Tunfische in der Adria: Tierquälerei als fragwürdiges Vergnügen und Geschäftsmodell

 

Große Tunfische werden beim big game fishing in der Kvarner Bucht zu Tode gehetzt und ins Meer zurückgeworfen

mare-mundi Sommer-Themenschwerpunkt 2016: Die Tunfische und ich

ein Artikel von Robert Hofrichter, mare-mundi.eu

 

Tunfische sind im wahrsten Sinn des Wortes urmediterrane Fische, denn die ersten Vertreter dieser Verwandtschaft lebten in der Erdgeschichte im Urmittelmeer (bzw. Urozean) Tethys: The earliest tunas lived in the Tethys Sea, a large circumtropical waterway that encircled Earth for about 50 million years (Mid-Cretaceous to the late Oligocene (∼25 mya)). Tuna comparative physiology von Jeffrey B. Graham, Kathryn A. Dickson

Eine Tonart (traditionelle Verarbeitungsstelle für tonno, Tunfisch) auf Favignana an der Westküste Siziliens. Illustration aus Wikipedia, Gemälde von Antonio Garni.

Eine Tonnara (traditionelle Verarbeitungsstelle für tonno, Tunfisch) auf Favignana an der Westküste Siziliens. Illustration aus Wikipedia, Gemälde von Antonio Garni.

 

Auf die faszinierenden Schwimmer der Ozeane wird seit langem in großem Stil Jagd gemacht, oft auf „mafiöse Art“ und ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist ein Millionengeschäft (Beispiel siehe Japan: World’s Most Expensive Fish Sold for $1.8 Million), bei dem es der Arten- und Meeresschutz schwer hat. Das Geschäft mit den Thunfischdosen kennt jeder Konsument aus eigener Erfahrung, doch sind es nur wenige, die sich auch über die Hintergründe des Millionengeschäfts informieren möchten.

Auch in kleineren Dimensionen wird mit Tunfischen „direkt vor der Haustür“ Geld gemacht, legal oder illegal. Das passiert auch in der kroatischen Adria und in der Kvarner Bucht in einem EU-Land.

 

Willkürlich ausgewählte Beispiele auf You Tube, in denen man sich ein Bild vom so genannten big game fishing auf Tunfische in Kroatien machen kann:

siehe auch: big-game-fishing-kroatien

 

Was genau passiert in der Adria?

  • Tunfische sind nach verschiedenen nationalen und internationalen Gesetzen und Abkommen geschützt, auch in der EU und in Kroatien.
  • Das Geschäft soll aber möglichst weiter laufen, beispielsweise durch das so genannte big game fishing. In der kroatischen Nordadria geschieht dies in der Saison täglich.
  • Tunfische werden geangelt, sie kämpfen je nach Größe unterschiedlich lang um ihr Leben.
  • Nach dem obligatorischen Foto soll die „Trophäe“ ins Meer zurückgeworfen werden – allerdings nur wenn es nach dem Gesetzt geht. Viel öfters wird die Beute illegal mitgenommen.
  • Strafen gibt es für solche Vergehen selten, wie unter Eingeweihten allgemein bekannt ist.
  • Kleinere Exemplare bis 50 kg können die qualvolle Prozedur überleben. Größere Tiere aber kämpfen bis zu drei Stunden lang bis zu ihrem Tod. Wenn sie mit geplatztem Herzen aus dem Meer gezogen werden, sollte man sie dem Gesetz nach ins Meer zurückwerfen (zur Wiederholung: Das passiert in der EU). Die Jagd selbst, also das prahleriche big game fishing, ist aber legal. Welche größeren Fische auch immer gefangen werden, sie alle stehen in der Adria am Rand der Ausrottung (Tunfische, Haie, Schwertfische und andere).
  • Skrupellose Geschäftemacher filetieren ihre Beute direkt an Bord in den Gewässern des Kvarners, werfen die Reste ins Meer und verstecken die kostbare Ware in ihren Booten so gründlich, dass die Täter von der Polizei oder Küstenwache nie erwischt werden. Alle wissen es, nur die Behörden nicht?

 

Nicht die traditionelle Mittelmeefischerei ist schuld am Niedergang der Bestände

Heute werden die Thunfischschwärme durch internationale Fischfangflotten bereits vor Gibraltar vollständig abgefischt. Einst zogen ab März riesige Thunfischschwärme durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, um dort ihre Laichgründe aufzusuchen, die bis nach Bakar in der nördlichsten Kvarner Bucht reichten (mare-mundi hat berichtet). Die Mattanza, was auf Italienisch für „Abschlachten“ steht, ist zwar nichts für schwache Nerven, aber ein Symbol des alten Kampfes der mediterranen Menschen ums Überleben und keinesfalls für die Ausrottung der Tunfische verantwortlich. Die die traditionelle Thunfischjagd gab es vor allem vor den Küsten Siziliens und Sardiniens. Speziell in Meerengen trieben die Fischer die ab Mai vorbeiziehenden Fischschwärme in ein System von Netzen, die verschiedene Kammern bilden – bis in die cammera della morte, die Todeskammer, aus der die Tunfische mit Enterhaken auf die Fischerboote gehoben wurden. An Land wurden sie dann in den so genannten tonnara weiterverarbeitet.

Eine Tonart (traditionelle Verarbeitungsstelle für tonno, Tunfisch) auf Favignana an der Westküste Siziliens. Illustration aus Wikipedia, Gemälde von Antonio Garni.

Eine Tonnara (traditionelle Verarbeitungsstelle für tonno, Tunfisch) auf Favignana an der Westküste Siziliens. Illustration aus Wikipedia, Gemälde von Antonio Garni.

 

All das schreiben wir bewusst in der Vergangenheitsform: Die Mattanza ist vielerorts eher nur noch ein touristisches Angebot. Die Erträge sinken durch die Überfischung der Bestände seit Jahrzehnten, so konnte die Mattanza in Trapani 2003 und 2004 nicht mehr stattfinden. Die traditionellen Fanggebiete lagen zwischen Trapani auf Sizilien und der Insel Favignana und vor Carloforte und der Isola di S. Pietro im Südwesten Sardiniens.

Die Mattanza in Favignana war seit alter Zeit legendär. Heute ist sie zu einem Touristenspektakel verkommen oder kann gar nicht stattfinden - weil die internationalen Fischereiflotten die Tiere bereits vor Gibraltar abfangen.

Die Mattanza in Favignana war seit alter Zeit legendär. Heute ist sie zu einem Touristenspektakel verkommen oder kann gar nicht stattfinden – weil die internationalen Fischereiflotten die Tiere bereits vor Gibraltar abfangen.

 

Tunfische und wir Konsumenten: Ist es wahr, dass wir nichts daran ändern können? Und: Ist es überhaupt gesund regelmäßig Tunfisch zu essen?

Nicht nur im Mittelmeer, sondern fast überall sonst sind Tunfische vom Aussterben bedroht. Der massive Raubbau an Populationen der acht Arten und das Millionengeschäft mit ihnen sind Schuld daran. Viele von uns lieben Tunfisch auf der Pizza, im Salat oder sonst in der Küche. Wir würden gern die Augen vor den Fakten verschließen und uns einreden, dass wir keine Verantwortung tragen, dass unser Konsumverhalten nichts an dem Geschehen ändert. Das ist allerdings eine Selbsttäuschung.

Abgesehen davon, dass Tunfische stark bedroht und schützenswert sind, gibt es auch andere handfeste Argumente dafür den Konsum stark zu reduzieren. Sie enthalten jede Menge Umweltgifte, wie alle anderen Top-Prädatoren der Meere auch. Die besonders gesundheitsschädliche Form des Quecksilbers, Methylquecksilber, ist in ihnen reichlich enthalten. Die EU-Kommission informiert seit 2004 ihre Mitgliedsstaaten, dass schwangere und stillende Frauen und kleine Kinder nicht mehr als zwei Portionen zu je 100 g Thunfisch pro Woche verzehren sollten.

 

Biologische Information zu Tunfischen

Es gibt 8 Arten von Thunnus, T. alalunga, T. albacares, T. atlanticus, T. maccoyii, T. obesus, T. orientalist, T. thynnus und T. tonggol, davon 2 im Mittelmeer: Thunnus alalunga (Albacore) und Thunnus thynnus (Atlantic bluefin tuna).

 

Informieren Sie sich, jede Änderung bzw. Verbesserung beginnt bei uns selbst

WWF Einkaufsratgeber: Fische und Meeresfrüchte 2016 http://www.wwf.de/aktiv-werden/tipps-fuer-den-alltag/vernuenftig-einkaufen/einkaufsratgeber-fisch/

http://www.wwf.de/themen-projekte/artenlexikon/thunfische/

Rooker, J.R., J.R. Alvarado Bremer, B.A. Block, H. Dewar, G. De Metrio, A. Corriero, R.T. Kraus, E.D. Prince, E. Rodríguez-Marín and D.H. Secor, 2007. Life history and stock structure of Atlantic bluefin tuna (Thunnus thynnus). Res. Fish. Sci. 15: 265-310.

http://www.jadran-tuna.hr: Jadran tuna – tuna farming experts http://www.jadran-tuna.hr/index-en.html

https://www.greenpeace.de/themen/meere/thunfischdosen-bitte-nicht-kaufen

http://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article119043273/Darf-man-guten-Gewissens-noch-Thunfisch-essen.html