mich bestätigt. Ich will den Bezug zur Formel in den einzelnen Rubriken noch deutlicher machen.

Anzahl der Menschen   x   durchschnittlicher Lebensstil   =   Zukunft

 

Redaktion: Welche Rolle spielt bei all den Überlegungen die überaus beunruhigende Überbevölkerung?

Christian Voll: Aktuell verbrauchen ca. 7,5 Milliarden Menschen in rasantem Tempo die Zukunft ihrer Nachkommen. Es gibt wenig Anlass zu Hoffnung, dass 11 oder 16 Milliarden Menschen es automatisch besser machen werden. Da die Anzahl der Menschen ein Faktor der „Ökologischen Grundgleichung“ ist, müssen wir den ohnehin sichtbaren Trend zur sinkenden Geburtenrate weiter fördern. Wir brauchen dazu eine Gesellschaftsform (incl. Generationenvertrag), die nicht auf eine stetig wachsende Bevölkerung angewiesen ist. Das ist eine herausragende Herausforderung und entspricht einem fundamentalen Paradigmenwechsel.

 

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Massive Überbevölkerung ist das Grundproblem, das hinter vielen weiteren Problemen steckt. Foto: Wikipedia.

 

Redaktion: Und unser Lebensstil? Tragen wir nicht alle zu den Problemen bei, indem wir konsumieren, reisen, Auto fahren, fliegen und andere Dinge tun? Ist es nicht ein unlösbares Dilemma, dass auch wir, die wir uns einbilden Naturschützer zu sein, selbst Teil eines Systems sind, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint? Erzähle uns etwas über den ökologischen Fußabdruck …

Christian Voll: Der ökologische Fußabdruck ist ein unverzichtbares Werkzeug zur Messung des Verbraucherverhaltens. Er ermöglicht uns eine schonungslose Reflexion unseres Tuns. Auf vieles könnten wir verzichten. Dennoch ist es eine Illusion zu glauben, wir wären vollständig frei. Wir alle sind auch als Verbraucher eingebunden in ein gesellschaftliches System. Deshalb dürfen wir uns nicht auf freiwillige Einschränkungen des Verbraucherverhaltens verlassen. Wir brauchen verbindliche Regeln, wie wir sie in zahlreichen anderen Bereichen längst haben. Jede individuelle Freiheit findet ihre Grenzen, wenn sie der Gemeinschaft schadet.

 

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Die Entwicklung der Weltbevölkerung auf einer einfachen Skizze aus Wikipedia, die aber die Dramatik der Situation deutlich macht. 

 

Redaktion: Wie hängen Wirtschaft, Korruption, Kriminalität und der ökologische Niedergang zusammen?

Christian Voll: Viele unliebsame wirtschaftliche Prozesse sind notwendig, um uns unseren Lebensstil zu ermöglichen. Das Öl eines sinkenden Tankers wäre womöglich für unseren nächsten Urlaubsflug benötigt worden. Die Wirtschaft macht zu großen Teilen das, was wir von ihr wollen. Die Höhe des Bruttoinlandproduktes entspricht dabei ungefähr der Höhe der ökologischen Schäden, die durch die entsprechende Volkswirtschaft verursacht werden.

Andererseits erlaubt es unser höchst komplexes Wirtschaftssystem auch, dass eine kleine Gruppe von Menschen auf gesetzestreue Art und Weise ihre nahezu unersättliche Gier auf Kosten unserer Lebensgrundlagen befriedigt, ohne der Gesellschaft dafür eine konstruktive Gegenleistung zu bieten.

Korruption und Kriminalität sind dagegen Vorgänge außerhalb offizieller gesellschaftlicher Vereinbarungen. Sie haben das Potential, ganze Lebensräume zu zerstören und Arten auszurotten. Das nördliche Breitmaulnashorn, das kurz vor der unvermeidlichen Auslöschung steht, ist nur ein kleines, wenngleich sehr trauriges Beispiel dafür.

 

Redaktion: Welche Formen nimmt die Zerstörung an? Wie wirkt sich das auf die Artenvielfalt auf unserem Planeten aus?

Christian Voll: Eingriffe in die Natur sind eine Grundlage unserer Zivilisation. Im Übermaß gefährden diese Eingriffe jedoch unsere Lebensgrundlagen. Alle Zerstörungen lassen sich in eine von 7 Kategorien einordnen. Global gesehen ist derzeit die Zerstörung von Lebensräumen durch die Landwirtschaft die bedeutsamste Ursache des Artenmassensterbens. Da spielt auch unser Fleischhunger eine große Rolle. Der künftige Effekt der rasant wachsenden Aquakulturen ist schwer abzuschätzen. Auch die Hochsee ist als wasserwirtschaftliche Nutzfläche freigegeben.

Auch Schad- und Giftstoffe setzen der Artenvielfalt heftig zu, man denke nur an das dramatische Insektensterben in Europa oder den ökologischen Stress durch die Erderwärmung und Versauerung der Meere. Wir schlagen zu viel Holz und überfischen die Weltmeere. Eingeschleppte Arten verändern ganze Lebensräume. Autobahn-Netze verhindern Tierwanderungen. Über 30 Milliarden Tonnen Sand werden jährlich schonungslos aus Flussbetten und Küstengebieten gefördert, um Straßen und Häuser damit zu bauen. Das Zusammenspiel vieler Faktoren bewirkt letztlich den vielzitierten „Perfect Storm“, der schon jetzt vieles hinweg fegt.

 

Küstenlebensräume und Korallenriffe wie diese am Roten Meer (Sinai, Golf von Aqaba) gehören zu den am stärksten bedrohten Bereichen unserer Erde. Immer weniger unberührte Küsten sind noch zu finden. Den Korallen setzen zusätzliche Faktoren der globalen Veränderung zu: Eintrag von zu vielen Nähr- und Schadstoffen, Klimaerwärmung und zu hohe Meerestemperaturen, Versauerung der Meere, mechanische Schädigung durch Stürme und menschliche Aktivitäten und weitere.

 

Redaktion: Es wird viel über die Erderwärmung diskutiert. Manche meinen, dass es Klimaschwankungen immer schon gegeben hat. Und sie haben damit recht. Andere – wie der amerikanische Präsident – leugnen den Klimawandel. Zu welchem Schluss bist Du gekommen?

Christian Voll: Es gibt einen breiten, in den Grundzügen gut nachvollziehbaren wissenschaftlichen Konsens darüber, dass der Mensch durch die Emission von Treibhausgasen eine rasante Erwärmung der Erde verursacht. Dieser Konsens ist vergleichbar mit dem wissenschaftlichen Konsens darüber, dass Rauchen Krebs verursacht. Beides ist hochwahrscheinlich, aber nicht zu 100% beweisbar. Natürlich gibt es Lungenkrebs bei Nichtrauchern, natürlich gibt es Raucher ohne Krebs, und natürlich gab es in der Erdgeschichte auch andere Ursachen für Klimaschwankungen. Aber wir müssen – wie fast immer – nach Plausibilitäten und Wahrscheinlichkeiten handeln, gerade wenn die drohenden Konsequenzen schwerwiegend und auf absehbare Zeit unumkehrbar sind.

Die Verbrennung fossiler Energieträger bildet das Fundament unseres historisch einmaligen Wohlstandes. Dieses Fundament soll nicht mehr tragen? Das macht uns Angst. Wir betteln nahezu um Argumente gegen die menschverursachte Erderwärmung.

Mächtige und finanzstarke Interessensverbände haben sich unsere Angst zunutze gemacht. Der öffentliche Eindruck einer wissenschaftlichen Kontroverse (die es nicht gibt) ist das Produkt einer milliardenschweren wirtschaftlich dominierten Gegenbewegung. Konservative Denkfabriken werden von undurchsichtigen Stiftungen finanziert und erarbeiten Konzepte, die selbst für (fachfremde) Wissenschaftler nicht mehr einfach von seriösen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu unterscheiden sind. Es ist daher hilfreich, sich auf Arbeiten zu konzentrieren, die sich einer Beurteilung durch die Wissenschaftsgemeinschaft stellen (Peer-Review).

 

Redaktion: Ein großes Thema in unseren Gesellschaften und auch global ist die Ungleichheit, die ungleiche, völlig aus dem Ruder laufende Verteilung der Güter. Es gibt einen offensichtlichen Zusammenhang mit der Migrationskrise, und das war erst der Anfang. Was sollte man zu dieser Thematik wissen?

Christian Voll: Auf nationaler Ebene nimmt die Ungleichheit rasant zu. Besonders prekär erscheint dabei, dass die Ungleichheit immer weniger mit der Leistung der Menschen in Zusammenhang steht. Dieser Trend ist hausgemacht und durch politische Entscheidungen herbeigeführt. Er gefährdet den inneren Frieden, ist aber auch ökologisch relevant. Angesichts des zunehmenden Reichtums einer elitären Schicht erscheint beispielsweise das Argument, man müsste Pestizide und Insektizide einsetzen, um den Getreidepreis für die einkommensschwachen Haushalte niedrig zu halten, äußerst zynisch.

Global ist die Situation noch deutlich komplizierter. Aber immerhin lassen sich einige offensichtliche Problemfelder ausmachen. Wir unterstützen die Korruption in den armen Ländern, indem wir die entsprechenden Gelder verwalten. Die reichen Länder reißen sich um die qualifizierten Arbeitskräfte der armen Länder statt sie vor Ort zu unterstützen. Wir fordern Handelsabkommen von Afrika, die eine eigenständige Entwicklung behindern.

 

Redaktion: Und nun die alles entscheidende Frage: Was können wir tun? Viele möchten etwas tun, doch Hoffnungslosigkeit macht sich angesichts der globalen Probleme und des ökologischen Niedergangs breit.

Christian Voll: Wir können sehr viel tun. Wir können uns informieren. Wir können uns für das interessieren, was uns täglich umgibt. Welche Geschichte hat ein Apfel hinter sich, den ich im Juni im Supermarkt kaufe? Wo ist Palmöl drin? Wir können in vielen kleinen Alltagsgesprächen das öffentliche Meinungsbild mitgestalten. Bei der deutschen Bundestagswahl 2017 hielten nur 6 % der Wähler Umweltpolitik für ein relevantes Thema. Das ist zu wenig. Wir können uns als Verbraucher hinterfragen: Was brauche ich, was will ich, was will ich nicht? Wir können uns einsetzen für verbindliche Regeln. Wir können uns in Organisationen engagieren, die unsere Ziele teilen. Wir können Parteien wählen, die unsere Ziele teilen oder uns in diesen Parteien engagieren. Wir dürfen uns nicht zurückziehen und jammern. Wir müssen dran bleiben, auch wenn es zäh ist.

Umwelterziehung steht für MareMundi an vorderer Stelle. Bewusstsein bilden, unser Konsumverhalten anpassen, bei Verbesserungen der bestehenden Situation aktiv mithelfen, das sind nur einige Möglichkeiten um die Zukunftschancen zu verbessern. Auch Sie können uns dabei aktiv helfen!

 

Die Redaktion unseres Vereins MareMundi dankt Dir recht herzlich für das Gespräch und wünscht weiterhin viel Erfolg in Deiner wichtigen Aufklärungsarbeit!

Das Gespräch führte Robert Hofrichter, MareMundi

Fotos und Illustrationen: Christian Voll und Robert Hofrichter

Redaktionelle Nachbearbeitung: Walter Buchinger und Gerald Blaich

 

 

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